Wildtier-Stiftung

Musste Fritz Vahrenholt wegen Klimathesen gehen?

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Fritz Vahrenholt als Vorstand der Deutschen Wildtier Stiftung 2015 auf einer Baustelle in Billbrook – die Stiftung sanierte das Gelände.

Fritz Vahrenholt als Vorstand der Deutschen Wildtier Stiftung 2015 auf einer Baustelle in Billbrook – die Stiftung sanierte das Gelände.

Foto: Roland Magunia

Präsidium der Wildtier Stiftung trennt sich vom Alleinvorstand – der frühere Umweltsenator warnte mehrfach vor einer Klimahysterie.

Hamburg.  Die Pressemeldungen der Deutschen Wildtier Stiftung mit Sitz in Hamburg kümmern sich vorzugsweise um große und kleine Tiere. „Freiheit für den Rothirsch“ heißt eine, „Biber in Klepelshagen“ eine andere, „Was treibt den Feldhamster in die Großstadt?“ und „Schutzwaldsanierung im Gamsrevier“. Nun macht die Stiftung mit einer ganz eigenen Personalie Schlagzeilen. Hinter der unscheinbaren Überschrift „Pressemitteilung des Präsidiums“ verbirgt sich ein spektakulärer Rauswurf: „Die Deutsche Wildtier Stiftung und ihr Vorstand Prof. Dr. Fritz Vahrenholt sind aufgrund unterschiedlicher Vorstellungen über die Positionierung der Stiftung in der aktuellen klimapolitischen Diskussion übereingekommen, ihre Zusammenarbeit zu beenden.“

Die Wildtier Stiftung ist nicht irgendeine Stiftung – mit einem Stiftungskapital von 111 Millionen Euro gehört sie zu den großen Organisationen im Land. Gegründet hatte sie 1992 der Hamburger Unternehmer Haymo G. Rethwisch, um die Artenvielfalt in Deutschland zu bewahren. Vahrenholt hat die Stiftung geprägt: Der „Mann grüner Tat“, wie ihn Bürgermeister Klaus von Dohnanyi einst nannte, wurde 2010 Mitglied im Kuratorium, 2012 nahm er seine Arbeit als Alleinvorstand auf. Mit der sich zuspitzenden Klimadebatte aber verschlechterte sich offenbar auch das Klima in der Stiftung zwischen Präsidium und Vorstand.

Vahrenholt gilt als Bremser in der Klimadebatte

Der streitbare wie umstrittene Wissenschaftler Vahrenholt, einst Umweltsenator der Hansestadt, gilt seit Jahren als Bremser in der Klimadebatte. „Die Klima-Diskussion ist so hysterisch geworden, dass sie die Politik vor sich hertreibt. Wir haben aber keinen Klimanotstand“, sagte der SPD-Politiker im Oktober dieser Zeitung. Er warnte: „Wenn die Forderungen von Greta Thunberg umgesetzt werden, werden Wohlstand und Entwicklung weltweit massiv gefährdet.“ Schon seit Jahren mischt sich Vahrenholt, dessen Bücher „Seveso ist überall“ oder „Der Geo-Umweltatlas“ einst Meilensteine in der deutschen Ökodebatte waren, in die Klimadiskussion ein.

„Ich leugne den Wandel nicht. CO2 ist ein Problem“, sagte er dem Abendblatt. „Der Weltklimarat IPCC sagt eine Klimaerwärmung in der Bandbreite von 1,5 bis 4,5 Grad bis 2100 voraus. Ich gehe von 1,5 Grad aus. Wo ist da der Skandal, den einige konstruieren?“ Schon 2012 veröffentlichte er das Buch „Die kalte Sonne: Warum die Klimakatastrophe nicht stattfindet“, in dem er den Einfluss von Ozeanzyklen und der Sonnenaktivität für das Klima herausstreicht. Seitdem gilt er bei vielen Klimaschützern als böser Bube – die „Zeit“ machte ihn zum „Störenfritz des Klimafriedens“.

Geht es auch um den Zeitgeist?

