Gastbeitrag

„Ich bin gerade sehr stolz auf mein Land und meine Stadt“

| Lesedauer: 7 Minuten
Katharina Fegebank
Katharina Fegebank ist seit 2015 Zweite Bürgermeisterin und Wissenschaftssenatorin der Hansestadt.

Katharina Fegebank ist seit 2015 Zweite Bürgermeisterin und Wissenschaftssenatorin der Hansestadt.

Foto: Andreas Laible

Katharina Fegebank über unsere Disziplin, Vernunft und Genügsamkeit in Zeiten von Corona – und die Chancen der Krise.

Hamburg. Ich habe Hamburg noch nie so erlebt, wie in diesen Tagen. Eine vordergründige Ruhe liegt über der Stadt, die in normalen Zeiten so manches Mal fast wohltuend wäre. Wir spüren aber: sie ist erzwungen, von einer Pandemie unabsehbaren Ausmaßes. Wir ertragen sie, wir passen uns an und hoffen, dass ihr so wenig Menschen wie möglich zum Opfer fallen.

Gleichzeitig sehnen wir uns nach einer Rückkehr zu unseren Freiheiten, zu unserem normalen Leben. Ich bin beeindruckt, wie die Hamburgerinnen und Hamburger mit dieser noch nie dagewesenen Situation umgehen: klug, verantwortungsvoll und solidarisch.

Drängende Fragen und Problemstellungen bleiben

Bevor uns Corona im März in ein bis dahin unvorstellbares Leben gedrängt hat, waren wir damit beschäftigt, die Demokratiekrise, die Klimakrise und die Krise des Innovationsstandorts Deutschland zu beklagen. Ein Auseinanderbrechen unseres gesellschaftlichen Wertesystems, eine Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen, ein Zurückfallen Deutschlands im internationalen Wettbewerb – all diese Dinge haben unseren täglichen politischen Diskurs bestimmt.

Drängende Fragen und Problemstellungen, die kein Virus und keine Pandemie einfach wegwischen kann. Sie bleiben. Möglicherweise werden sie schlimmer durch die Krise, verstärken sich. Oder wir finden einen neuen Weg, sie zu lösen.

Die jetzige Krise, der Kampf um das ganz Grundlegende und Essenzielle kann uns dabei helfen, die Dinge neu zu denken. Den Wert von Gesundheit noch mehr zu schätzen, die Frage danach, wer oder was „systemrelevant“ ist neu zu beantworten, den leidenschaftlichen Einsatz für Kranke, Schwache und Hilfebedürftige über die Bewältigung der Krise hinaus lebendig zu halten.

Konsequentes Tun auch für andere Probleme nutzen

Die Konfrontation mit einer erfahrbaren, konkreten Bedrohung wie der Corona-Pandemie lässt uns rationale, harte Entscheidungen treffen. Weil wir ein genaues Ziel vor Augen haben: Die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Wir können diese gewonnene Stärke, die Erfahrung, mit unserem konsequenten Tun etwas direkt bewirken zu können, für die Lösung vieler anderer Probleme nutzen.

Wie schnell wir über Jahre aufgestaute strukturelle Defizite, wie beispielsweise die mangelnde Digitalisierung im Bildungssektor, binnen weniger Wochen beherzt angegangen sind. Einfach weil es plötzlich erforderlich war, die bekannten Pfade zu verlassen – das ist beeindruckend. Unbenommen ein gigantischer Kraftakt, getragen von Kindern, Lehrenden und vor allen Dingen Eltern, die zwischen Arbeit und Familienversorgung auch noch das „Homeschooling“ organisieren müssen.

Aber die Belohnung für die kollektive Anstrengung ist nicht groß genug einzuschätzen. Wir werden sie erst so richtig wahrnehmen können, wenn wir das Schlimmste überstanden haben: mehr digitale Kompetenz und Selbstverständlichkeit im Umgang mit modernen Lern- und Lehrmethoden.

Lesen Sie hier den Corona-Newsblog am Sonnabend.

Der Klimakrise vorbeugend begegnen

Die volkswirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie sind national und weltweit verheerend. Da gibt es nichts zu beschönigen. Wir haben in Hamburg unsere sozialstaatlichen Möglichkeiten voll ausgeschöpft. Einen Schutzschirm aufgespannt für Unternehmen, Solo-Selbstständige, für Kunst, Kultur und Sport, für den Gesundheitsbereich, für wohnungslose Menschen, für Mieterinnen und Mieter, für Studierende und für Arbeitnehmer. Staatliche Hilfen können die Auswirkungen von tiefroten Zahlen, Firmenpleiten und Jobverlust minimieren, ganz verhindern können sie sie nicht.

