Hamburg-Geschichte

Berührendes Schicksal: Die wahre Geschichte um Suchkind 312

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Josef Nyary
Die Zentrale Namenskartei des DRK-Suchdienstes in Hamburg 2015.

Die Zentrale Namenskartei des DRK-Suchdienstes in Hamburg 2015.

Foto: picture alliance

Vor 70 Jahren übernahm das Hamburger Rote Kreuz die Recherche nach vermissten Zivilpersonen des Zweiten Weltkrieges.

Hamburg. Die Geschichte ist hochaktuell, zeittypisch und herzzerreißend: Eine junge Frau verliert in den letzten Kriegstagen den Verlobten an der Ostfront und auf der Flucht auch noch das gemeinsame Töchterchen. Einsam steht sie die Not der Nachkriegsjahre durch. Dann heiratet sie wieder, schenkt einem Jungen das Leben – und sieht plötzlich in einer Zeitschrift ihre verlorene Tochter als „Suchkind 312“ …

Echt, aber nicht wahr: Das bewegende Schicksal der Ursula Gothe und ihrer Tochter Martina stammt aus der Feder des Journalisten Eduard Rhein, seit 1946 erster Chefredakteur der „Hörzu“. Doch die Handlung in seinem Fortsetzungs­roman von 1954 ist nicht etwa frei erfunden, sondern realitätsnah verdichtet: aus vielen wahren Schicksalen in den Archiven des DRK-Suchdienst-Standorts Hamburg.

Vor 70 Jahren, am 1. April 1950, startet der Dienst in einem alten Kaufhaus im Schanzenviertel als einzigartiges Projekt. Aus 50 Millionen Karteikarten entsteht in vier verwinkelten Kellerräumen das berühmteste Personenarchiv der Welt. Es ist auch das Wichtigste. Denn nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sind 7,8 Millionen deutsche Soldaten und Zivilisten tot, 11,5 Millionen in Lagern, 14 Millionen Menschen geflohen oder aus der Heimat vertrieben. Im Mai 1945 sucht in Deutschland jeder Vierte seine Angehörigen oder wird von ihnen gesucht.

Riesige humanitäre Aufgabe

Als Erste kümmern sich zwei Offiziere der Wehrmacht in Flensburg um die riesige humanitäre Aufgabe: Der Mathematiker Kurt Wagner und der Soziologe Helmut Schelsky, später ein renommierter Kritiker der 1968er-Bewegung, helfen mit Vermisstenlisten. Im Oktober 1945 tun sie sich mit dem Roten Kreuz zusammen. Ehrenamtliche Helfer fragen Heimkehrer aus und sammeln die Daten. Das DRK druckt Plakate, schaltet Anzeigen und liefert Infos für die „Wochenschau“.

Wertvolle Unterstützung kommt vom Rundfunk. „Eine Sendung prägte sich den Hörerinnen und Hörern in den Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ganz besonders ein: die Suchmeldungen im Radio“, berichtet der Medienhistoriker Hans-Ulrich Wagner. Hamburg ist, weil britisch besetzt, für die schwierige Aufgabe besonders geeignet. Denn unter Hitler wurde auch das Rote Kreuz in den Nazi-Staat eingegliedert, und deshalb fürchten die Amerikaner, die Hilfsorganisation könne mit seinen Personalunterlagen eine Untergrundorganisation ähnlich der „Schwarzen Reichswehr“ nach dem Ersten Weltkrieg aufbauen.

„Familienname unbekannt, Vorname vielleicht Siegfried?“

Erst 1950 legt sich das Misstrauen, und die DRK-Abteilung für vermisste Soldaten wird nach München verlegt. Die Suche nach vermissten Zivilisten aber, vor allem nach den vielen verlorenen Kindern, bleibt Aufgabe der Hamburger Rotkreuzler. Sie kümmern sich um oft unfassbare Beispiele von Not und Verzweiflung:

„Geboren 7.10.1944, Ende Oktober/November 1944 gefunden vermutlich in Trempen/Ostpreußen mit aufgeschnittenen Pulsadern im Straßengraben. Offensichtlich hat jemand versucht, das Kind umzubringen, und es dann einfach im Straßengraben zurückgelassen.“

„Familienname unbekannt, Vorname vielleicht Siegfried? Fundort Frühjahr 1945 auf einem Bahnhof im Osten, erinnert sich an zwei Schwestern. Weiß nicht, wer er ist, wie er heißt, wo er herkommt, wer seine Eltern sind.“

Besondere Merkmale helfen

„Name: unbekannt, geboren etwa 1943. Der Junge wurde im Frühjahr 1945 von einem russischen Soldaten zwischen Küstrin und Frankfurt/Oder aufgefunden und einer nach Berlin flüchtenden Mutter mit sieben Kindern übergeben.“

„Name: unbekannt, geboren im Juli 1945. Kinder fanden das Mädchen am 31. Juli 1945 als etwa neun Tage altes Baby in einem dreirädrigen Kinderwagen. Er lag umgestürzt in einem Straßengraben in der Nähe des Bahnhofs Schirgiswalde (Bezirk Dresden).

