Gastbeitrag

Gosch auf Sylt hat jetzt Corona-Türsteher

| Lesedauer: 7 Minuten
Katrin Burseg
Sylt: Die Dünen in List. Die Corona-Krise hat auch die beliebteste Insel der Hamburger verändert.

Sylt: Die Dünen in List. Die Corona-Krise hat auch die beliebteste Insel der Hamburger verändert.

Foto: picture alliance / imageBROKER

Frische Luft, Strandspaziergänge: Für Sylt-Urlauber war Corona weit weg. Jetzt ist alles anders, schreibt eine prominente Autorin.

Hamburg. Die Nordsee ist meine große Liebe. Die Urlaube meiner Kindheit verbrachte ich auf Helgoland. Dort lernte ich Schwimmen – und Küssen. Seit vielen Jahren fahre ich mit meiner Familie nach Sylt, seit einigen Jahren besitzen wir eine Haushälfte in List. Unser „halbes Haus“ ist unser Refugium, im Winter stemmt es sich gegen den Westwind, im Sommer blühen die Hortensien im Garten in allen Farben. Urlauber bleiben stehen und machen Fotos – und wir fühlen uns wie Insulaner.

Vor zwei Wochen habe ich mich gegen Skiurlaub entschieden, ich bin mit meiner sechsjährigen Tochter und der Katze nach List gefahren. Da gab es in Hamburg einen ersten bestätigten Coronafall am UKE, Desinfektionsmittel waren bereits ausverkauft. Mein Mann und unser sechzehnjähriger Sohn kamen nach, als die geplante USA-Reise abgesagt wurde.

Sylt-Urlaub: Am Freitag noch in der Sansibar...

In List war das Virus lange Zeit weit weg, alle Restaurants geöffnet, keine Hamsterkäufe. Am Freitagabend waren wir noch in der Sansibar in Rantum zum Essen. Die Tische stehen eng beieinander, es ist voll. Die Gesprächsthemen: die Schulschließungen im Land. Wie organisieren wir das Homeoffice?

Mein Mann ist selbstständig in der Kommunikationsbranche, er machte sich große Sorgen. Als Dänemark am Samstagmittag seine Grenzen schloss, füllte sich der Autozug nach Sylt. Viele Urlauber hatten spontan umgebucht, Keitum statt Kopenhagen. Auf den Straßen auch Autos mit Kennzeichen aus Nordrhein-Westfalen, einem Corona-Hotspot in Deutschland.

Das Murren auf Sylt begann

Auf der Insel fingen die Ersten an zu murren: „Warum dürfen die jetzt zu uns kommen?“ Die Inselklinik sei für den Notfall nicht gerüstet, es gäbe nur zehn Beatmungsbetten. Auf den Nachbarinseln Amrum und Föhr gibt es gar kein Krankenhaus.

Am Sonntagnachmittag bringe ich meinen Mann und unseren Sohn nach Westerland zum Zug zurück nach Hamburg. Mein Plan: Ich komme im Laufe der Woche nach und versuche bis dahin, in List an meinem neuen Buch zu arbeiten. Meine Tochter geht in die erste Klasse, sie ist traurig, dass die Schule ausfällt und plant, ein Corona-Tagebuch mit Bildern und ersten Eindrücken des ungewohnten Alltags.

Wir wollen also gemeinsam ins Homeoffice. Als ich zurückkomme, spielen wir eine Runde Wikingerschach im Garten, dann essen wir ein Stück Käsekuchen, das ich vom Bäcker mitgebracht habe. Kurz nach 17 Uhr explodiert mein Handy: Die Inseln an Nord- und Ostsee werden für Touristen geschlossen. Die Nachricht trifft mich bis ins Mark. Muss ich jetzt sofort zurück nach Hamburg? Kehren nicht gerade alle Skiurlauber aus den Risikogebieten dorthin zurück?

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Alles einpacken und losfahren? Die Katze ist draußen...

