Hamburg

Depression: DAK diagnostiziert viele Minderjährige

Nur mal traurig? Oder doch schon depressiv? Abklärung ist wichtig. In diesem Artikel erfahren Sie mehr über die psychische Erkrankung (Symbolbild).

Nur mal traurig? Oder doch schon depressiv? Abklärung ist wichtig. In diesem Artikel erfahren Sie mehr über die psychische Erkrankung (Symbolbild).

Foto: Getty Images/iStockphoto

Warum so viele in Hamburg? Wie erkennt man die Erkrankung? Spielen soziale Medien eine Rolle? Hier finden Sie Antworten.

Hamburg. Jedes 20. Kind im Alter von zehn bis 17 Jahren leidet nach einer Studie der Universität Bielefeld, die medizinische Daten der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK) auswertete, an einer psychischen Erkrankung. Bei 2,9 Prozent der Zehn- bis 17-Jährigen wurde eine Depression, bei 2,3 Prozent eine Angststörung dia­gnostiziert. Das Abendblatt beantwortet die wichtigsten Fragen.

Die DAK hat die Daten von insgesamt 10.244 Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen zehn und 17 Jahren analysiert. Dies entspricht etwa 7,4 Prozent der in Hamburg lebenden Kinder und Jugendlichen, ausreichend für repräsentative Schlussfolgerungen für die ganze Stadt.

Wo liegt Hamburg im Bundesvergleich?

Unmittelbar hinter Berlin liegt Hamburg in der betreffenden Altersgruppe bei Depressionen und Angststörungen an zweiter Stelle in Deutschland. Hamburg liegt 38 Prozent über Bundesdurchschnitt.

Sind Hamburger Minderjährige mehr von Depressionen betroffen?

Dieser Schluss liegt nahe, ist aber wahrscheinlich falsch. „Es kann auch daran liegen, dass in Metropolen die medizinische Versorgung einfach besser ist, daher die Krankheit häufiger diagnostiziert wird“, sagt Julian Witte aus dem Bielefelder Forschungsteam.

Zudem sei denkbar, dass im ländlichen Raum solche Krankheiten gerade bei Kindern und Jugendlichen noch stärker tabuisiert werden und unbehandelt bleiben. „Die hohe Zahl kann daher durchaus auch eine gute Nachricht sein“, sagt Witte.

Welche Unterschiede gibt es bei den Geschlechtern?

Mädchen sind dreimal so häufig von Depressionen und fast doppelt so häufig von Angststörungen betroffen. Forscher führen dies vor allem auf die Nutzung von sozialen Netzwerken zurück.

Mädchen machen stärker als Jungen ihr Seelenheil davon abhängig, wie viele Likes sie etwa für ein Instagram-Foto erhalten. Zudem stehen auf den Social-Media-Plattformen bei Mädchen Faktoren wie das eigene Aussehen oder das Aussehen anderer viel stärker im Fokus.

Im Podcast "Digitalen Sprechstunde" spricht auch die Hamburger Kinder-und Jugendpsychiaterin Dr. Ott über das Thema.

Wie werden diese Depressionen behandelt?

14 Prozent der Minderjährigen mit einer Depression bekommen Antidepressiva. Bei Angststörungen ist diese Quote geringer (sieben Prozent). Fast jeder zehnte betroffene Minderjährige wird mindestens einmal im Krankenhaus behandelt, viele von ihnen binnen zwei Jahren mehrfach. „Wir haben sogar Fälle, wo ein junger Patient 16-mal binnen zwei Jahren ins Krankenhaus musste“, sagt Witte.

Die Länge der Krankenhausaufenthalte ist enorm, im Schnitt liegt er bei 56 Tagen. Was neue Probleme verursacht: Soziale Kontakte können abbrechen, zudem die schulischen Leistungen sinken.

Welche Faktoren begünstigen eine psychische Erkrankung?

Eine chronische Erkrankung erhöht das Risiko um das 4,5-Fache. Aber auch Patienten, die unter Fettleibigkeit (Adipositas) leiden, haben dreimal so oft Depressionen.

Aber auch äußere Faktoren können für Depressionen verantwortlich sein. Wenn ein Elternteil depressiv ist, steigt das Risiko beim Kind um 3,3-Fache, bei einer Suchterkrankung eines Elternteils um das 2,4-Fache.

Wie erkennt man eine Depression bei Minderjährigen?

Laut Deutscher Depressionshilfe können vermindertes Selbstvertrauen, Ängste, Lustlosigkeit, Leistungsstörungen, Gewichtsverlust, Schlafstörungen oder sozialer Rückzug Anzeichen einer Depression im Pubertäts- und Jugendalter sein.

Im Zweifel sollte man immer einen Arzt konsultieren. Suizide zählen bei Minderjährigen zu den häufigsten Todesursachen.

Was ist ein Problem der Therapie?

Die DAK spricht von „Versorgungslücken nach der Krankenhausbehandlung“. Es fehle oft eine ambulante Nachsorge. Die Kasse hat das Programm „Veo“ gestartet, damit Betroffene nach einem Aufenthalt im Krankenhaus besser aufgefangen werden.

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Das Ziel: Kinder- und Jugendtherapeuten, Fachärzte, Schulpsychologen, Beratungsstellen und Jugendämter sollen ihre Angebote vernetzen, damit Betroffenen ohne lange Wartezeiten geholfen werden kann.

Wie ist die Situation bei Erwachsenen?

Laut aktueller Studie der Techniker Krankenkasse (TK) entfielen 2019 in Hamburg pro Kopf 3,5 Krankheitstage auf eine psychische Erkrankung, Damit liegt Hamburg deutlich über dem bundesweiten Schnitt von 2,9 Tagen.