„Name: unbekannt, geboren etwa 1943. Im Frühsommer 1945 wurde der Junge, nur mit einem Hemdchen bekleidet, auf dem Bahnhof von Angermünde (Brandenburg) aufgefunden. Er soll mit seiner Großmutter aus Ostpreußen gekommen sein.“

All diese Fälle bleiben ungelöst. Bei anderen helfen besondere Merkmale wie eine kleine Narbe oder abstehende Ohren. Manchmal melden sich mehr als 15 vermeintliche Mütter oder Väter. Blutgruppen-Tests gibt es noch nicht. Deshalb entscheidet oft ein Leberfleck, eine Narbe, ein verschlissenes Spielzeug.

295.000 Suchanträge von Eltern und Kindern

Seit 1945 hat der DRK-Suchdienst Hamburg 295.000 Suchanträge von Eltern und Kindern bearbeitet, die weitaus meisten mit Erfolg. 6000 Kinder aber fanden ihre Angehörigen nicht wieder, und 1600 kennen bis heute nicht ihren wirklichen Namen.

„Es hing von einem Namen, von einer Identität ab. Das ist für einen Menschen so wichtig, das kann man sich gar nicht vorstellen. Es ist so schlimm, nicht zu wissen, wer man ist!“, klagt damals Suchkind Heidemarie, Nachname unbekannt. „Wenn man dann gesagt bekommt: Ach, dich hat ja der Esel im Galopp verloren! Wer bist du schon? Oder es hieß: irgendein Bastard von irgendeinem Soldaten. Damit so lange zu leben, das ist sehr schwer und schmerzlich.“

Oft auch entdecken Menschen erst nach vielen Jahren, dass sie Suchkinder waren: „Ich habe das Testament meiner Mutter gefunden, da stand drin: Du bist nicht mein Kind! Wir haben dich in Stettin gefunden, da flogen die Bomber, du standest da ganz allein. Wir haben noch geguckt, dann haben wir dich mitgenommen …“

Publikum verschlingt jede Folge

Sind Eltern und Kinder wieder vereint, werden die Akten geschlossen. Manchmal nach Jahrzehnten, wie etwa während der Welle der Spätaussiedler Anfang der 1990er-Jahre. „Eine in Russland aufgewachsene, nicht Verheiratete hatte in der Bundesrepublik ihre Familie gefunden und lebte bei ihr“, schildert die Psychoanalytikerin Dörte von Drigalski in „Blumen auf Granit“ ein solches Schicksal. „Sie wirkte sehr liebevoll und ging mit ihren Eltern wie mit Kostbarkeiten um.“

Die Macher

  • Kurt Wagner (1911–2006), einst technischer Direktor der Hohen Schule der NSDAP, leitete den DRK-Suchdienst 1946 bis 1976.
  • Helmut Schelsky (1912–1984) ging 1932 zur SA, baute nach Kriegsende den Suchdienst mit auf. 1948 wurde er Professor an der Akademie für Gemeinwirtschaft in Hamburg, später an der Universität Hamburg und lehrte ab 1970 in Bielefeld an der ersten Fakultät für Soziologie.
  • Eduard Rhein (1900–1993) entwickelt bei den Nazis Radar­geräte. Nach dem Krieg macht er Axel Springers „Hörzu“ auch mit seinen Geschichten über Suchkinder zur erfolgreichsten Programmzeitschrift Europas.

Auch in „Suchkind 312“ gibt es ein Happy End: Ursulas Ehemann adoptiert die wiedergefundene Tochter, und seine Schwester heiratet den aus Kriegsgefangenschaft heimgekehrten Vater der Kleinen. Kritiker finden das „sentimental-unwirklich“.

Das Publikum aber verschlingt jede Folge, und die „Hörzu“ wird auch dank dieses Fortsetzungsromans zur größten deutschen Illustrierten mit vier Millionen Exemplaren.

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