Hamburg

Wie Hamburg den Mord an zwei jungen Vietnamesen verdrängte

Der Hausmeister steht am 22.08.1980 in der ausgebrannten Wohnung im Wohnheim in der Halskestraße.

Der Hausmeister steht am 22.08.1980 in der ausgebrannten Wohnung im Wohnheim in der Halskestraße.

Foto: Lothar Heidtmann / picture alliance

Vor 40 Jahren war Hamburg Schauplatz eines der ersten rassistischen Anschläge nach dem Krieg. Um ein Mahnmal wird noch gerungen.

Hamburg. „Ausländer raus“, steht in roter Farbe an der Hausfassade in Hamburg-Billbrook. Geschrieben wurden die Worte von Mitgliedern der terroristisch-neonazistischen Vereinigung „Deutsche Aktionsgruppen“. Doch in der Nacht vom 21. auf den 22. August 1980 belassen es die Täter nicht bei dem Schriftzug.

Die Gruppe, bestehend aus zwei Männern und einer Frau, werfen drei Brandsätze durch ein Fenster in die Geflüchtetenunterkunft an der Halskestraße – ins Zimmer 34, Hochparterre. Dort schlafen zwei junge Männer: der 22-jährige Lehrer Nguyễn Ngọc Châu und der 18 Jahre alte Đỗ Anh Lân.

In Hamburg ereignete sich einer der ersten rassistisch motivierten Anschläge der Nachkriegszeit

Wie das Abendblatt damals berichtet, ist das Zimmer der beiden Vietnamesen von innen abgeschlossen. Ein Nachbar, der in einem Nebenzimmer schlief, hört einen Knall, bemerkt Rauch, rüttelt an der Tür. Doch erst nach einer Weile öffnet sich diese. Đỗ Anh Lân blutet, hat schwere Verbrennungen am ganzen Körper und ruft nach Wasser.

Sein Nachbar und ein weiterer Flurbewohner helfen ihm, löschen den Brand im Zimmer mit einem Feuerlöscher und können schließlich auch Nguyễn Ngọc Châu aus seinem verbrannten Bett bergen. Die beiden Geflüchteten überleben den Anschlag nicht: Nguyễn Ngọc Châu stirbt noch am Morgen des 22. August, wenige Stunden nach dem Feuer. Đỗ Anh Lân liegt neun Tage in der Unfallklinik Boberg, bevor auch sein Leben endet.

Bürgermeister Klose hielt in Öjendorf eine Trauerrede

In der Unterkunft sollen damals etwa 240 Menschen untergebracht gewesen sein. Die Tat gilt als eine der ersten dokumentierten fremdenfeindlich motivierten Anschläge auf Geflüchtete in der Nachkriegszeit. Doch in Hamburg erinnert bisher kein Denkmal, kein Hinweis im öffentlichen Raum an die beiden sogenannten Boatpeople aus Vietnam. 400 Menschen waren damals zur Beisetzung von Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân auf dem Friedhof Öjendorf erschienen, Bürgermeister Hans-Ulrich Klose hielt eine Trauerrede. Doch danach wurde es still um den Vorfall in der früheren Einrichtung, die heute ein Hotel ist.

Erst im Jahr 2014 fand eine Kundgebung in Erinnerung an den Anschlag in Billbrook statt, organisiert von Aktivisten. Daraufhin gründete sich die „Initiative für ein Gedenken an Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân“. Zu der Gruppe gehören politisch engagierte Hamburger, Betroffene des Anschlags und Bekannte der Opfer.

Initiative setzt sich für ein Denkmal in der Halskestraße ein

Caroline Flöel ist eine von ihnen. „Als wir angefangen haben, war es so, dass viele Menschen, die sich auch durchaus politisch engagieren, noch nie etwas von diesen Morden gehört hatten“, erzählt sie. Die Tode „waren schon ziemlich in Vergessenheit geraten“, so Flöel. Zur ersten Kundgebung 2014 brachten die Aktivisten eine selbst gemachte Gedenktafel mit. „Das war vor allem als symbolische Aktion gedacht“, sagt Flöel, die weiß, dass man die Tafel dort nicht einfach ohne Genehmigung anbringen konnte.

