Lungenkrankheit

Coronavirus: Hamburgs Hausärzte fühlen sich alleingelassen

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Am Montag wurden Einsatzkräfte des Rettungsdienstes zu einem Covid-19-Verdachtsfall nach Eppendorf gerufen – der Verdacht bestätigte sich nicht.

Am Montag wurden Einsatzkräfte des Rettungsdienstes zu einem Covid-19-Verdachtsfall nach Eppendorf gerufen – der Verdacht bestätigte sich nicht.

Foto: Michael Arning

Informationen kämen zu spät. Menschen mit unklaren Symptomen sitzen in Wartezimmern. Lungenfacharzt mahnt zu Besonnenheit.

Hamburg.  Die Corona-Epidemie setzt auch den niedergelassenen Ärzten in Hamburg immer stärker zu. Das Pro­blem: Immer häufiger strömen Patienten mit unklaren Symptomen direkt in die Arztpraxen, um sich auf Corona testen zu lassen – obwohl genau davon streng abgeraten wird, um die Verbreitung des Virus einzudämmen. Auch in den Krankenhäusern werden verstärkt vermeintliche Corona-Patienten vorstellig – allein am UKE sind es nach Angaben der Klinik durchschnittlich 50 Menschen pro Tag.

Mehrere Ärzte übten im Gespräch mit dem Abendblatt scharfe Kritik an einer aus ihrer Sicht mangelhaften Vorbereitung auf eine mögliche weitere Ausbreitung. „Viele von uns fühlen sich wie Kanonenfutter“, sagt die HNO-Medizinerin Dr. Petra Beyer-Niesen aus Barmbek. „Zum Glück sind gerade Schulferien, wodurch es etwas ruhiger zugeht.“ Auch die Internistin Dr. Andrea Müller-Scheven aus Blankenese sagt: „Wir arbeiten hier an vorderster Front im Dienste unserer Patienten. Viele von uns fühlen sich dabei alleingelassen.“

Mediziner fühlen sich zu Beginn der Corona-Krise schlecht informiert

Die Mediziner kritisieren, dass sie von der Hamburger Ärztekammer nach Beginn der Corona-Krise zu lange im Unklaren gelassen worden seien. Erst am vergangenen Freitag kam ein Brief von der Ärztekammer, in dem von der „sehr dynamischen Entwicklung“ der Krankheit die Rede ist. Konkret geht es in dem Schreiben darum, wie sich die Ärzte angesichts der aktuellen Krise im Umgang mit den Patienten verhalten sollen. Ein Beispiel: „Patienten, die möglicherweise betroffen sind, sollten zu Randzeiten der Sprechstunden in die Praxen gebeten werden (...) und – falls möglich – die Betroffenen in einem separaten Raum warten lassen.“

Coronavirus: So können Sie sich vor Ansteckung schützen

  • Niesen oder husten Sie am besten in ein Einwegtaschentuch. Ist keins griffbereit, halten Sie die Armbeuge vor Mund und Nase. Danach: Händewaschen
  • Regelmäßig die Hände waschen
  • Das Gesicht nicht mit den Händen berühren, weil die Erreger des Coronavirus über die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen in den Körper eindringen und eine Infektion auslösen können
  • Coronavirus: Ein bis zwei Meter Abstand zu Erkrankten halten

In der Realität lässt sich das kaum umsetzen, weil die ersten Symptome einer möglichen Corona-Infektion nicht von denen einer Grippe oder grippeähnlichen Erkrankung zu unterscheiden sind. Zwar weisen Ärzte mit Schildern an den Praxiseingängen darauf hin, dass Patienten, die „in den vergangenen 14 Tagen in einem Risikogebiet waren oder Kontakt zu einem bestätigten Covid-19-Fall hatten“ in häuslicher Quarantäne untersucht werden müssten.

