Trauer

Kapitän des Theaterschiffs: Eberhard Möbius ist tot

Eberhard Möbius, der Kapitän des Hamburger Theaterschiffs, beim Blankeneser Neujahrsempfang im Januar dieses Jahres.

Eberhard Möbius, der Kapitän des Hamburger Theaterschiffs, beim Blankeneser Neujahrsempfang im Januar dieses Jahres.

Der Begründer des Hamburger Theaterschiffs ist im Alter von 93 Jahren gestorben. Seinen letzten großen Auftritt hatte er im Dezember.

Hamburg. Zuletzt war es still geworden um den Mann, der – wenn er erst einmal loslegte – erzählen konnte, wie kaum ein zweiter Hamburger Kulturschaffender in solch einem reifen Alter. „Guten Tag, mein Name ist Möbius, ich bin der Admiral der norddeutschen Rollator-Flotte!" So stellte sich der seit einigen Jahren auf einen Gehwagen angewiesene Eberhard Möbius Unbekannten gern selbstironisch vor.

„Möbi“, wie er sich und alle, die ihn kannten, nur nannte(n), genoss die große festliche Bühne noch einmal Mitte Dezember 2019. Bei „Märchen im Michel“trug der Kabarettist, Autor und Regisseur in der voll besetzten Hauptkirche St. Michaelis pointiert und passagenweise frei die Geschichte von „Aishe und dem Weihnachtsmann“ vor. Bei der traditionellen Benefiz-Veranstaltung zugunsten der Abendblatt-Initiative „Kinder helfen Kindern“ zählte „Möbi“ zu den Vorlesern und maßgeblichen Unterstützern der ersten Stunde. Treu bis zum Schluss.

Eberhard Möbius fehlte bereits im Januar beim „Neujahrspunsch“

Als er jedoch im Januar dieses Jahres als Gast beim „Neujahrspunsch“ der Komödie Winterhuder Fährhaus, den er drei Jahrzehnte zuvor mit Gründungs-Intendant Rolf Mares ins Leben gerufen und gut 20 Jahre als satirischer Festredner geprägt hatte, erstmals fehlte, war das kein gutes Omen. Ob bei dieser Veranstaltung oder bei den zahlreichen Theaterpremieren dieser Stadt – „Möbi“ war dort auch im hohen Alter ein gerngesehener Gast – stets mit einer ehrlichen Meinung zum Dargebotenen. Am Mittwochmorgen ist der Begründer und jahrzehntelange Kapitän des Hamburger Theaterschiffs im Alter von 93 Jahren gestorben.

Die Benefiz-Gala in der Elbphilharmonie im Großen Saal für „Das Schiff“ hatte er Anfang Dezember noch als Ehrengast miterlebt. Dank der Auftritte zahlreicher jüngerer Künstlern aus Pop, Chanson und Kleinkunst kamen rund 100.000 Euro zur Rettung zusammen, es erfüllt „Möbi“ mit Stolz und Freude. Sein ehemaliger Kulturdampfer, heute von Heiko Schlesselmann und Michael Frowin geführt und künstlerisch geleitet, soll mitsamt Beibooten und Pontons in diesem Sommer mit Geld von der Freien und Hansestadt und vom Bund für insgesamt 1,3 Millionen Euro in der Werft grundsaniert werden.

All das hatte „Möbi“ mit Erleichterung registriert. „Das Schiff“ (Baujahr: 1912), Hamburgs schwimmende Bühne, war und ist sein Lebenswerk, seine Hinterlassenschaft, zugleich so etwas wie ein Auftrag. „,Das Schiff’ darf nicht untergehen“, betonte Möbius stets. Seine originelle hanseatische Idee einer schwimmenden Bühne für Theater, Kabarett, Literatur und Chanson war da längst zum Vorbild in vielen anderen deutschen Städten geworden.

Der Tod seiner Frau bedeutete einen "schweren Einschnitt"

Von 1975 an hatten „Möbi“ und Gattin Christa den umgebauten Dampfer MS „Rita Funck“ nicht nur im Nikolaifleet an der Holzbrücke, sondern fest im hansea­tischen Kulturleben verankert. Ob Welt- und Schauspielstars wie Peter Ustinov und Gert Fröbe, der Kieler Heinz Reincke, der Wiener Helmut Qualtinger, Senta Berger, Uwe Friedrichsen oder Peter Striebeck – jene „Ehrenmatrosen“ sorgten mit ihrer Kleinkunst 25 Jahre lang ebenso für ein fast immer ausverkauftes Unterdeck wie Möbius und Crew mit alljährlich neuen Kabarettprogrammen. Und seine 2012 gestorbene „Hamburger Deern“ Christa sorgte trotz der damals nur knapp 100 Plätze für solide Finanzen, die Heuer der Künstler und deren Sichtung. Der Traum von einem Theaterschiff schlummerte schon lange vorher in Möbius – auf ihrer Hochzeitsreise hatten seine Christa und er in der Kvarner Bucht in Kroatien erlebt, welch Begeisterung solch ein Kulturdampfer bei Landratten auslösen kann.

Der Tod von Christa, mit der er 52 Jahre lang verheiratet war, bedeutete für Möbius einen „schweren Einschnitt“, wie auch der von „Loki“ 2010 und von Helmut Schmidt 2015 sowie jener von Henning Voscherau. „Möbi“ hatte „Voschi“, wie er den Altbürgermeister und Schauspieler-Sohn nennen durfte, noch im Herbst 2015 bei einer seiner Matinees aufs Podium gebeten: „Darf Politik heute noch Spaß machen?“, lautete das Thema im Maritimen Museum. In Peter Tamms Haus im Kaispeicher B schuf sich Möbius im hohen Alter noch eine neue Bühne in der HafenCity.

