Bergedorf

Jugendpsychiater muss nach zahlreichen Beschwerden gehen

Kinder und Jugendlichen mit dem Asperger-Syndrom haben häufig Schwierigkeiten mit Menschenansammlungen und ziehen sich gern zurück.

Kinder und Jugendlichen mit dem Asperger-Syndrom haben häufig Schwierigkeiten mit Menschenansammlungen und ziehen sich gern zurück.

Foto: Imago

Leitender Arzt im Bezirk Bergedorf soll nach der Probezeit nicht übernommen werden. Was betroffene Familien erlebt haben.

Hamburg.  Betroffene sind verzweifelt, Kinderschutz-Experten entsetzt, die Senatorin ist informiert: Die Einstellung von Dr. Meier (Name geändert), seit fünf Monaten neuer Leiter des Jugendpsychiatrischen Dienstes (JPD) in Bergedorf, sorgt für Wirbel. Am 28. Oktober hat Lea Müller zusammen mit ihrem Sohn Paul (Namen geändert) den JPD in Bergedorf aufgesucht. Der Zehnjährige leidet unter dem Asperger-Syndrom. Reizüberflutung und Menschenansammlungen stressen ihn.

Zu Hause fällt es ihm schwer, kurze mehrteilige Aufgaben wie Jackeausziehen, Ranzenwegstellen und Händewaschen zu bewältigen. „Auch das morgendliche Fertigmachen für die Schule muss immer in kleinen Schritten angeleitet und begleitet werden, da Paul keine eigenständige Handlungsplanung verfolgen kann“, sagt die Mutter.

Antrag auf Eingliederungshilfe

Paul ist schon seit Jahren im Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) in Billstedt in Behandlung, dort wurde Anfang des Jahres auch die genaue Diagnose gestellt. Unterstützung bekommt die Familie vom Regionalen Bildungs- und Beratungszentrum (ReBBZ), das keinen Zweifel an der Diagnose hat und Hilfe in der Schule zusagt.

Beim Jugendamt aber geht es um einen Antrag auf Eingliederungshilfe, also um Unterstützung für die Familie im Alltag. „Unser Sohn ist jetzt auf das Gymnasium gekommen und benötigt, wie auch wir als Eltern, dringend professionelle Unterstützung, um ihm den weiteren Bildungsweg so gut wie möglich offenzuhalten und auch Risiken wie Depression aus Überlastung zu vermeiden“, sagt Lea Müller. „Die jetzige Phase ist schon sehr kritisch geworden, weil er die für Asperger-typischen Schwächen in der Verfolgung des Unterrichts und der Eigenorganisation zeigt. Und weil seine Frustration zunimmt.“

Arzt hat Diagnose Asperger infrage gestellt

Um eine intensive Unterstützung nach § 35 SGB VIII zu bekommen, bedarf es in Hamburg einer Begutachtung durch den Jugendpsychiatrischen Dienst. Der Termin mit Dr. Meier, dem Leiter des JPD, verlief dann aber völlig anders, als Lea Müller sich das vorgestellt hatte. „Am Anfang fragte der Arzt meinen Sohn danach, wo denn Schwierigkeiten in unserer Beziehung liegen würden. Nach drängender Aufforderung zu einer Antwort durch den Arzt nannte mein Sohn dann Probleme mit seiner Lernbereitschaft beim Flötenspiel oder auch beim morgendlichen Aufstehen. Nach weiterem eindringlichen Befragen zeigte der Arzt plötzlich mit dem Finger auf Paul und sagte zu ihm: ,Deine Mutter ist nicht dazu da, um von dir gequält zu werden. Darüber solltest du jetzt einmal nachdenken.‘“

Lea Müller entgegnete, dass die Dinge zum Teil schon Jahre zurückliegen. „Dann hat der Arzt die gesamte Diagnose Asperger infrage gestellt.“ Das Sozialpädiatrische Zentrum, das seit 20 Jahren den Hamburger Osten mit einer Vielzahl von Fachärzten für Kinder- und Jugendmedizin auf dem Gebiet der Kindesentwicklung versorgt, sei ihm auch völlig unbekannt. Lea Müller: „Seine Aussagen gingen zunehmend in die Richtung, dass hier wohl Probleme bei mir und meinem Mann vorliegen. Ob wir denn stabil oder schon mal in psychiatrischer Behandlung gewesen seien? Statt Asperger liege hier wohl vielmehr ein familiäres Problem vor.“

Weitere betroffene Mütter

Susanne Epplée, die ärztliche Leiterin des SPZ, ist entsetzt: „Ich kann mir nicht erklären, warum der ärztliche Kollege die in einem anerkannten und überaus aufwendigen Verfahren gestellte Diagnose einer Asperger-Erkrankung infrage stellt.“ Die in ihrem Institut gestellte Diagnose umfasse viele Stunden standardisierter Testverfahren, eine Befragung der Eltern, diagnostische Interviews und Spielbeobachtungen des Jungen. Bei ihr, sagt sie, habe sich aber bereits eine zweite verzweifelte Mutter gemeldet. Und auch eine Kinderärztin habe ihr von weiteren betroffenen Müttern berichtet, die ähnliche Erfahrungen mit diesem Arzt gemacht hätten.

