Neue Fahrradserie

Critical Mass Hamburg: Was wirklich dahintersteckt

| Lesedauer: 7 Minuten
Seit neun Jahren radelt Ralph Wössner bei den Verbandsfahrten um Critical Mass mit.

Seit neun Jahren radelt Ralph Wössner bei den Verbandsfahrten um Critical Mass mit.

Foto: Michael Rauhe

Im Interview verrät ein Mitfahrer mehr über die Verbandsfahrt, ihr Schwarmwissen und schimpft über Asphaltwüsten.

Hamburg.  Keine Veranstalter, keine Verantwortlichen, aber ein Gruppenname mit 20-jähriger Geschichte: Critical Mass Hamburg (CM) vereint monatlich Hunderte Fahrradfahrer, die durch das Stadtgebiet radeln und Autofahrern den Straßenraum streitig machen – zumindest normalerweise.

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie hat keine Tour mit vergleichbarer Größe stattgefunden. Doch voraussichtlich am kommenden Freitag um 19 Uhr soll es am Alsterufer wieder losgehen.

Unbeteiligte verstehen die CM als Demonstration, doch das ist sie nicht. Wozu also dienen die Fahrradtreffs? Ralph Wössner (40) fährt seit neun Jahren mit. Er ist vernetzt und kennt ein paar Hundert der Teilnehmer. Im Abendblatt-Interview verrät er mehr zur Gruppe – und leitet persönliche Forderungen an die Landespolitik ab.

Abendblatt: Weder Demonstration noch Veranstaltung – als was darf Critical Mass, zu Deutsch „kritische Masse“, denn nun bezeichnet werden?

Ralph Wössner: Sie ist eigentlich nur eine Verbandsfahrt nach StVO § 27. Demnach bildet eine Gruppe von mindestens 16 Radfahrern die kritische Masse, um als ein Fahrzeug verstanden zu werden: Fährt der Erste über Grün, dürfen alle Gruppenmitglieder über die Kreuzung fahren – auch wenn die Ampel zwischenzeitlich auf Rot umspringt. Niemand übernimmt die gesamte Verantwortung, und niemand organisiert die CM. Ich nehme zwar an den Verbandsfahrten teil, kann sie aber eigentlich gar nicht repräsentieren, weil ich nur einer von ganz vielen bin.

Keiner verbürgt sich namentlich, aber Hunderte machen mit. Wenn nicht einer alleine, wer verantwortet dann die Fahrt?

Alle, also jeder für sich selbst. Wenn du zu Fuß alleine oder in einer Gruppe über die Straße gehst, trägst du auch die Verantwortung für dich selbst.

Wer bestimmt den Treffpunkt und die Route?

Wieder keiner alleine, sondern die Masse. Der Endpunkt der letzten Route dient als Startpunkt der neuen. Wer den Ort nicht kennt, liest ihn auf Twitter, Facebook oder der Webseite nach. Wenn sich alle versammelt haben, geht es los. Dann fährt irgendjemand vor und alle anderen hinterher. Falls man die Gruppe unterwegs verliert, kann sie per Live-Tracking mit der App Critical Maps aufgespürt werden.

„Ein durchsetzungsstarkes Mundwerk kann dabei sicher nicht schaden“, steht auf der Webseite criticalmass.in/hamburg. Was bedeutet das in der Praxis?

Die vorderen Radfahrer gestalten die Strecke. Manchmal ist die Gruppe kleiner, manchmal größer. Wenn jemand eine gute Idee hat, muss er sie verteidigen. Das ist ein dynamischer Prozess. Eine feste Gruppe oder Route gibt es nicht. Aber es gibt Schwarmwissen, wie gute Strecken aussehen: Mit vielen Radfahrern über schmale Straßen zu fahren, ist unklug. Nach Engstellen und Steigungen müssen wir langsam fahren, damit keine Lücken entstehen und die Leute sich sammeln können. Es ist auch immer wieder beeindruckend, wie gut der Schwarm funktioniert, zum Beispiel bei Blaulicht. Es gibt Vergleichsvideos im Netz, wie viel schneller die CM im Vergleich zu Autos eine Rettungsgasse bilden kann. Notarzt, Polizei und Feuerwehr kommen schneller ans Ziel.

