Inklusionsprojekt

Vergessenes Obst für vergessene Menschen

| Lesedauer: 6 Minuten
Gerd Rindchen
Jan Schierhorns Leidenschaft sind Äpfel und Birnen.

Jan Schierhorns Leidenschaft sind Äpfel und Birnen.

Foto: Eva Häberle

Jan Schierhorn hat mit Äpfeln und Birnen, die keiner brauchte, eine erfolgreiche Initiative auf die Beine gestellt.

Hamburg. Die Geschichte von „Das Geld hängt an den Bäumen“ ist die wohl ungewöhnlichste aller Heldengeschichten, die dieses Buch erzählt. Zwar eint seine Protagonisten, dass sie durchweg für ihre Aufgabe brennen und dass sie mit Liebe und Hingabe Ungewöhnliches leisten. Aber nahezu alle betreiben ihre Projekte kommerziell und mit Gewinnabsicht – und das ist ja auch nur gerecht. Insofern fällt Jan Schierhorn, Gründer und Initiator von „Das Geld hängt an den Bäumen“, aus dem Rahmen: Auch er arbeitet viel und gern und investiert über die Hälfte seiner Arbeitszeit in dieses großartige Inklusionsprojekt, bei dem Hunderte Tonnen von Äpfeln, die sonst vergammeln würden, einer sinnvollen Nutzung zugeführt werden. Aber er tut dies ehrenamtlich und hat noch dazu einen Teil seines Privatvermögens dafür investiert.

Schierhorns Projekt produziert zu überraschend moderaten Preisen naturtrübe Säfte aus allerfeinstem Obst in herausragender Gourmet-Qualität – hauptsächlich Apfelsaft. Die Früchte dafür stammen vorwiegend aus Privatgärten, von verlassenen Resthöfen oder Ausgleichsflächen der Hansestadt Hamburg. Aufgrund der Vielfalt der verwendeten Apfelsorten ergibt jede Pressung einen anderen, individuellen Saft. Daher der Vermerk auf jeder Flasche „Schmeckt immer und schmeckt immer anders“.

Projekt hat sich in beachtliche Dimensionen entwickelt

Aus kleinsten Anfängen hat sich das Projekt in beachtliche Dimensionen entwickelt: Waren es im ersten Jahr ganze 9000 Flaschen Apfelsaft, die verkauft wurden, erreichte „Das Geld hängt an den Bäumen“ 2019 bereits rund ein halbe Million Füllungen. Dazu tragen auch große Abnehmer und Unterstützer wie die Kantinen von Otto oder Hamburg Wasser, Bringdienste wie Call-a-Pizza oder Ketten wie die Bäckerei Junge bei.

23 Menschen, teils gehörlos, teils traumatisiert, teils in Traumwelten lebend oder mit sonstigen Handicaps, dazu Menschen mit Migrationshintergrund fanden hier 2019 bereits ein gutes Auskommen – Tendenz steigend. Dazu kommen zahlreiche ehrenamtliche Helfer zur Erntezeit. Jan Schierhorn: „Wir arbeiten mit vergessenen Menschen und verwerten vergessenes Obst.“ Mittlerweile umfasst die Produktpalette auch erstklassigen Apfel-Birnen-, Apfel-Rhabarber-, Apfel-Holunder- oder Apfel-Johannisbeersaft.

Schorlen tragen Namen und Bilder von langjährigen Mitarbeitern

Die dafür benötigten Rohstoffe werden zum Teil ebenfalls im Rahmen von Inklusionsprojekten angebaut. Neueste Bestseller im Sortiment sind die – wie die Säfte ausschließlich in Pfandflaschen angebotenen – hochwertigen Schorlen, die Namen und Bilder von langjährigen Mitarbeitern tragen. Wer also seine Apfelschorle „Samuel“ oder die Apfel-Rhabarberschorle „Olaf“ genießt, bekommt gleich noch einen ganz anderen Bezug zu diesem Projekt.