„Dass sie schon innerhalb von zwei Stunden durch das Hotel entfernt wurde, hat uns natürlich doch etwas betroffen gemacht“, sagt die heute 50-Jährige. Seitdem fordert die Initiative, einen Gedenkort für die Verstorbenen einzurichten oder eine feste Gedenktafel am Tatort zu installieren sowie mindestens einen Teilabschnitt in Billbrook in „Châu-und-Lân-Straße“ umzubenennen. Gerade Letzteres „ist eine sehr mühsame Angelegenheit“, sagt Flöel.

An der Entscheidung für oder gegen Arten des Gedenkens sind mehrere öffentliche Stellen beteiligt: das Bezirksamt Mitte, die Kulturbehörde und private Pächter an der Halskestraße. Bereits 2015 riet die Kulturbehörde von einer Umbenennung der Straße ab. Im Stadtteil Billbrook gehöre Halske zu den prägenden Namen und sichere Orientierung und Auffindbarkeit, hieß es unter anderem zur Begründung. Dies geht aus der Antwort des Senats auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion vom Mai 2017 hervor.

Hamburger Linksfraktion unterstützt damals Forderungen der Initiative

Der Politiker Norbert Hackbusch erkundigte sich in der Anfrage damals zu den Forderungen der Initiative Châu und Lân. „Aus Sicht des Bezirksamtes Hamburg-Mitte bietet die Umgebung der Einrichtung im vorhandenen öffentlichen Straßenraum aufgrund der örtlich begrenzten Platzverhältnisse keine Möglichkeit für die Einrichtung eines Gedenkortes“, antwortete der Senat.

„Die Teilnahmslosigkeit und das Desinteresse des Senats in diesem Zusammenhang haben mich echt erschüttert“, verkündete Linken-Politiker Hackbusch daraufhin in einer Pressemitteilung. Die Initiative war frustriert: „Rassismus“, ließ sie verlauten, „ist kein Problem, das an Betroffene abgeschoben werden kann, sondern ein gesamtgesellschaftliches.“

2019 stimmte der Hauptausschuss Mitte einer Gedenkstätte zu

Einen Teilerfolg gibt es dann doch noch – aber erst zwei Jahre später. Im Juni 2019 reichen die Fraktionen von Grünen, SPD, CDU und Linken in Hamburg-Mitte einen Antrag für die Schaffung einer Gedenkstätte in der Nähe des Tatortes ein. Der Hauptausschuss stimmt geschlossen zu. Zusätzlich wird beschlossen, eine Gedenkveranstaltung im Jahr 2019 finanziell zu unterstützen.

Praktisch bedeutet das für die Forderungen der Initiative: Die Bezirksversammlung Mitte stellt 10.000 Euro für eine Skulptur und Gedenktafel im öffentlichen Raum zur Verfügung. Das Bezirksamt Mitte äußert sich dazu auf Abendblatt-Anfrage: „Die erforderlichen Genehmigungen einzuholen gestaltet sich durch unterschiedliche Eigentümer etwas langwieriger.“ Wann eine Tafel nahe dem Tatort aufgestellt werden kann, bleibt also offen.

Skulptur auf dem Friedhof Öjendorf wird im August eingeweiht

Die Skulptur steht inzwischen – allerdings nicht in der Halskestraße, sondern auf dem Friedhof Öjendorf, der letzten Ruhestätte von Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân. Sie soll in diesen Tagen offiziell eingeweiht werden. Mehr wird erst mal nicht passieren: Die Kulturbehörde äußerte sich in Zusammenhang mit dem Antrag im Jahr 2019 erneut ablehnend zum Vorschlag, den Namen der Halskestraße zu verändern.

Linken-Politiker Hackbusch sieht keine nachvollziehbare Begründung, warum nicht zumindest ein Teil der Straße umbenannt werden könne, wie er auf Abendblatt-Anfrage mitteilt. „Dass in all den Jahren noch immer kein Zeichen des Erinnerns an Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân in der Halskestraße entstanden ist, überrascht mich offen gesagt leider nicht: Hamburg hat keine klare Haltung gegenüber seiner Erinnerungskultur“, so Hackbusch.

