NS-Zeit

Stadthöfe – warum ein Gedenkort für Streit sorgt

Christine Eckel von der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte und Herbert Diercks, ehemaliger Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, im sogenannten „Seufzergang“. Sie haben die Dauerausstellung in den Stadthöfen inhaltlich erarbeitet – hatten aber keinen Einfluss auf die Größe der Fläche.

Christine Eckel von der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte und Herbert Diercks, ehemaliger Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, im sogenannten „Seufzergang“. Sie haben die Dauerausstellung in den Stadthöfen inhaltlich erarbeitet – hatten aber keinen Einfluss auf die Größe der Fläche.

Foto: Andreas Laible

Dauerausstellung zu NS-Verbrechen in Hamburg eröffnet. Kritiker sagen: Das reicht nicht. Mit welchen Problemen sie kämpfen.

Hamburg. „Dunkel war der Keller, in den ich mit anderen Verhafteten getrieben wurde. Unbeleuchtet die Zelle, die nach Schweiß, Urin und anderen Ausdünstungen roch. Keiner der Verhafteten sprach ein Wort. Wir waren wie erstarrt.“ Die Stimme hallt durch den kargen, niedrigen Gang.

Dann die nächste: „Dann haben sie mich in eine Art kleinen Schrank eingesperrt. Wenn die Tür zu war, waren die Knie eingeklemmt. Oben war nur ein kleines Stückchen Metall mit Löchern drin. Wie lange ich da drin war, weiß ich nicht mehr. Mir ist schlecht geworden. Ich bin bewusstlos geworden.“

NS-Zeit: Dauerausstellung zu verübten Verbrechen in Hamburg

Es sind brutale Verhörmethoden und Misshandlungen, die Lucie Suhling und Barbara Reimann hier einst erdulden mussten. Anzuhören im „Seufzergang“, wie ehemalige Gefangene ihn nennen, der wohl eindringlichste Teil der neuen Dauerausstellung in den heutigen Stadthöfen. Durch diesen Gang über das Bleichenfleet wurden die Inhaftierten von ihren Zellen zu den Vernehmungszimmern gebracht.

Ein Ort, der den Besucher mit voller Härte trifft – kommt der doch gerade noch aus der heilen Konsumwelt des neuen Quartiers mit Geschäften, Bistros und Boutique-Hotels, das sich zwischen Stadthausbrücke und Bleichenbrücke erstreckt. Und mitten drin: die „Zentrale des Terrors“. Während der NS-Zeit waren hier das Polizeipräsidium und die norddeutschen Zentralen von Kriminalpolizei und Gestapo untergebracht, von hier wurden Kriegsverbrechen geplant und organisiert.

Stadthöfe – warum ein Gedenkort für Streit sorgt

Ein Ort also, den man niemals vergessen darf. So weit sind sich alle einig. Doch wie hier erinnert wird, darüber geht der Streit auch nach der Eröffnung der Dauerausstellung weiter. „Es ist schon etwas Beachtliches entstanden, die Informationstische sind hoch professionell“, sagt Carola Hoffenreich von der „Initiative Gedenkort Stadthaus“, die sich seit Jahren für eine „angemessene“ Darstellung einsetzt – auch lautstark und sichtbar immer freitagnachmittags mit einer Mahnwache an der Stadthausbrücke.

Doch die Fläche bleibe einfach viel zu klein, um sich wirklich mit der Thematik auseinanderzusetzen. „Viele Themen kommen gar nicht vor“, so Hoffenreich, „und Schulklassen kann man hier auch nicht empfangen.“ Die Dauerausstellung sei kein Gedenk- oder Lernort, sondern „nur ein Erstinformationsort“. Das könne so nicht bleiben.

Von 250 Quadratmetern bleiben 50 für NS-Ausstellung

Die acht Informationstische, die Hoffenreich anspricht, stehen im Eingangsbereich der Buchhandlung Lesesaal, der in ein Café übergeht. Hier können die Besucher Biografien der Gefangenen nachlesen, sich über die Themen Völkermord, Polizei im Nationalsozialismus und den Widerstand informieren, modern aufbereitet mit Fotos, herausnehmbaren Dokumenten und Tablets.

