Hamburg

Krankenhaus Groß-Sand: Jetzt spricht ein Chefarzt

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Christoph Rybarczyk
Dr. Wolfgang Reinpold, Leiter der Chirurgie und des Hernienzentrums im Hamburg-Wilhelmsburger Krankenhaus Groß-Sand.

Dr. Wolfgang Reinpold, Leiter der Chirurgie und des Hernienzentrums im Hamburg-Wilhelmsburger Krankenhaus Groß-Sand.

Foto: HA

Mediziner und Pfleger verärgert über Informationspolitik der finanziell angeschlagenen Klinik. Demonstration in Wilhelmsburg.

Hamburg. Die Ärzte sind empört, die Pflegerinnen gehen jetzt auf die Straße: Die finanzielle Schieflage des Krankenhauses Groß-Sand in Wilhelmsburg lässt eine Welle durch Hamburgs flächenmäßig größten Stadtteil laufen, deren Höhe noch gar nicht abzusehen ist. Für die nächste Woche ist eine Demonstration geplant. Im Abendblatt spricht erstmals einer der Chefärzte über die Situation der Klinik, die von der St. Bonifatius Gemeinde getragen, aber inzwischen faktisch vom katholischen Erzbistum Hamburg gemanagt wird.

Dr. Wolfgang Reinpold leitet die Chirurgische Abteilung und das Referenzzentrum für Hernienchirurgie in Groß-Sand. Über die sehr angespannte Lage des Hauses sind die rund 450 Mitarbeiter offenbar nur spärlich informiert worden. „Wir als Ärzte und Mitarbeiter haben jetzt erst davon erfahren, offensichtlich bestand dieses Problem aber schon seit einem Jahr, ohne dass wir zur Klärung oder Lösung hinzugezogen wurden“, sagte Reinpold.

Krankenhaus Groß-Sand: Patienten aus ganz Deutschland

Man habe durch eine interne Mitteilung von einer neuen Ausrichtung des Krankenhauses erfahren. „Allerdings ist die Mitteilung wenig präzise und bedarf der Erörterung mit dem derzeitigen Träger.“

Ebenso wenig kann der Chefarzt verstehen, dass bei dem hamburgweit bekannten Schwerpunkt Geriatrie sowie in seiner eigenen Disziplin das Haus keine Zukunft haben soll. In seine Abteilung kämen Patienten aus ganz Deutschland, so Reinpold. Die Hernienchirurgie (Leisten- und Bauchwandbrüche) sei als eines von nur sechs deutschen Referenzzentren zertifiziert. 1200 dieser Patienten seien 2019 in Groß-Sand operiert worden.

Wilhelmsburger Krankenpflegeschule wird geschlossen

„Die von uns entwickelten minimalinvasiven Techniken für Bauchwand- und Narbenhernien haben die Hernienchirurgie weltweit maßgeblich verbessert. Kollegen aus der ganzen Welt hospitieren in unserer Abteilung, um von uns entwickelte Techniken zu erlernen.“ Wechseloperationen in der Hüft- und Knieprothesen-Orthopädie und die Tumor-Orthopädie seien ebenfalls medizinische Leuchttürme.

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Für diese Arbeit braucht man spezialisierte Pflegerinnen und Pfleger. Die wurden bislang an der Wilhelmsburger Krankenpflegeschule ausgebildet. Doch die soll im Zuge des Umbaus ebenfalls geschlossen werden – zum 1. Oktober.

Aktionen für Groß-Sand auch an der S-Bahn

Die Auszubildenden sollen laut Geschäftsführung dann an einer anderen Einrichtung in Hammerbrook unterrichtet werden. „Die Gesundheits- und Krankenpflegeschule Groß-Sand ist die einzige südlich der Elbe und zeichnet sich insbesondere durch die direkte Förderung von Schülern mit Migrationshintergrund aus. Sprachbarrieren zu beseitigen und in den kulturellen Austausch zu gehen, war stets Teil des Unterrichtskonzepts“, heißt es in einem offenen Brief aus der Krankenpflegeschule.

Der ehemalige Auszubildende und Pfleger Thomas Kosiol wird damit zitiert, dass die Argumentation der Krankenhausleitung falsch sei. „Die Begründung der Geschäftsführung zur geplanten Schließung der Schule ist in sich unschlüssig und in allen Punkten zu widerlegen.“ Die Finanzen könnten als Begründung nicht herhalten. Die theoretische und praktische Ausbildung sei über einen Ausbildungsfonds geregelt.

Am Donnerstag wollen die Krankenpflegeschüler auch an den S-Bahnstationen Flyer verteilen. Zuletzt hängten Pflegeschüler Transparente aus ihren Fenstern, um auf die Situation aufmerksam zu machen. Sie wollen den Stadtteil aufrütteln.

Chefarzt appelliert an Hamburger Senat

Chefarzt Reinpold ist auch besorgt, weil Groß-Sand zu einem Medizinischen Versorgungszentrum „degradiert“ werden könnte, in dem die operativen Schwerpunkte entfielen. „Es gibt hier ja bereits ein MVZ, dessen Ausbau sicher sinnvoll wäre. So fehlt in Wilhelmsburg zum Beispiel ein kassenärztlicher Sitz für Röntgendiagnostik mit Computertomografie und Kernspintomografie. Diese Untersuchungen sind in Groß-Sand bisher nur bei Notfällen und stationären Patienten möglich.“

Das Haus müsse als Ganzes erhalten bleiben. „Im Südelberaum gibt es nur drei Krankenhäuser, im Norden der Elbe fast 40! Ein wachsender Stadtteil wie Wilhelmsburg braucht ein richtiges Krankenhaus mit stationärer und operativer Behandlungsmöglichkeit, die ein medizinisches Versorgungszentrum nicht bietet.“ Reinpold appellierte an den Hamburger Senat, an einer Lösung mitzuwirken.

Gespräche zwischen Gesundheitssenatorin Leonhard und Erzbistum

Gesundheits- und Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) sagte zuletzt im Abendblatt-Interview, es sei gut, „dass das Bistum sich überlegt, welche Ideen es gibt, dort die Versorgung zu erhalten“. Es gebe mehrere Varianten für eine Lösung. „Zunächst muss das Bistum klarstellen, was es möchte. Danach werden wir gemeinsam klären, was die beste Lösung sein kann.“ Die Behörde sei sehr interessiert daran, in Groß-Sand die Versorgung zu erhalten.

Hinter den Kulissen heißt es, das Bistum müsse sich bewegen. Die Kassenärztliche Vereinigung und Krankenkassen wie die Barmer mit Landeschef Frank Liedtke hatten ihre Unterstützung angeboten.

Gerade in der Corona-Krise treibt auch viele Abendblatt-Leser die Entwicklung in der medizinischen Versorgung der Stadt um. Eine Leserin fragte provokant, woran es wohl liegen könne, dass man nicht schnell „Geld lockermache“ für ein Krankenhaus: „Wieder mal, weil es nur Wilhelmsburg ist?“

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