Whatsapp-Nachrichten trudeln im Minutentakt ein. „Bist du zuhause?“, fragt mein Bruder. Meine Mutter meldet sich: „Was macht ihr?“ Freundinnen erkundigen sich, wie es mir geht. Dann ruft mein Mann an. Sein Zug fährt gerade an der Autoverladestation in Niebüll vorbei, der Syltshuttle nach Westerland ist immer noch voll. Ganz kurz denke ich daran, alles einzupacken und loszufahren. Aber die Katze ist draußen unterwegs, die Waschmaschine läuft. Und: Ich bin neugierig. Wie geht es weiter? Wer informiert mich, was nun zu tun ist? Ich bleibe.

Am nächsten Morgen um neun Uhr ist die Auskunft auf der Sylt-Homepage nach wie vor vage: „Ministerpräsident Daniel Günther fordert Sie auf, Ihre Heimreise anzutreten. Ein Zeitraum wurde hierfür bislang nicht kommuniziert.“ Seit drei Stunden dürfen keine Urlauber mehr auf die Insel. In der Bäckerei heißt es, die Touristen sollen bis Mittwoch, den 19. März, abreisen.

Hamsterkäufe? Bei Gosch ist alles da

Die Verkäuferin ist fröhlich, Brötchen, Brot, Kuchen – alles da. „Hauptsache, wir bleiben gesund!“ Nebenan in der Lister Apotheke ist Apothekerin Birigit Malich froh, dass keine neuen Urlauber mehr auf die Insel kommen. Aber sie ist sich auch sicher: Das Virus ist längst auf der Insel. „Viele Gastronomen waren im Januar und Februar im Urlaub – auch im Skiurlaub.“

Mittags drehe ich eine kleine Runde mit meiner Tochter durch List. Der Parkplatz vor der Alten Tonnenhalle ist zu einem Viertel gefüllt. In die Markthalle komme ich nur noch, wenn ich meinen Namen und meine Kontaktdaten in eine Liste eintrage und meine Hände desinfiziere. Die meisten Kunden haben Verständnis dafür. Im Gosch Fischmarkt ist alles da, ich kaufe Krabben. „Die Lage ist beschissen entspannt“, sagt die Verkäuferin. „Das Ostergeschäft ist gelaufen.“ Wer bei Gosch in der Bootshalle essen will, muss an Patrick vorbei. Groß und breitschultrig steht er im Eingang. Liste und Handdesinfektion, dann darf ich rein. Zwei Frauen wollen mal schnell auf die Toilette, das geht nicht.

Wir machen weiter bis zum bitteren Ende

Drinnen mehr Mitarbeiter als Gäste, alle tragen Handschuhe. Aus den Lautsprechern wabern Shantys von Santiano, aber die Stimmung ist gedrückt. So leer habe ich es um die Mittagszeit noch nie erlebt. Fünf Männer sitzen an einem langen Tisch, trinken Bier und essen Fischfilet mit Bratkartoffeln. Es schmeckt.

Sie kommen aus Duisburg, sind am Donnerstag für den Syltlauf angereist, der abgesagt worden ist. Eigentlich wollten sie bis kommenden Freitag bleiben, nur fahren sie morgen zurück. In der Sylter Eismanufaktur am Ortsausgang sind meine Tochter und ich die einzigen Gäste, wir dürfen nicht mehr drinnen sitzen. Die drei jungen Frauen hinter dem Tresen sind fest angestellt. „Wir machen weiter, bis zum bitteren Ende.“ Ein kurzer Blick noch in den Supermarkt. Edeka hat alles – und ist menschenleer. Ich kaufe drei Glückslose.

Sylt ist geschlossen: Wann muss ich gehen?

Wieder ein Blick auf die Sylt-Homepage. Es gibt keine neuen Informationen. Fast zwölf Stunden nachdem die Schließung der Insel angekündigt worden ist, weiß ich immer noch nicht, wann ich gehen muss. Ein Blick auf die Webcam des Syltshuttle zeigt, dass es an der Verladestation voll ist, die Insel wird leerer. Ich werde auch nach Hause fahren. Wohl am Mittwoch.

Unsere Autorin Katrin Burseg (47) ist Schriftstellerin. Unter ihrem Pseudonym Karen Bojsen veröffentlicht sie Nordseeromane. Sie lebt mit ihrer Familie im Herzen von Hamburg. Ihre Website ist www.katrinburseg.de

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