Wer gehört zum Schwarm?

Jeder, der da ist. Und es darf jeder mitfahren!

Egal aus welcher politischen Ecke?

Ich persönlich würde mich nicht freuen, wenn Nazis mitfahren, aber Politik hat bei der CM nichts zu suchen.

Darfst du als Teilnehmer politische Forderungen stellen?

Ich bin politisch interessiert, aber will nicht, dass die CM politisch ist. Sie soll groß und schön sein. Je mehr Politik mitschwingt, desto kleiner wird die Gruppe. Es gab zwar Versuche, die CM zu politisieren, aber das gab böses Blut, weshalb manche nicht mehr mitfahren. Wie gesagt, CM ist keine Demo, deshalb fahren wir ohne Banner, Werbung und Unterschriftenlisten. Die polarisieren nur. Das Erfolgsrezept liegt darin, dass die CM keine politische Veranstaltung ist und alle willkommen heißt.

Worin liegt der kleinste gemeinsame Nenner, der zum Mitmachen motiviert?

Du kannst zehn Leute fragen und bekommst zehn unterschiedliche Antworten. Es macht Spaß, in der Gruppe zu fahren. Radfahrer zeigen Präsenz, um als vollwertige Verkehrsteilnehmer anerkannt zu werden. Dadurch hat die CM eine verbindende Funktion, und das ist positiv. Im Alltagsverkehr empfinde ich mich auf dem Rad oft als Einzelkämpfer. Die CM schafft neue Perspektiven. In der Gruppe fahren wir durch den Wallringtunnel, auf der Ost-West-Straße oder anderen Straßen, die ich sonst eher nicht nutze.

Warum fährst du mit?

Zum einen macht es mir Spaß, weil ich viele kenne, die mitradeln. Zum anderen bin ich verkehrspolitisch motiviert und fahre mit, weil Radverkehr in Hamburg besser werden muss. Es ist oft ätzend, hier auf dem Rad unterwegs zu sein: Fahre ich neben parkenden Autos auf kleinen Radwegen, werde ich an der nächsten Kreuzung kaum von anderen Verkehrsteilnehmern wahrgenommen. Oft sind die Radwege auch kaputt oder ganz viele Fußgänger unterwegs. Dann fahre ich auf der Straße, und die Autofahrer hupen und drängeln. Einige Asphaltwüsten lassen Radfahrern keinen Platz, zum Beispiel die Dehnhaide oder Max-Brauer-Allee. Die Leute fahren nicht Rad, weil es so schön ist, sondern fahren trotzdem. Das muss sich ändern. Ich wünsche mir, dass ich in Hamburg sicher und komfortabel Fahrrad fahren kann, ohne ständig ausgebremst zu werden.

Polizisten begleiten euch im Streifenwagen und auf dem Motorrad, aber die meisten Kreuzungen sperrt ihr selber. Das nennt ihr „corken“. Gab es da schon Probleme mit anderen Verkehrsteilnehmern?

Die Masse kommt meistens sehr gut alleine klar. Manche Autofahrer verhalten sich aber unvernünftig – denen tut es gut, wenn jemand in Uniform mit ihnen spricht.

Wie gut verträgt sich die anonyme Masse mit der Hamburger Polizei?

Das ist ein Leben-und-leben-lassen. Die machen ihren Job und den machen sie gut. Es ist aber schade, dass die Polizisten nicht auf dem Rad, sondern im Auto und auf dem Motorrad mitfahren. Die Hamburger Polizei will anscheinend nicht als Teil der Gruppe auftreten.

Die nächste CM-Verbandsfahrt findet voraussichtlich am Freitag, dem 31. Juli, gegen 19 Uhr, ab Schwanenwik statt, könnte jedoch coronabedingt noch ausfallen. Mehr Informationen im Internet unter criticalmass.in/hamburg.

Das Hamburger Abendblatt hat ein eigenes Magazin zum Thema „Hamburg mit dem Rad“ herausgebracht: 108 Seiten, 9 Euro (Treuepreis 7 Euro). Erhältlich in der Abendblatt-Geschäftsstelle am Großen Burstah 18–32 unter Telefon 040/333 66 999, unter abendblatt.de/magazine und bei Amazon.

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