Corona-Krise

Sperrung für Touristen – Insulaner bleiben gelassen

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In Niebüll steht ein Schild „Polizeikontrolle“ vor der Verladestation nach Sylt – der Zugang ist nur noch Einwohnern und Pendlern gestattet.

In Niebüll steht ein Schild „Polizeikontrolle“ vor der Verladestation nach Sylt – der Zugang ist nur noch Einwohnern und Pendlern gestattet.

Foto: Carsten Rehder / dpa

Alle Gäste müssen die Ferieninseln in Nord- und Ostsee verlassen. Hoteliers und Gastronomen wollen Entlassungen vermeiden.

Kiel/Hannover/Schwerin.  Die heile Welt der norddeutschen Inseln hat seit Montagmorgen Risse bekommen: Hotels und Ferienwohnungen stehen leer, die Inseln wirken verlassen. Mit der Schließung der Inseln im Norden für Urlauber steht das Leben auch auf Sylt, Föhr oder Fehmarn still. Und es kommen harte Zeiten auf die Menschen zu, die vom Tourismus leben. Der Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus belastet die Betroffenen massiv. Wie berichtet, haben die Ministerpräsidenten der nördlichen Bundesländer Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein sich darauf verständigt, die Inseln und Halligen für Gäste zu sperren.

Seit dem frühen Montagmorgen ist Sonja Witt vom Küselhof in Wulfen auf Fehmarn dabei, ihre Gäste anzurufen, die bereits ihren Urlaub auf dem Reiterhof gebucht hatten. Knapp 60 Telefonate hat sie deshalb geführt. Denn die Fehmarnsundbrücke ist für Urlauber seit Montagmorgen sechs Uhr bis mindestens 19. April abgeriegelt. Nur wer dort seinen ersten Wohnsitz hat oder auf der Insel arbeitet, darf weiterfahren. Das Gleiche gilt für alle norddeutschen Inseln und Halligen. Die Situation an den Fähranlegern zu den Nordfriesischen Inseln und Halligen sowie an der Autoverladestation in Niebüll sei bislang entspannt gewesen, sagte ein Sprecher der Polizeidirektion Flensburg. In der Regel hätten Einheimische, Lieferanten und Handwerker auf die Inseln fahren wollen. Falls Urlauber noch die Inseln besuchen wollten, würden sie weggeschickt, an der Fehmarnsundbrücke nach Fehmarn gibt es Kontrollen.

Schutz der Inselbevölkerung und der Schutz der Gäste ist das Ziel

Grund für die Abriegelung ist, dass die Gesundheitssysteme der Inseln nicht auf eine größere Zahl von mit dem Coronavirus infizierten Menschen vorbereitet sind. Die Maßnahme dient damit sowohl dem Schutz der Inselbevölkerung als auch dem Schutz der Gäste. Zuletzt hat sich die Zahl der Corona-Infizierten in Schleswig-Holstein innerhalb weniger Tage mehr als verdoppelt. Bis einschließlich Sonntag wurden 123 Fälle im nördlichsten Bundesland erfasst.

Die Urlauber, die abreisen müssen, zeigen Verständnis: „Keiner meiner Gäste fragt, wann er sein Geld zurückbekommt, sondern sagt, das kann ruhig dauern und ist gerade nicht so wichtig“, so Sonja Witt. Tatsächlich ist es so, dass die Gäste kostenfrei stornieren können. Darauf weist der Deutsche Tourismusverband auf seiner Homepage hin. Unter der Überschrift „Stornierungen im Krisenfall“ heißt es in einem Informationsschreiben: „Eine kostenlose Stornierung ist dann denkbar, wenn die Wohnung nicht zugänglich ist (…) weil sie sich in einem abgesperrten Gebiet befindet (…). Für den Gastgeber kommt unter Umständen eine Entschädigung nach dem Infektionsschutzgesetz in Betracht, wenn behördliche Maßnahmen (z. B. Quarantäne) angeordnet wurden.“

Stimmung ist sehr angespannt

Dass das Land Schleswig-Holstein für die Kosten aufkommt, darauf verlässt Sonja Witt sich erst mal. „Das ist aber alles juristisch äußerst kompliziert“, sagt Tourismusdirektor Oliver Behncke, der dazu noch keine Angaben machen kann. Die Stimmung auf der Insel sei sehr angespannt. „Das ist ein wirtschaftliches Desaster, diese Entscheidung trifft uns mit voller Wucht.“

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Allein auf Fehmarn sind 1600 Vermieter, 16 Campingplatzbetreiber und vier große Hotels von der Abriegelung betroffen. „Den ersten großen Urlauberschub hatten wir für die Osterferien erwartet. Der Ostersonnabend ist mit dem Pfingstsonnabend der umsatzstärkste Tag auf der Insel“, so Behncke. Rund 70 Prozent der Insulaner leben vom Tourismus. Und auch der Gemeinde werden mindestens eine Viertel Million Euro aus Kurabgaben fehlen. 410.000 Urlauber kommen im Jahr auf die Sonneninsel.