Lea Müller sagt, der Arzt habe auch Entwicklungsberichte oder Arztberichte über Paul nicht zur Begutachtung herangezogen. „Lediglich die Schulzeugnisse hat er sich angesehen.“ Abgelehnt wurde von Dr. Meier ebenfalls die Unterstützung durch Medicus, ein vom Jugendamt des Kreises Stormarn anerkannter Jugendhilfeträger für Autismus-spezifische Förderungen. „Er fragte mich, welche Befähigungen diese denn überhaupt hätten.“ Der Arzt habe all diese Aussagen vor ihrem Sohn gemacht. „Paul hat sich seit den Vorwürfen, mich zu quälen, völlig in sich zurückgezogen.“

Fragwürdige Behandlungsmethoden

Das Gespräch endete im Streit. Lea Müller fand heraus, dass Dr. Meier wegen seiner fragwürdigen Behandlungsmethoden als langjähriger Chefarzt einer Kinder- und Jugendpsychiatrie in Norddeutschland dort 2018 fristlos entlassen worden war. Derzeit ermittelt die Staatsanwaltschaft Verden gegen ihn wegen des Verdachts der Freiheitsberaubung und der gefährlichen Körperverletzung. „Die Ermittlungen in diesem Zusammenhang dauern an. Aktuell werden zu den Verdachtsfällen mehrere Zeugen vernommen. Die weitere Dauer der Ermittlungen kann nicht abgesehen werden“, sagt Martin Schanz, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Verden.

Lea Müller hat sich in ihrer Verzweiflung auch an die zuständige Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) gewandt. „Seit dem Termin mit dem Leiter des Jugendpsychia­trischen Dienstes sind wir unglaublich aufgewühlt und verzweifelt, weil uns der Boden für die dringend notwendigen Schritte von diesem Mann entzogen wurde.“

Schockierende Erlebnisse

Bei Lea Müller haben sich inzwischen zwei weitere Mütter gemeldet, die ähnlich schockierende Erlebnisse mit dem JPD-Leiter gemacht haben. „Die Diagnosen ihrer Kinder wurden ebenfalls infrage gestellt, sie fühlen sich völlig hilflos und ohnmächtig.“ Sie fragt sich, wie dieser Arzt, der über die Zukunft von Kindern entscheidet, von der Stadt in dieser verantwortungsvollen Position eingestellt werden konnte? Sie hat das Jugendamt darüber informiert. „Die waren sichtbar schockiert, sagten uns dann aber, dass wir selbst über die vorgesetzte Stelle des Arztes, das Gesundheitsamt Bergedorf, eine alternative Begutachtungsmöglichkeit suchen sollten.“

Gut möglich, dass Lea Müller doch noch Hilfe beim Gesundheitsamt findet. Nach Abendblatt-Informationen befindet sich Dr. Meier noch in der Probezeit. Und soll danach nicht übernommen werden, was wohl auch mit den aktuellen Vorwürfen zusammenhängt.

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Was ist mit weiteren Betroffenen, deren Anträge auf Hilfe von dem Arzt abgelehnt worden sind? „Gegen einen abgelehnten Antrag kann beim Jugendamt Widerspruch eingelegt werden“, sagt Lena Stich vom Bezirksamt Bergedorf. Wie aber konnte der Arzt den Job überhaupt bekommen? Christoph Lucks, stellvertretender Leiter des Personalamts der Stadt: „Vor der Einstellung von Beschäftigten wird ein privates Führungszeugnis erbeten.

Ein Auszug, in dem das Bundesamt für Justiz sämtliche Strafen aufführt, die Gerichte in Deutschland gegen einen Betroffenen in den vergangenen Jahren verhängt haben. Der öffentliche Arbeitgeber hat keine regelhafte Kenntnis von laufenden Ermittlungsverfahren. Danach wird auch in aller Regel nicht explizit gefragt. Im Laufe eines Bewerbungsgespräches kann es aber natürlich sein, dass der potenzielle Arbeitgeber Kenntnis erhält.“

Der Arzt selbst war laut Dr. Jürgen Duwe, Leiter des Gesundheitsamtes Bergedorf, für das Abendblatt „nicht zu erreichen“, um sich zu den Vorwürfen zu äußern.