Dass die Besucher hier ansonsten Bücher kaufen oder Kaffee trinken, stört Hoffenreich nicht – aber dass von den insgesamt 250 Quadratmetern nur etwa 50 für die Ausstellung blieben. Um die Geschichte des Stadthauses darzustellen, wurden bereits Leuchtstelen in den offenen Arkadengang hinter dem Café aufgebaut. Hier befindet sich auch der Zugang zum „Seufzergang“, den man sich vom Lesesaal aus öffnen lassen muss.

Biografien der Verfolgten in Stadthöfen ausführlicher schildern

Christine Eckel von der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte hat die Ausstellung inhaltlich mit erarbeitet. Sie freut sich, dass die Menschen sich nun an diesem zentralen Ort über die NS-Geschichte Hamburgs informieren können – hätte noch mehr Platz aber auch gut nutzen können.

„Es wäre beispielsweise schön gewesen, wenn die Biografien der Verfolgten ausführlicher hätten dargestellt werden können, mit mehr Abbildungen und Materialien“, sagt sie. „Hiermit wäre der Kontext ihrer Verfolgung noch deutlicher geworden.“

Gesamtensemble sollte auch Wagenhalle und Bunker einschließen

Mehr Platz wäre laut der Initiative Gedenkort Stadthaus auf dem rund 100.000 Quadratmeter großen Areal der Stadthöfe durchaus vorhanden – und zwar direkt neben dem Café in der ehemaligen Wagenhalle, wo die Gefangenen damals abgeladen wurden. Etwa 800 Quadratmeter stünden hier leer, so Hoffenreich.

Außerdem gebe es direkt angrenzend unter dem Denkmal von Bürgermeister Petersen am Neuen Wall noch einen Bunker, in den sich die Gestapo-Mitarbeiter flüchten konnten. „Es wäre wichtig, diesen als Teil des Gesamtensembles zu sehen und vor allem zunächst unter Denkmalschutz zu stellen“, so Hoffenreich.

Mehr Probleme: Feuchtigkeit, Fluchtwegen, Brandschutz...

Anfangs hochgelobt, erntet die Dauerausstellung noch mehr Kritik. Der Stadthöfe-Investor, die Firma Quantum, hat bereits darauf verwiesen, dass die Wagenhalle zurzeit zwar noch leer, aber dennoch nicht zur Verfügung stehe – für die Fläche gebe es bereits einen Mieter. Und beim Bunker gebe es laut Kulturbehörde „zahlreiche größere Probleme“, unter anderem mit derzeitig anderen Nutzungen, Feuchtigkeit, Fluchtwegen und dem Brandschutz.

Generell werde man die Gedenkstättenarbeit mit dem Neubau des Dokumentationszentrums am Hannoverschen Bahnhof in der HafenCity deutlich ausbauen, so Behördensprecher Enno Isermann. „Wir sind aber weiter mit Quantum im Gespräch und müssen gucken, wie das zum Beispiel funktioniert, wenn eine Schulklasse in die Ausstellung kommt. Reicht dann der Raum, wenn man das Café miteinbezieht“, so Isermann. Es sei klar, dass man hier noch eine Lösung finden müssen. „Das ist noch nicht der Endpunkt.“

Initiative: Freitags zur Mahnwache vor die Stadthöfe

Vielleicht kann der Streit um das Gedenken also doch noch ein Ende finden, das allen gerecht wird. Bis dahin wird sich die Initiative aber weiterhin freitags zur Mahnwache vor den Stadthöfen versammeln.

Christina Eckel von der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte führt regelmäßig Besucher kostenlos durch die neue Dauerausstellung. Alle Termine unter: kz-gedenkstaette-neuengamme.de/veranstaltungskalender