Fridays for Future

„Auch die Grünen haben nicht genug fürs Klima getan“

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Lebhafte Debatte mit Neubauer, Fegebank und Boehmann über Klimaschutz, Radikalität und Fridays for Future.

Hamburg.  Die Klima-Kämpferin (und Grünen-Mitglied) Luisa Neubauer, der Fridays-for-Future-Organisator Arnaud Boehmann und die grüne Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank bei einer Diskussion – das klingt ja erst einmal nach „Drei Stühle – eine Meinung“. Zum Glück kam es anders, auch wenn es natürlich einen Grundkonsens gab. Aber ganz so einfach haben es die beiden der Bürgermeisterkandidatin nicht gemacht. Und so musste Moderator Lars Haider, Chefredakteur des Hamburger Abendblatts, keine lebhafte Debatte herbeisticheln.

Beispiel autofreie Innenstadt: Fegebank führte aus, dass alle davon profitieren würden, weil die Menschen sich viel lieber in der City aufhielten, wenn es keinen Autoverkehr gebe. „Reicht nicht!“, sagte Boehmann und forderte, den öffentlichen Personennahverkehr kostenlos zu machen. „Denn für eine Familie ist ein Auto billiger als vier Monatskarten.“

Beispiel Hafen: Fegebank erläuterte, dass bis 2025 alle Kreuzfahrtschiffe in Hamburg an den Landstrom angeschlossen werden müssen. Boehmann konterte, dass Kalifornien das längst praktiziere.

Neubauer und Boehmann agieren kompromisslos

Was in der Debatte sehr schön deutlich wurde, ist die Kompromisslosigkeit, mit der Neubauer und Boehmann vorgehen – oder besser gesagt: meinen vorgehen zu müssen. „Denn Klimaschutz ist ein viel fundamentaleres Thema als alle anderen. Da kann man nicht argumentieren wie in einer rosaroten Wattewelt“, sagte Neubauer.

Boehmann: Apokalyptische Szenarien sind realistisch

Fegebank argumentierte, dass sie ja auch weitgehende Maßnahmen wolle, aber es eben nicht nur politische Mehrheiten brauche, sondern auch gesellschaftliche Akzeptanz, um das durchsetzen zu können. „Ihr seid ja nicht die Einzigen, die Druck auf die Politik ausüben“, sagte Fegebank mit Blick auf Lobbys und Interessengruppen aller Art.

Das nannte Boehmann dann „Angst vor der Angst der Bürger“. Man müsse mutig vorangehen, dann nehme man die Menschen auch mit. Neubauer argumentierte, dass alle Debatten über politische Mehrheiten obsolet seien, wenn die Realitäten ausgeblendet würden. „Viele werfen uns vor, dass wir apokalyptische Szenarien entwerfen würden – aber es sind leider realistische.“ Und das Handeln könne nur verändert werden, wenn diese Szenarien ernst genommen werden.

Haider wandte ein, dass es doch durchaus Bewegung in die richtige Richtung gebe – wenn etwa immer mehr Unternehmen durchaus ehrgeizige Ziele zur Klimaneutralität verkünden. Boehmann entgegnete, Fridays for Future sei keine „Lob-Lobby“ – „wir müssen Realitäten aussprechen“.

Fegebank eröffnet Grundsatzdebatte

In dieser Phase wurde deutlich, was Luisa Neubauer zu Beginn der Debatte damit meinte, als sie von ihrem „verqueren Verhältnis“ zu ihrer eigenen Partei sprach. „Fridays for Future wurde notwendig, weil auch die Grünen nicht genug getan haben.“ Mehrheiten für den Klimaschutz gebe es bereits. „Und bei manchen, die sich hinter vermeintlich nicht vorhandenen Mehrheiten verschanzen, ist das schlicht Kalkül.“

Katharina Fegebank merkte in diesem Zusammenhang an, dass die Wirtschaft in manchen Punkten ohnehin schon viel weiter sei als die Politik. Die HHLA etwa habe einen grünen Hafen als Geschäftsmodell entdeckt. „Da sind die ehrgeiziger als wir.“ Was Boehmann zu der Bemerkung veranlasste: „Bisschen peinlich, oder?“ Aber auch er attestierte manchen Unternehmen mehr Weitsichtigkeit – die würden eben nicht in Legislaturperioden denken.

Das führte Fegebank zu einer ganz grundsätzlichen Frage. „Ist unser System überhaupt tauglich für diese Herausforderungen?“ Vieles sei viel zu langsam für immer schnellere Entwicklungen. Fegebank: „Ich sage ganz offen: Ich habe keine Antwort.“ Was ihr ein Lob von Neubauer einbrachte: „Nicht viele Politiker räumen ein, auch mal keine Antwort zu haben – guter Move!“

Neubauer: Hamburg muss Vorreiter sein

Dann setzte sie zu einem intensiven Plädoyer an, warum gerade Hamburg besonders in der Verantwortung stehe, ehrgeizige Klimaziele möglichst schnell zu erreichen. „Der Klimawandel kann nur von den Städten ausgehen – weil die meisten Menschen in Städten leben und weil hier größere Akzeptanz vorhanden ist.“

Deutschland habe wegen seiner Voraussetzungen große Verantwortung – wenn es hier nicht gelinge, dann werde es fast nirgends gelingen. „Und in Deutschland muss Hamburg Vorreiter sein – auch damit es die schönste Stadt des Landes bleibt.“

Haider fragte sie, wie lange sie das eigentlich noch durchhalte, „Aktivistin ist ja kein Lebensmodell“. So lange, „wie ich es machen muss“, antwortete sie. „Und sehr viele machen ja mit. Das ist wunderschön und ermutigend – da darf es mir nicht zu mühsam sein.“

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