Hamburger Stadtgeschichte

„Blutsonntag von Harburg“ – das Ende eines Kapp-Putschisten

Im März 1920 versuchten Freikorps um den Beamten Wolfgang Kapp und General Walther Freiherr von  Lüttwitz, die Weimarer Republik zu Fall zu bringen. Der Putsch zwang die Reichsregierung zur Flucht  nach Dresden und Stuttgart, scheiterte jedoch an  der Bevölkerung, die dem Aufruf der Gewerkschaften zum Generalstreik folgte.

Im März 1920 versuchten Freikorps um den Beamten Wolfgang Kapp und General Walther Freiherr von Lüttwitz, die Weimarer Republik zu Fall zu bringen. Der Putsch zwang die Reichsregierung zur Flucht nach Dresden und Stuttgart, scheiterte jedoch an der Bevölkerung, die dem Aufruf der Gewerkschaften zum Generalstreik folgte.

Foto: picture-alliance

Vor 100 Jahren erschütterte ein nationalistischer Umsturzversuch die junge Weimarer Republik – und ging in die Geschichtsbücher ein.

Hamburg. Der Kampf ist blutig, die Rache grausam, das Ende unklar: Mal liegt die „zerschundene Leiche“ in einer bekannten Gastwirtschaft, geborgen von einer Einwohnerwehr, „da die zornige Menge sie sonst zerfleischt hätte“. Dann wieder wird der Tote als „blutiges Bündel“ irgendwo „am Wegesrand“ entdeckt, „bis zur Unkenntlichkeit von der Masse zertreten“.

Das Opfer ist vor allem Täter: Fliegerhauptmann Rudolf Berthold, ein gefeierter Kriegsheld, ist der bekannteste jener Männer, die beim „Kapp-Putsch“ vor 100 Jahren an der Elbe das Leben lassen. Der Aufstand republikfeindlicher Weltkriegsoffiziere trägt den Namen des preußischen Verwaltungschefs Wolfgang Kapp, wird aber von dem beurlaubten Reichswehr-General Walther von Lüttwitz angeführt.

Berthold und seine Leute hatten in Stade gewartet

In Altona stellt sich der Garnisonsälteste, Oberst Adolf von Wangenheim, auf die Seite der Putschisten. Am Abend des 13. März besetzen seine Soldaten die Rathäuser in Altona und Hamburg sowie das Gewerkschaftshaus am Besenbinderhof. Kommunistische und sozialdemokratische Arbeiter rufen sofort zum Streik auf, bewaffnen sich, sperren Straßen und werden dabei auch von Polizisten unterstützt. Im damals noch preußischen Harburg dagegen bleibt das Pionier-Bataillon 9 in der Kaserne. Trotzdem wird sein Kommandeur, Major Hueg, am Morgen des 14. März von Arbeitern festgesetzt.

Bald danach heulen Sirenen: Hauptmann Berthold und seine „Baltikumer“ haben in Stade auf ihren Einsatzbefehl gewartet und dann sofort einen Zug gekapert. Am Abend kommt das Freikorps am Unterelbe-Bahnhof in Bostelbek an. In der Heimfelder Mittelschule an der Woellmerstraße beziehen die Putschisten Quartier.

Berthold hat im Ersten Weltkrieg 44 Feindflugzeuge abgeschossen

Berthold hat im Ersten Weltkrieg 44 Feindflugzeuge abgeschossen und einen Absturz schwer verletzt überlebt. Er trägt mehrere Prothesen und den höchsten Tapferkeitsorden „Pour le Mérite“. Nach Kriegsende hat er im Baltikum gegen die Sowjets gekämpft und sich danach mit seiner „Eisernen Schar“ aus 700 Mann im Kehdinger Land bereitgehalten. In Harburg fordert der Kriegsheld die Pioniere auf, sich entweder dem Putsch anzuschließen oder zu kapitulieren. Doch die Reichswehrsoldaten verweigern beides.

Stattdessen teilen sie Gewehre an Arbeiter aus, die sich den Putschisten als Einwohnerwehr entgegenstellen. Um 8.30 Uhr kommt der nationalliberale Bürgermeister Heinrich Denicke mit Gewerkschaftsführern und anderen einflussreichen Harburgern zu Verhandlungen in die Mittelschule. Berthold macht klar, dass er nicht auf die Einwohnerwehr schießen lassen will. Abziehen möchte er aber auch nicht.