Aber eigentlich hat Jan Schierhorn etwas ganz anderes gemacht. Er erzählt seinen Werdegang: „Geboren wurde ich 1969 in Hamburg, bin in Winterhude aufgewachsen und habe am Johanneum mein Abi gemacht. Als Kind keineswegs wohlhabender Eltern mit Kohleofen daheim gemeinsam mit den Sprösslingen der reichsten Hamburger Familien die Schulbank zu drücken war eine prägende Erfahrung – meine Wurzeln habe ich nie vergessen. Schon in der Schulzeit interessierte ich mich stark für kommerzielle und vertriebliche Themen – so schrieb die von mir mitherausgegebene Schülerzeitung ‚Zarathustra‘ dank meiner regen Anzeigenverkäufe tiefschwarze Zahlen.

Über eine Milliarde Warenproben verteilt

Noch während der Schulzeit lernte ich den Gründer der Footballteams Silver Eagles und später der Blue Devils kennen, kam dadurch zum Sportsponsoring und so schon 1987 als 18 Jahre alter Freelancer auf ein sehr erkleckliches Monatssalär. Nach der Schule habe ich nebenher ein Abendstudium an der Kommunikationsakademie absolviert.

Parallel habe ich mit einem Partner zusammen den Promotionbereich für Warenproben komplett neu aufgestellt und das in Deutschland bis dato unbekannte ‚Touch Point Sampling‘ eingeführt. Dabei bekommt man zum Beispiel beim Bäcker einen Brotaufstrich, im Fitnesscenter ein Duschgel oder beim Klamottenhöker ein Waschmittel als Probe mit. Seit der Agenturgründung 1993 haben wir schon über eine Milliarde Warenproben primär für die großen Markenartikler verteilt und sind damit bis heute unangefochtener Marktführer in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

„Genusshelden“

  • Gastrokenner Gerd Rindchen stellt in seinem Buch „Genusshelden“ Hamburger vor, die mit ihrer Leidenschaft für gutes Essen und Trinken die Stadt kulinarisch bereichern. Das Buch, das vom Junius Verlag und dem Abendblatt gemeinsam herausgebracht wird, enthält insgesamt 30 Porträts sowie ebenso viele Rezepte. Es hat 144 Seiten, kostet 29,90 Euro und ist im Buchhandel und im Abendblatt-Shop unter www.abendblatt.de/shop erhältlich. Das Abendblatt druckt eine Auswahl der Geschichten.

Auf die Idee mit ‚Das Geld hängt an den Bäumen‘ kam ich 2007, als ich unter meinem prächtig tragenden Apfelbaum saß, einerseits nicht wusste, was ich mit den vielen Äpfeln anfangen sollte, und andererseits auf Sinnsuche war. Nach und nach recherchierte ich, wie unfassbar viele Menschen in der gleichen Situation waren wie ich und ihre Äpfel aus Schreber- oder Hausgärten einfach nicht loswurden. Dazu kommt ein Riesenpotenzial der Stadt Hamburg, die auf ihren Ausgleichsflächen oder in den Wasserschutzgebieten von Hamburg Wasser in großem Stil Apfelbäume pflanzt. Diese Äpfel zu mosten und zu vertreiben und das Ganze als Inklusionsprojekt mit Menschen mit Handicaps aufzusetzen schien mir ein sinnvoller Beitrag zum gesellschaftlichen Wandel.

Nachdem ich das Projekt 2008 bei der Körber-Stiftung vorgestellt hatte, erhielt ich eine Anschubhilfe von 10.000 Euro, die ich um die gleiche Summe aufstockte, und habe losgelegt. Dass sich ‚Das Geld hängt an den Bäumen‘ dank zahlreicher toller Unterstützer bis in die heutige Dimension entwickelt hat, erfüllt mich mit Stolz und Freude.“

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