Wir sind zweifelsohne gezwungen, den Wiederaufbau genauso konsequent anzugehen, wie wir die Bekämpfung des Virus angehen. Und wir haben die unwiederbringliche Chance, auch hier neue Wege zu gehen. Weil es erforderlich ist. Wir können und müssen uns modernisieren. Investitions- und Konjunkturmittel so einsetzen, dass wir der größten Krise der Menschheit – der Klimakrise – schon jetzt vorbeugend begegnen.

Wollen wir eine sozial-ökologische Marktwirtschaft ernsthaft etablieren und Konjunkturmittel so einsetzen, dass sie Zukunfts- und Umwelttechnologien befördern? Wollen wir wieder stärker auf die regionale Ansiedelung von Schlüsselindustrien, wie beispielsweise der heimischen Herstellung von pharmazeutischen Grundstoffen, setzen? Wir haben jetzt die Möglichkeit, grundlegende Richtungsentscheidungen zu treffen.

Es bewegt mich zutiefst, dass wir ohne großes Aufhebens bereit sind, Opfer zu bringen. Dass wir Einschränkungen der persönlichen Freiheit und der Schwächung unserer Wirtschaft und unseres Wohlstands klaglos hinnehmen, weil wir ein größeres, bedeutsameres Ziel vor Augen haben. Weil wir Menschen, die uns etwas bedeuten, schützen möchten. Weil wir nicht mit ansehen wollen, wie unsere Mitmenschen, Nachbarn, Arbeitskollegen und Freunde auf überfüllten Intensivstationen sterben. Wir zeigen gerade, dass wir zusammenstehen, wenn es drauf ankommt. Das ist eine der schönsten Erfahrungen, die ich bisher als Politikerin machen durfte.

Coronavirus: Interaktive Karte

Geflüchtete in Europa aufnehmen

Ich wünsche mir, dass wir diese gelebte Solidarität auch denjenigen entgegenbringen, die gerade am verletzlichsten sind. Die geflüchteten Menschen auf den griechischen Inseln in der Ägäis. Sie sind auf besonders perfide Weise von der Pandemie bedroht und sie brauchen unseren ganz besonderen Schutz. Lassen Sie uns auch hier das tun, was jetzt erforderlich ist: Menschen aus einer hoffnungslosen Situation befreien und ihnen in Europa eine neue Heimat und neue Perspektiven bieten.

Unsere Disziplin, unsere Vernunft und Genügsamkeit haben eine ungeheure Kraft entwickelt. Und haben erste zaghafte Erfolge gezeigt. Wir haben es geschafft, dass sich die Infektions-Kurve bereits abgeflacht hat. Auch wenn wir noch nicht am Ziel sind, sollten wir uns schon jetzt Gedanken darüber machen, wie es in den nächsten Wochen und nach Corona mit uns weitergeht. Die Pandemie wird uns noch lange begleiten. Und bis ein Impfstoff gefunden ist, werden wir mit ihr leben müssen.

Wir beginnen jetzt damit, konkrete Maßnahmen vorzubereiten - damit wir in den kommenden Wochen und Monaten schrittweise in ein normales Leben eintreten können. Und normal heißt vorerst nicht, ein Leben, so wie es vorher war. Sondern ein Leben mit der Pandemie. Und das wird von uns allen weiterhin viel abverlangen und noch nie dagewesene Maßnahmen einfordern.

Es könnte erforderlich sein, dass wir uns im öffentlichen Raum nur noch mit Schutzmasken bewegen können, dass wir unsere Eltern und Großeltern auf Wochen und Monate nicht mehr besuchen werden, dass wir unsere Skepsis gegenüber elektronischen Apps überwinden und dass wir noch länger auf Kultur und Großveranstaltungen verzichten müssen.

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Unsere Haltung dazu haben wir bereits gefunden: klug, verantwortungsvoll und solidarisch. Deshalb bin ich gerade sehr stolz auf mein Land und auf meine Stadt. Und auf die Bürgerinnen und Bürger, die hier leben.

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