Rätselhafte Krankheit

Kreidezähne sind bei Kindern gefährlicher als Karies

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Peter Wenig
Der Kampf gegen Kreidezähne: Kinderzahnärztin Stefanie Auras kümmert sich in der Praxis „Hamburger Wackelzähne“ mit ihrer Assistentin Lena Kreuzfeldt (r.) um Felix.

Der Kampf gegen Kreidezähne: Kinderzahnärztin Stefanie Auras kümmert sich in der Praxis „Hamburger Wackelzähne“ mit ihrer Assistentin Lena Kreuzfeldt (r.) um Felix.

Foto: Marcelo Hernandez

Sorge um Hamburgs Kinder: Vier Prozent der Sechs- bis Zwölfjährigen sind in Behandlung. Erkrankung wird oft nicht erkannt.

Hamburg. Felix weiß genau, wo er das Licht über seiner Zahnarztliege ausknipsen kann. Der Achtjährige ist schließlich Stammgast in der Praxis „Hamburger Wackelzähne“ an der Lübecker Straße. Dies hat nichts mit mangelnder Zahnhygiene zu tun, Zahnärztin Stefanie Auras lobt ausdrücklich seine Putzanstrengungen: „Du pflegst deine Zähne ganz toll.“

Der Schüler leidet unter einer Zahnkrankheit, deren Ursachen man nicht behandeln kann, weil man sie schlicht nicht genau kennt. Die Mediziner nennen sie Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH), der Volksmund dagegen ebenso schlicht wie zutreffend Kreidezähne, da diese Zähne brüchig wie Kreide werden können. Inzwischen gehen bei Kindern durch MIH mehr Zähne verloren als durch Karies. Laut Zahnarztreport der Barmer Krankenkasse wurden 2018 in Hamburg vier Prozent der Hamburger Kinder im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren wegen Kreidezähnen behandelt. Doch die Volkskrankheit bleibt oft unentdeckt, weil die Eltern die regelmäßigen Kontrolluntersuchungen ihrer Kinder vernachlässigen oder fälschlicherweise Karies diagnostiziert wird. Nach Studien hat jeder vierte Zwölfjährige in Deutschland zumindest einen Kreidezahn.

Was sind die ersten Symptome?

Die Zähne haben weiße bis gelblichbraune Flecken. Betroffen sind vor allem Backenzähne, aber auch Schneidezähne. Die Zähne zeigen diese Symptome, sobald sisich aus dem Kiefer durch das Zahnfleisch schieben. Auch Milchzähne können betroffen sein. In schweren Fällen wird der Zahnschmelz stark beschädigt, der Zahn wird porös und brüchig. Entsprechend schmerzhaft ist an diesen Stellen das Zähneputzen. Ein Teufelskreis: Da die Kinder diesen Zahn dann nicht mehr richtig pflegen, steigt die Gefahr von Karies.

Was sind die Ursachen?

Die Fachwelt steht weiter vor einem Rätsel. Nach einer Studie, die an Ratten vorgenommen wurde, könnten Weichmacher eine Rolle spielen, die man mit der Nahrung zu sich nimmt. Manche Zahnmediziner warnen daher vor dem Trinken aus Plastikflaschen.

„Wir fragen die Eltern betroffener Kinder immer, ob es während der Schwangerschaft etwas Auffälliges gab“, sagt Yasmin Lucks, Kinderzahnärztin in der Praxis „Hamburger Wackelzähne“. Milchzähne werden bereits in der sechsten Schwangerschaftswoche angelegt, die bleibenden Zähne in den ersten Lebensjahren. Auffällig oft, so Lucks, würden die Eltern über Komplikationen bei der Geburt oder schweren Erkrankungen ihres Kindes mit hohem Fieber berichten. Ihre Vermutung: „Es kann sein, dass der Körper zu sehr mit diesen Krankheiten beschäftigt war und zu wenig für die Mineralisierung der Zähne tun konnte.“ Spekuliert wird auch über einen Zusammenhang mit Vitamin-D-Mangel oder frühen Antibiotika-Gaben.

Frank Liedtke, Landeschef der Barmer Hamburg, sieht die Wissenschaft in der Pflicht: „Wir brauchen intensivere Forschung, damit MIH nicht länger eine große Unbekannte bleibt.“

Ist die Erkrankung wirklich neu?

Auch darüber gehen die Meinungen auseinander. Entdeckt wurde MIH erst Mitte der 1980er-Jahre, was darauf hindeuten könnte, dass es sich um eine klassische Zivilisationskrankheit handelt. Möglich ist allerdings ebenfalls, dass die Kreidezähne früher schlicht als Karies-Fälle diagnostiziert wurden.

Was kann man bei Kreidezähnen tun?

Dies hängt vom Ausmaß der MIH ab. Wenn der Zahn seinen Schmelz noch erhalten hat, reichen Kontrollen, Fluoridlack und eventuell eine Versiegelung, um die Furchen im Zahn zu kitten. Ist der Zahnschmelz eingebrochen oder abgesplittert, werden die Zähne mit Kunststoff-Füllungen restauriert. In schweren Fällen müssen die Zähne überkront oder sogar gezogen werden.

Wenn in direkter Nachbarschaft des Kreidezahns ein Weisheitszahn angelegt ist, kann versucht werden, über eine intensive kieferorthopädische Behandlung, diesen Weisheitszahn nach vorne zu schieben. „Dann erhält das Kind sein vollständiges Gebiss“, sagt Yasmin Lucks.

Wie wichtig ist die Rolle der Eltern?

Entscheidend. „Wir erklären den Eltern genau, auf welche Veränderungen sie bei Kreidezähnen achten sollen. Es ist besser, sie melden sich einmal zu viel als einmal zu wenig bei uns“, sagt Yasmin Lucks. Felix hat das Glück, dass seine Eltern stets auf Zahnpflege geachtet haben. Er nutzt eine spezielle Zahncreme, geht regelmäßig zur Zahnreinigung.

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Ab wann sollte man mit seinem Kind das erste Mal zum Zahnarzt gehen?

So früh wie möglich, am besten schon ab sechs Monaten, wenn der erste Milchzahn zu sehen ist. Rund 15 Prozent aller Kinder zwischen sechs und 30 Monaten haben bereits an mehreren Stellen Karies. Viele Eltern machen noch immer den Fehler, ständig süße Getränke aus Babyflaschen anzubieten („Nuckelflaschenkaries“).

Zudem schafft ein früher Kontakt zu einem Zahnarzt in aller Regel Vertrauen, der kleine Patient kommt angstfrei. „Wir appellieren an Eltern und Erziehende, die vorgesehenen Routineuntersuchungen für Kinder und Jugendliche noch stärker zu nutzen, um frühzeitig Erkrankungen und Entwicklungsstörungen im Zahn-, Mund- und Kieferbereich zu erkennen“, sagt Liedtke.

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