Freikorps verschanzt sich in der Schule

Mitten in die aufgeregte Debatte fallen plötzlich Schüsse. Wer zuerst gefeuert hat, lässt sich auch später nicht klären. Das Freikorps verschanzt sich in der Schule. Arbeiter und nun auch Pioniere umzingeln das Gebäude. Als sie Strom und Wasser abstellen, feuern auf beiden Seiten Gewehre und Maschinengewehre. Sanitäter, so meldet später das „Harburger Lokalblatt“, haben „viel zu tun, um die immer größer werdende Zahl von Verwundeten und Toten fortzuschaffen“.

Hass und Verbitterung sind auf beiden Seiten riesig: Viele Soldaten glauben an die „Dolchstoßlegende“, nach der ihre Niederlage durch Verräter in der Heimat verschuldet sei. Die Arbeiter verteidigen verbissen die SPD-geführten Regierungen in Hamburg und auch in Berlin. Dort fällt dann auch die Entscheidung. In der Reichshauptstadt stoppt der größte Generalstreik der deutschen Geschichte den Putsch. In Hamburg legt Oberst von Wangenheim daraufhin das Kommando nieder und verlässt in Zivil die Stadt. Ein Flugzeug kreuzt über der Schule und wirft die Meldung ab, dass für die einen alles gewonnen, für die anderen alles verloren sei.

Die Wut der Arbeiter lässt sich von den Vereinbarungen nicht dämpfen

Die letzten Schüsse fallen um 18 Uhr. Dann sichern die Belagerer dem Hauptmann und seinen Männern freies Geleit zu. Die Putschisten legen die Waffen nieder und die Koppeln ab, treten hinter den Offizieren in Zweierreihen vor die Tür. Doch die Wut der Arbeiter lässt sich von den Vereinbarungen nicht dämpfen. „Nieder mit den Hunden!“, brüllen sie, stürzen sich auf die Offiziere und schlagen vier von ihnen mit Gewehrkolben nieder. Wieder knallen Schüsse.

Auch später lässt sich nicht feststellen, ob Arbeitern die Sicherungen durchgebrannt sind oder Soldaten ihre Offiziere schützen wollen. Nur mit Mühe gelingt es den Pionieren der Reichswehr, die Freischärler vor der tobenden Menge in die Gastwirtschaften Sanssouci und Gambrinus zu retten. Den Hauptmann aber packen erboste Arbeiter und schleppen ihn in die Gaststätte Zur Rennbahn. In einem Hinterzimmer beginnen sie ein scharfes Verhör.

Kolbenhieb streckt Berthold nieder

Schon nach kurzer Zeit stürmen andere Arbeiter das Lokal und zerren den Kriegshelden auf die Straße. Ein Kolbenhieb streckt Berthold nieder. Wütende Fäuste prügeln auf den Liegenden ein. Eine Kleinkaliberpistole, die ihm mit dem freien Geleit gelassen wurde, wird ihm nun entrissen. Totenschein und Obduktionsbericht verzeichnen schwere Wunden durch Schläge, Tritte, Hiebe sowie als Todesursache Kopf- und Brustschüsse.

Vier Kugeln kommen aus der Pistole, zwei aus Gewehren. Die Schützen bleiben unbekannt. Obwohl der 15. März ein Montag ist, geht er als „Harburger Blutsonntag“ in die Geschichte ein. 25 Männer lassen ihr Leben, rund 50 werden zum Teil schwer verletzt.

Der Leichnam des Hauptmanns wird nach Berlin gebracht und auf dem Invalidenfriedhof bestattet. Damit endet der Bericht der Historiker, und es beginnt die Propaganda. „Berthold versuchte allein mit den roten Anführern zu verhandeln, da schlugen und traten sie ihn tot“, schreibt eine Quelle. Eine andere behauptet, er sei mit dem Band seines Ordens erwürgt worden. Der „nur noch von Scharnieren, Bändern und Stahlplatten zusammengehaltene Körper“ des Kriegshelden sei „nur anhand seines Armbandes und der vielen Prothesen identifiziert worden“, sein Gesicht „eine rote Masse“ gewesen. In der NS-Zeit machen Nazi-Schriftsteller den Fliegerhauptmann zum heldenhaften Opfer blutgieriger Kommunisten.

Ernst von Salomon, einst selbst Mitglied der „Eisernen Schar“, behauptet, Berthold sei die Kehle durchgeschnitten und der Kopf abgetrennt worden. Andere schreiben von „vertierten Weibern“. Die Rache der Nazis an ihren Feinden – das zeigt die spätere Geschichte – wird ebenso grausam.