Eberhard Möbius: "Ein Handwerker für Träume“

Dabei war „Möbi“ eigentlich ein Quiddje. 1958 kam er aus seiner Geburtsstadt Wernigerode im Harz nach Hamburg. Hier arbeitete der ausgebildete Schauspieler zunächst sechs Jahre lang als Schiffs- und Kesselreiniger im Hafen bei Blohm & Voss, ehe er bei Friedrich Schütter als Dramaturg im Jungen Theater anheuerte, das seit 1964 an der Mundsburg steht und seit 1973 Ernst Deutsch Theater heißt.

Den Gründungs-Intendanten „Fiete“ Schütter hatte Möbius 1957 in Ost-Berlin kennengelernt – er saß allein in einer Künstlerkneipe, erzählte Möbius. „Möbi“ sprach ihn einfach an. So wie er im Laufe der folgenden Jahrzehnte Tausende, Zehntausende, ja Hunderttausende für sich und seine Arbeit gewinnen sollte. In einem Abendblatt-Gespräch mit dem Autor dieser Zeilen sagte er einmal: „Ich bin kein Künstler, ich bin ein Handwerker für Träume.“

Quasi nebenbei schuf er 1976 auch das Alstervergnügen – damals ein Innenstadtfest fast frei von Bierständen und Fressbuden. Das bis 2017 veranstaltete Großereignis hatte Möbius sechsmal programmatisch verantwortet, im ersten Jahr wollte er „die nicht ausgeschöpften Mittel“ des Zuschusses der Finanzbehörde persönlich zurückzahlen – der Senator war baff. „Möbi“ wollte beim Alstervergnügen Hamburgs Künstler-Nachwuchs eine Plattform bieten – anders als auf seinem „Schiff“. Straßen- und Kindertheater prägten das Bild, der spätere Kabarett-Star Horst Schroth sowie Theatermacher und Lichtkünstler Michael Batz holten sich dort ihr künstlerisches Rüstzeug. Auf einer Bühne tanzte sogar John Neumeier „Schwanensee“.

Selbst in der Seniorenresidenz eröffnete er Ausstellungen

Mehrfach ausgezeichnete Fernsehserien wie „Engels & Consorten“ über eine mittelständische Hamburger Werft und Fernsehspiele schrieb Möbius in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren für den NDR außerdem. Für Hamburgs Bürgermeister war das Erscheinen bei „Möbi“, der noch bis 2005 fürs „Schiff“ Programme kreierte, Pflicht – die (meist eher sanften) satirischen Backpfeifen gab’s auf den Ehrenplätzen an Bord gratis. „Nur Ole von Beust und Schill kamen nicht“, sagte Möbius rückblickend. Umso lieber dachte der Theatermacher daran zurück, dass Helmut Schmidt und Ehefrau „Loki“ bei keiner seiner Premieren fehlten. Die Eheleute Möbius und Schmidt kannten sich seit 1964.

Plaudern und scherzen konnte „Möbi“, dieser literarisch bewanderte Mutmacher im kleinen, aber auch im großen Kreis, das Improvisieren hatte er auf seine alten Tage dazugelernt. Bis ins letzte Lebensjahrzehnt hinein trat er an gut 20 Nachmittagen in Altenheimen auf und versuchte, deren Bewohner kulturell mit Texten und Spielchen anzuregen. Gage nahm er dafür ebenso wenig wie für seine jahrzehntelange Unterstützung für „Kinder helfen Kindern“ und seine letzten Auftritte im Ernst Deutsch Theater – die Einnahmen flossen auch bei seinem ausverkauften Geburtstags-Abend ans Haus. „Möbi kommt mit 90 Sachen!“, lautete der schön doppeldeutige Titel, „Rollator, ahoi!“ seine Begrüßung beim kabarettistisch-literarischen Programm.

Eberhard Möbius' Stimme wird fehlen

„Wenn man mit 90 noch ein Rennen macht, mit dem man gewinnen will, dann nicht mit der Geschwindigkeit, sondern mit der Unterhaltsamkeit in den Pausen“, hatte „Möbi“ im Vorbereitung dessen bei unserem letzten Gespräch in der feinen Elbschloss-Residenz in Nienstedten erklärt. Dort eröffnete er als Redner auch einige Ausstellungen. Seine dortige Wohnung im dritten Stock war in den letzten Jahren sein Kreativzentrum. „Ich bin kein Pointen-Jäger, ich analysiere lieber“, sagte Möbius, dieser deutsch-deutsche Zeitzeuge, der Hamburger mit Herz für den Harz und seine Heimstadt Wernigerode.

Die Jugend- und Kriegsjahre unter dem Nazi-Regime und 13 Jahre unter der „Diktatur des Proletariats“ haben ihn geprägt. Auch an seinem 90. Geburtstag widmete er sich dem Thema Demokratie und dem aktuellen Deutschland. Den Missbrauch des Rufs der DDR-Bürgerrechtsbewegung „Wir sind das Volk!“ durch Pegida kommentierte Möbius auf seine Art: „Wir sind vielleicht ein Volk!“

Nun fehlt seine Stimme in der Hamburger Kulturgemeinde, insbesondere sein Schalk. Rolling home, „Möbi“!​