Planungen für die Zeit nach Corona

Trotz der drastischen Maßnahme ist Ferienhofbesitzerin Sonja Witt guter Dinge: „Es gilt nun, gute Laune zu verbreiten und uns nicht unterkriegen zu lassen“, sagt sie. Es werde alles gut. Sie und ihr Mann Andreas werden die Zeit nun nutzen, den Hof weiter für die Saison vorzubereiten. Denn eins ist für sie klar: „Es gibt eine Zeit nach Corona, und dann werden wir deutschen Urlaubsziele davon profitieren. Wir haben schon jetzt viele Buchungen für den Sommer bekommen. Fehmarn ist für viele heile Welt.“

Doch die heile Inselwelt bleibt auch nicht von den Folgen des grassierenden Coronavirus verschont: „Es wird nun für die Hoteliers und Vermieter darum gehen, Rechtssicherheit und existenzsichernde Maßnahmen beim Land einzufordern. Dafür setzen sich derzeit die Tourismus- und Wirtschaftsverbände der Insel vehement ein“, sagt Jutta Vielberg von der Sylt Marketing GmbH. Noch haben nicht alle Urlauber Sylt verlassen. Ministerpräsident Daniel Günther hatte Urlauber aufgefordert, möglichst zügig in ihre Heimatregion zurückzukehren.

Mitarbeiter sollen Überstunden abbauen

„Die Abreise der Gäste wird nicht innerhalb eines Vormittages stattfinden, das wäre logistisch gar nicht möglich“, so Jutta Vielberg. Es sei wichtig, einen geordneten Rückzug mithilfe eines geordneten Informationsflusses zu gewährleisten. „Nach jetzigem Stand der Dinge wird die Regionalbahn zwischen Westerland und Hamburg bis auf Weiteres planmäßig fahren, und auch die beiden Autozüge werden nach aktuellem Fahrplan verkehren und gegebenenfalls weitere Sonderzüge einsetzen.“

Auf der Nachbarinsel Föhr ist die Stimmung den Umständen entsprechend etwas getrübt. „Aber lieber lassen wir das Ostergeschäft ausfallen, damit die medizinische Versorgung gesichert ist. Das ist für alle Betriebe hart und gegebenenfalls mit enormen finanziellen Einbußen verbunden“, sagt Ann-Kathrin Meyerhof von der Föhr Tourismus GmbH. Auch die Gäste des Wellness Resort Südstrand in Wyk auf Föhr reisen nach und nach ab. Der Hotelbetrieb mit den 153 Mitarbeitern werde aber aufrechterhalten bleiben, sagt Christian Bärwinkel, stellvertretender Hoteldirektor.

Neue Projekte

Zu tun gebe es genug, so sollen neue Projekte angeschoben und Schönheitsreparaturen vorgenommen werden. „Es gilt nun, besonnen zu sein und einen kühlen Kopf zu bewahren“, so Bärwinkel. Oberste Priorität habe es, den Mitarbeitern die nötige Sicherheit zu geben. Vier Wochen Schließzeit sei auch für ein so großes Unternehmen eine harte wirtschaftliche Situation, aber es werde niemand entlassen. „Es ist jetzt auch die Chance, Überstunden abzubauen, Urlaub zu nehmen in dieser ruhigen Phase.“ Bärwinkel hofft auf schnelle und unbürokratische Hilfe vom Staat.

Coronavirus: So können Sie sich vor Ansteckung schützen

  • Niesen oder husten Sie am besten in ein Einwegtaschentuch, das sie danach wegwerfen. Ist keins griffbereit, halten Sie die Armbeuge vor Mund und Nase. Danach: Händewaschen
  • Regelmäßig und gründlich die Hände mit Seife waschen
  • Das Gesicht nicht mit den Händen berühren, weil die Erreger des Coronavirus über die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen in den Körper eindringen und eine Infektion auslösen können
  • Ein bis zwei Meter Abstand zu Menschen halten, die Infektionssymptome zeigen
  • Schutzmasken und Desinfektionsmittel sind überflüssig – sie können sogar umgekehrt zu Nachlässigkeit in wichtigeren Bereichen führen

Von der Maßnahme betroffen sind auch die Ostfriesischen Inseln. Sascha Lissowsky, Geschäftsführer des neuen Hotels New Wave auf Norderney und des Restaurants Octopussy, ist am Sonntag sofort von Berlin auf die Insel gefahren, um bei seinen Mitarbeitern zu sein. „Als Allererstes heißt es, die Mitarbeiter zu beruhigen und ihnen Sicherheit zu geben“, sagt er. Die 35 Angestellten auf Norderney könnten sich auf eine funktionierende große Firma verlassen. Alle Arbeitsplätze seien sicher. Und dennoch: „Erst mal ist das wirtschaftlich eine Katastrophe“, so Lissowsky. Eine Alternative zu dieser Maßnahme allerdings gebe es nicht. „Wir müssen nun solidarisch sein mit allen und erst mal entschleunigen und gucken, was passiert.“

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