Verdachtsfälle sollen nicht direkt in die Praxis kommen

Laut der Kassenärztlichen Vereinigung (KVH) Hamburg sollen niedergelassene Hausärzte Patienten, die fürchten, Corona zu haben, an den Arztruf Hamburg verweisen und an ihrer Arztpraxis ein Schild anbringen, dass Verdachtsfälle nicht direkt in die Praxis kommen sollen. „Im Zweifel kann der Arzt die 116 117 benachrichtigen oder den Patienten bitten, sich an den ärztlichen Bereitschaftsdienst zu wenden“, so Sprecher Jochen Kriens. Faktisch sitzen kränkelnde Patienten aber nach wie vor in Wartezimmern.

Informationen zum Coronavirus:

Unklar ist aus Sicht der Mediziner zudem, wie die Praxen die starke Nachfrage nach Materialien wie Schutzmasken und Desinfektionsmitteln koordinieren und später auch abrechnen sollen. In dem Schreiben der Ärztekammer heißt es dazu lediglich: „Schutzausrüstungen einschließlich Mund-Nasen-Schutz gehören (…) zum Praxisbedarf und sind über die Apotheken bzw. Sanitätshäuser zu beziehen. Aufgrund bestehender Lieferengpässe sind wir im Rahmen der Taskforce mit der koordinierenden Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz in Kontakt.“

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Laut Petra Beyer-Niesen kaufen Ärzte aktuell Schutzmasken, vielfach aber auch Desinfektionsmittel wie Sterillium im Internet auf eigene Rechnung, ohne zu wissen, ob ihnen die Kosten später überhaupt wieder erstattet werden. Hinzu kommt angesichts dieser Engpässe auch Verunsicherung bei den Medizinern selbst. „Offenbar gibt es keine Bevorratung“, so Beyer-Niesen, „und es stellt sich die Frage, wie wir niedergelassenen Ärzte uns und unser Personal auf lange Sicht schützen können.“

Die Hamburger Gesundheitsbehörde äußerte sich dazu wie folgt: „Für die Ausstattung mit entsprechender Schutzkleidung sind die Praxen selbst zuständig. Zuständig für die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte ist in Hamburg die Kassenärztliche Vereinigung“, so Sprecher Dennis Krämer. „Angesichts möglicher auftretender Engpässe in einigen Bereichen beraten Gesundheitsbehörde und KVH aktuell auch darüber, welche Maßnahmen ergriffen werden können, um niedergelassene Ärzte bei der Ausstattung mit Schutzmaterialien unterstützen zu können. Zudem wird das Thema in der Taskforce besprochen.“

Mahnung zu mehr Besonnenheit

Unterdessen hat Ärztekammerpräsident Dr. Pedram Emami die Hamburger angesichts der Krise um das sich verbreitende Coronavirus gemahnt: „Wir schießen beim Thema Corona etwas über das Ziel hinaus. Wenn jeder, der einmal niest, meint, er sei infiziert, und gleich in die Notaufnahme geht, werden die Ressourcen knapp für die, die sie wirklich brauchen.“ Emami sagte, er glaube daran, dass sich Corona mit dem Frühlingswetter abschwächen könnte.

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Ebenfalls zu mehr Besonnenheit mahnte Prof. Klaus Rabe, ärztlicher Direktor der LungenClinic Großhansdorf: „Es ist ein alarmierendes Zeichen, wenn Hamsterkäufe getätigt werden und in Kliniken Mundschutzmasken gestohlen werden. Die Krankenhäuser und Praxen sind für die Diagnostik und Versorgung möglicher Infizierter vorbereitet.“

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Die Epidemie setzt bereits das gesamte Hamburger Gesundheitswesen unter Stress. Wie es in Feuerwehrkreisen heißt, wandten sich Patienten mit Symptomen auch an die Notrufnummer 112. Am Montagmittag wurden Sanitäter und Rettungswagen zu einem Patienten in einer Wohnung am Eppendorfer Marktplatz gerufen, der typische Symptome zeigte. Der Verdacht bestätigte sich jedoch nicht.

( schmoo/cw/ryb/cia/arg/crh )

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