Buchprojekt

Die beklemmende Ästhetik der Leere in Pandemie-Zeiten

| Lesedauer: 4 Minuten
Der Hans-Albers-Platz in Corona-Zeiten.

Der Hans-Albers-Platz in Corona-Zeiten.

Foto: Tim Oehler

Der Fotograf und Werber Tim Oehler streifte durch die Corona-Nächte – eine Bilderreise durch eine stillgelegte Stadt.

Hamburg. Es sind Bilder, die fremd und vertraut zugleich sind, es sind Bilder, die den Betrachtern zögern lassen. Irgendetwas fehlt. Dann, auf den zweiten Blick, ist klar, was genau fehlt: Der Stadt fehlen die Menschen, der Verkehr, das Leben. Der Fotograf und Werber Tim Oehler hat über mehrere Wochen die Corona-Nächte in Hamburg festgehalten. Und möchte aus diesen Bildern einer menschenleeren Hansestadt nun ein Buch machen. „Einige Tage vor dem Shutdown hat ein Urgestein von St. Pauli berichtet, er habe den Kiez noch nie so leer gesehen“, sagt Oehler. Der 47-Jährige ist hingefahren. „Ich fühlte mich plötzlich wie auf einer Wiese in einem Dorf: Die Clubs und Etablissements waren noch geöffnet, aber kein Mensch war mehr da.“

Mit dem Herunterfahren des Landes am 22. März leerte sich die Stadt weiter. Drei Wochen reiste Oehler durch die Nacht, durch ein verändertes Hamburg, fotografierte leere Ausfallstraßen, einen Horner Kreisel ohne Verkehr, Magistralen wie die Amsinckstraße oder die Kieler Straße ohne Leben. „Manchmal waren nur noch Moia-Busse unterwegs – die haben mir so manche Langzeitbelichtung verhagelt.“ Er fuhr zur Alsterdorfer Sporthalle, zu Kinos und zum Casino an der Esplanade, er fotografierte „Orte, die für viele Menschen gemacht sind“ – und nun verwaist daliegen.

„Die Straßen sahen aus wie eine Modellbaulandschaft“

„Überall war gähnende Leere. Die Straßen sahen aus wie eine Modellbaulandschaft“, sagt Oehler. Als Fotograf hatte er immer schon zuvor Plätze und Orte am frühen Morgen aufgesucht wie den Times Square, zu Zeitpunkten, wenn wenig los ist. „Ich fotografiere viel in der Nacht, die Nacht ist ein Thema bei mir.“

Aber die Corona-Nächte waren anders. „Es war fast kein Mensch zu sehen, nur noch Obdachlose waren auf der Straße“, erzählt er. Rasch kam die Idee, ein Buch zu machen und einen Teil des möglichen Erlöses an Wohnungslose zu spenden. Er sicherte sich die Seite www.corona-nights.de, um einige Fotos aus dem Zeitraum vom 10. März bis zum 5. April einer größeren Öffentlichkeit zu zeigen.

Unterstützung benötigt er für die Produktion und den Vertrieb

Nachdem das Bildmaterial auf 4000 Fotos angewachsen war, nahm er 150 in die engere Auswahl. „In der Masse wirken sie noch ganz anders“, sagt Oehler. Diese möchte er nun in einem Buch ver­einen, das 240 Seiten Umfang haben soll. Unter www.gofundme.com/f/corona nights-bildband-von-hamburg sucht er Spender, die sich für das Projekt und das Buch interessieren. „Ich gehe auch ins Risiko, kann das aber nicht allein stemmen“, sagt er.

Unterstützung benötige er für die Produktion und den Vertrieb. Insgesamt will er für eine 5000er-Auflage 30.000 Euro sammeln. Spender ab 50 Euro werden im Buch erwähnt und bekommen ein Exemplar. „Es muss doch 600 Hamburger für diese Idee geben“, hofft er. Inzwischen steht die Spendensumme bei knapp 4000 Euro.

Projekt ist sein persönlicher Weg, mit der Pandemie umzugehen

Oehler ist optimistisch: Er ist im Gespräch mit einigen Firmen und Privatpersonen, das Projekt wird inzwischen von vielen im Internet geteilt. „Viele rufen mich an und bestärken mich. Ich finde interessant, wie die Menschen auf die Bilder reagieren.“

Für ihn waren die Nächte und das Projekt Corona-Nights auch ein Weg, mit der Pandemie umzugehen. „Das war eine sehr besondere und nie dagewesene Zeit“, sagt Oehler. „Ich habe schnell gemerkt, dass ich da als Selbstständiger durchmuss.“ Vielleicht werden diese Bilder eines Tages als Erinnerung an einen fernen, surrealen Albtraum in vielen Hamburger Bücherschränken landen.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg