Theater in Hamburg

„Möbi“ – der Handwerker für Träume wird 90

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Stefan Reckziegel
„Guten Tag, mein Name ist Möbius, ich bin der Admiral der norddeutschen Rollator-Flotte.“
Eberhard Möbius geht spöttisch mit dem eigenen Alter um

„Guten Tag, mein Name ist Möbius, ich bin der Admiral der norddeutschen Rollator-Flotte.“ Eberhard Möbius geht spöttisch mit dem eigenen Alter um

Foto: Klaus Bodig / HA

Eberhard Möbius, Gründer des Hamburger Theaterschiffs feiert Geburtstag. Begegnung mit einem Urgestein unseres Theaterlebens.

Hamburg. Kein Empfang, keine Reden, nichts. „Ein Geburtstag ist kein Verdienst. Ich mache das, was ich immer mache – arbeiten.“ Eberhard Möbius hat’s gesagt – nicht etwa vor Kurzem, sondern 1996 zu seinem 70. Damals brachte er sein 27. Programm auf dem Theaterschiff heraus. Titel: „Ich hab’s gewagt.“

Und jetzt? In den vergangenen Wochen und Tagen war „Möbi“, wie der Kabarettist, Autor und Regisseur in Hamburg genannt wird, wieder richtig fleißig und beinahe schon im Probenstress: Möbius zollt seinem Alter an seinem Geburtstag mit einem neuen Programm satirisch Tribut. „Möbi kommt mit 90 Sachen!“ heißt das Motto am Dienstagabend im Ernst Deutsch Theater.

Jenem Haus fühlt sich Möbius – außer natürlich seinem Lebenswerk „Schiff“ – in Hamburg noch immer am engsten verbunden. Jene Bühne, die Friedrich Schütter 1951 als Junges Theater gegründet hatte, die seit 1964 an der Mundsburg steht und als Deutschlands größtes privates Sprechtheater gilt. Den Gründungsintendanten Schütter hatte Möbius 1957 in Ost-Berlin kennengelernt – er saß allein da in einer Künstlerkneipe, erzählt Möbius. „Möbi“ sprach ihn an. So wie er im Laufe der folgenden Jahrzehnte Tausende, Zehntausende, ja Hunderttausende für sich und seine Arbeit gewinnen sollte. „Ich bin kein Künstler, ich bin ein Handwerker für Träume“, sagt der Jubilar noch heute.

1958 kam er aus seiner Geburtsstadt Wernigerode im Harz nach Hamburg. Hier arbeitete der ausgebildete Schauspieler zunächst sechs Jahre lang als Schiffs- und Kesselreiniger im Hafen, ehe er bei „Fiete“ Schütter als Dramaturg anheuerte. Der Traum von einem Theaterschiff schlummerte da bereits in Möbius – auf ihrer Hochzeitsreise hatten seine Frau Christa und er in der Kvarner Bucht in Kroatien erlebt, welche Begeisterung solch ein Kulturdampfer bei Landratten auslösen kann.

Hamburgs schwimmende Bühne „Das Schiff“, den umgebauten Dampfer MS „Rita Funck“, verankerten „Möbi“ und Gattin Christa dann von 1975 an nicht nur im Nikolaifleet an der Holzbrücke, sondern auch fest im hansea­tischen Kulturleben. Ob Welt- und Schauspielstars wie Peter Ustinov und Gert Fröbe, der Kieler Heinz Reincke, der Wiener Helmut Qualtinger, Senta Berger, Uwe Friedrichsen oder Peter Striebeck – jene „Ehrenmatrosen“ sorgten mit ihrer Kleinkunst 25 Jahre lang ebenso für ein fast immer ausverkauftes Unterdeck wie Möbius und Crew mit alljährlich neuen Kabarettprogrammen.

Nebenbei erfand er das Alstervergnügen

Das Alstervergnügen, damals ein künstlerisches Innenstadtfest fast frei von Bierständen und Fressbuden, hatte „Möbi“ 1976 ganz nebenbei auch noch erfunden und sechsmal programmatisch verantwortet. Straßen- und Kindertheater prägten dabei das Bild, auf einer Bühne tanzte sogar John Neumeier „Schwanensee“. Mehrfach ausgezeichnete Fernsehserien wie „Engels & Consorten“ über eine mittelständische Hamburger Werft und Fernsehspiele schrieb Möbius in den 80er- und frühen 90er-Jahren für den NDR auch.