Initiative: Nicht nur Opfer und Angehörige sollten Gedenken anstoßen

„Wir haben das Gefühl, dass wir doch ganz schön gegen Widerstände ankämpfen müssen“, sagt auch Caroline Flöel, die mit der Initiative Châu und Lân weiter jährliche Gedenkveranstaltungen ausrichten will.

Sie wünscht sich, dass nicht nur Opfer und Angehörige rassistischer Gewalttaten ein Gedenken anstoßen. „Indem man an rechte Gewalttaten und rassistische Morde erinnert, wird auch klar: Das ist nicht etwas, was erst seit zwei Jahren stattfindet“, so Flöel.

Linken-Politiker Hackbusch äußert sich auf Abendblatt-Anfrage ähnlich: „Weder dieser Brandanschlag, verübt von der rechtsextremistischen Vereinigung 'Deutsche Aktionsgruppe', noch die Morde des NSU oder die Mordanschläge in Halle oder Hanau sind Taten von Einzeltäter:innen. Wir müssen die Strukturen und die Kontinuität rechter Gewalt erkennen, wenn wir dagegen vorgehen wollen – und dazu müssen wir uns dem Erinnern stellen.“

Attentäter-Netzwerk von 1980 steht in Verbindung zum NSU

Die Attentäter der sogenannten „Deutschen Aktionsgruppen“ wurden 1982 unter anderem wegen der Gründung einer terroristischen Vereinigung verurteilt. Ihr Netzwerk steht in Verbindung zum Nationalsozialistischen Untergrund (NSU), der von 1999 bis 2007 in ganz Deutschland rassistisch motivierte Morde verübte.

Im Vorwort zum Hamburger Verfassungsschutzbericht für 2019, der in diesem Jahr erschienen ist, schreibt Innensenator Andy Grote (SPD): „Die Bedrohung durch den Rechtsextremismus hat im vergangenen Jahr eine neue Qualität erreicht“ – und bezieht sich damit unter anderem auf den Anschlag, der im Februar dieses Jahres neun Menschen in Hanau das Leben kostete.

Hamburger Polizei zählt 304 rechtsextreme Straftaten im Jahr 2019

Der Hamburger Verfassungsschutz rechnete 2019 aufgerundet etwa 330 Personen in Hamburg der rechtsextremistischen Szene zu. Von diesen wurden 130 als gewaltorientiert eingestuft. Da wundert es nicht, dass die Polizei im Jahr 2019 insgesamt 453 von rechts motivierte politische Straftaten, davon 304 rechtsextreme Straftaten, notiert. Zu dieser Zahl gehören auch 25 extremistische Gewaltdelikte.

Caroline Flöel und der Initiative für ein Gedenken an Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân geht es heute aber nicht nur darum, auf die Bedrohung durch Rechtsextremismus aufmerksam zu machen. Sie möchten auch den Verstorbenen ein Gesicht geben. Über die beiden Vietnamesen ist in Hamburg immer noch sehr wenig bekannt, obwohl Đỗ Anh Lâns Mutter schon seit vielen Jahren in der Hansestadt lebt. „Das finden wir nach wie vor sehr traurig“, sagt Flöel. Sie hofft darauf, spätestens 2022 eine Gedenktafel am Tatort in der Halskestraße einweihen zu können.

Eine Kundgebung zum 40. Jahrestag des Brandanschlags ist für diesen Sonnabend um 16 Uhr an der Halskestraße 72 geplant, unter anderem mit einem Redebeitrag von Christel Neudeck, Mitgründerin der Geflüchtetenhilfsorganisation Cap Anamur/Deutsche Not-Ärzte e. V.

Das erste Denkmal im Gedenken an Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân wird voraussichtlich am 29. August auf dem Friedhof Öjendorf eingeweiht – Corona-bedingt nur mit kleiner Teilnehmerzahl.