Für Hamburgs Bürgermeister war das Erscheinen bei „Möbi“, der noch bis 2005 fürs „Schiff“ Programme kreierte, Pflicht – die (meist sanften) satirischen Backpfeifen gab’s auf den Ehrenplätzen an Bord gratis. „Nur Ole von Beust und Schill kamen nicht“, sagt Möbius. Umso lieber denkt der Theatermacher daran zurück, dass Helmut Schmidt und Ehefrau „Loki“ bei keiner seiner Premieren fehlten. Die Eheleute Möbius und Schmidt kannten sich seit 1964.

Der Tod seiner Frau Christa 2012, mit der er 52 Jahre lang verheiratet war, bedeutete für Möbius einen „schweren Einschnitt“, wie auch der von „Loki“ 2010 und von Helmut Schmidt 2015 sowie jener von Henning Voscherau. „Möbi“ hatte „Voschi“, wie er den Altbürgermeister und Schauspieler-Sohn nennen durfte, noch im Herbst 2015 bei einer seiner Matinees im Maritimen Museum aufs Podium gebeten: „Darf Politik heute noch Spaß machen?“, lautete das Thema. Schmidt hatte „Möbi“ Anfang November 2015 schriftlich zu seinem 70. Bühnenjubiläum gratuliert, acht Tage vor seinem Tod. Es war sein wohl letzter Brief, wie Möbius später von Schmidts Tochter erfuhr, in dem der Altkanzler – mit aller geistiger Klarheit – bereits seinen schlechten körperlichen Zustand erwähnte.

Die Elbschloss-Residenz ist nun sein Kreativzentrum

Heute sagt Eberhard Möbius: „Mir geht es gut.“ Obwohl sich „Möbi“ auf einen Gehwagen stützt, besucht er an gut 20 Nachmittagen im Jahr Altenheime und versucht, deren Bewohner kulturell mit Texten und Spielen anzuregen. „Guten Tag, mein Name ist Möbius, ich bin der Admiral der norddeutschen Rollator-Flotte“, lautet seine Anmoderation. Meist ist das Eis damit schon gebrochen. Erzählen kann „Möbi“, dieser literarisch bewanderte Mutmacher, sowieso wie kaum ein Zweiter; auch das Improvisieren hat er auf seine alten Tage gelernt. Gage nimmt er dafür ebenso wenig wie für seine jahrzehntelange Unterstützung des Abendblatt-Vereins „Kinder helfen Kindern“ und seine Auftritte im Ernst Deutsch Theater – die Einnahmen fließen ans Haus.

Immer wieder hat Möbius nun sein Programm aktualisiert – in seiner Wohnung in der Elbschloss-Residenz in Nienstedten, die seit einigen Jahren sein Kreativzentrum ist.

Morgen startet Eberhard Möbius auf der Bühne zu einem literarisch-musikalischen Formel-1-Rennen. „Wenn man mit 90 noch ein Rennen macht, mit dem man gewinnen will, dann nicht mit der Geschwindigkeit, sondern mit der Unterhaltsamkeit in den Pausen. Ich bin kein Pointen-Jäger, ich analysiere lieber“, sagt Möbius, dieser deutsch-deutsche Zeitzeuge, der Hamburger mit Herz für den Harz. Die Jugend- und Kriegsjahre unter dem Nazi-Regime und 13 Jahre unter der „Diktatur des Proletariats“ haben ihn geprägt. „Ich werde mich auch dem Thema Demokratie und dem aktuellen Deutschland widmen“, kündigt Möbius an. Auch dafür hat er gearbeitet, lange, aber noch nicht genug.

Und sein Wunsch zum Geburtstag? „Ein richtig schön volles Haus, dass alle mich verstehen – und bloß keine Geschenke.“ Denn die bereitet der Handwerker für Träume am liebsten noch immer selbst – seinem Publikum.

„Möbi kommt mit 90 Sachen!“ Di 11.10., 19.30, Ernst Deutsch Theater (U Mundsburg), Friedrich-Schütter-Platz, Restkarten zu 27,-/13,50 (erm.) unter T. 22 70 14 20