Aber warum störte sich die Wildtier Stiftung sieben Jahre nicht an Vahrenholts Thesen, nun aber umso mehr? Geht es am Ende auch um den Zeitgeist? Der Medienberater Bernd Bauer hat die Kommunikation für das Präsidium der Wildtier Stiftung übernommen. „Die persönlichen Positionen von Prof. Vahrenholt sind in der Tat seit Jahren bekannt“, sagt Bauer dem Abendblatt. Er rechtfertigt die Trennung so: „Die Stiftung hat sich in der klimapolitischen Diskussion entsprechend ihren satzungsgemäßen Zielen des Natur- und Artenschutzes gegen den Ausbau der Windkraft im Wald und in Vogelschutzgebieten gewandt, im Übrigen jedoch bewusst keine Position in der wissenschaftlich-politischen Debatte über das Ausmaß des Klimawandels, seine Ursachen und darüber, ob und welche Maßnahmen geboten seien, bezogen.“ Zwischen Prof. Vahrenholt und dem Präsidium habe es unterschiedliche Vorstellungen darüber gegeben, ob diese Linie der Stiftung beibehalten werden sollte.

Offenbar hat nicht nur das Abendblatt-Interview das Klima vergiftet, sondern auch eine E-Mail von Vahrenholt an alle Bundestagsabgeordneten aus dem September, unterzeichnet in seiner Funktion als Alleinvorstand der Deutschen Wildtier Stiftung. Darin betont Vahrenholt, „die Erde wird grüner“, und warnt vor einem massiven Ausbau der Windenergie. Sein Schreiben als Stiftungsvorstand sah er wohl von der Satzung gedeckt, weil die Energiewende die Landschaft in Deutschland sowie die Wälder zerstöre und die darin beheimatete Tierwelt massiv bedrohe. Dem Präsidium ging diese Mail indes viel zu weit.

Vahrenholt hat viel für die Stiftung geleistet

Vahrenholt erklärte nach der Trennung schriftlich: „Als ich 2012 meine Arbeit übernahm, kannte die Stiftung kaum jemand. Heute ist sie eine mächtige Stimme für den Wildtierschutz in Deutschland. Die Kündigung des Präsidiums des Kuratoriums der Stiftung erweckt den Eindruck, als ob ich illegitime Positionen zur Klimapolitik geäußert hätte.“ Weder leugne er den Temperaturanstieg noch einen Zusammenhang mit dem CO2-Ausstoß. Er glaubt aber, „dass wir dieses Jahrhundert Zeit haben, um uns von den fossilen Energieträgern zu lösen, und daher eine politische Kurzschlussreaktion abzulehnen ist, durch Vervierfachung bis Versechsfachung der Anzahl der Windkraftanlagen unsere heimische Landschaft zu zerstören. Dieses sich anbahnende Desaster für unsere Wildtiere kann man nur glaubwürdig bekämpfen, wenn man den energiepolitischen und klimapolitischen Kontext aufgreift und kritisiert.“

Das Präsidium strich in seiner Erklärung Vahrenholts Leistungen heraus. Alice Rethwisch, die Witwe des verstorbenen Stiftungsgründers, ließ sich mit dem Satz zitieren: „Wir danken Prof. Dr. Vahrenholt für seine erfolgreiche Arbeit und sein großes Engagement. Er hat die Stiftung in vieler Hinsicht entscheidend vorangebracht.“ Die Spendenbereitschaft hat unter Vahrenholts Klimathesen nicht gelitten: „Über Reaktionen von Spendern und Partnern der Stiftung wegen der jüngsten Interviews von Herrn Prof. Vahrenholt ist uns nichts bekannt“, sagt Medienberater Bauer.

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Offenbar fürchtete das vierköpfige Präsidium des Kuratoriums nun aber, dass die Stiftung in die Klimadebatte hineinrutsche – und entschied sich für eine Trennung von Vahrenholt. Das Präsidium bezog nicht alle Mitglieder des 16-köpfigen Kuratoriums ein – manche erfuhren davon durch die Pressemeldung. Hier werde bewusst ein falscher Eindruck vermittelt, sagte ein Kuratoriumsmitglied. Die Mehrheit habe demnach hinter Vahrenholt gestanden.

Die Personalentscheidung dürfte Verwerfungen auslösen. So legte der Bundestagsabgeordnete Arnold Vaatz (CDU) aus Protest sein Amt im Kuratorium nieder, weitere Mitglieder erwägen einen ähnlichen Schritt. Den Vorstand der Stiftung hat nun interimistisch der Medienanwalt Jörg Soehring, Jahrgang 1942, übernommen – „aufgrund seiner jahrzehntelangen Verbindung zur Stifterfamilie und zur Stiftung“, so Bauer. Soehring wechselt aus dem Präsidium des Kuratoriums in den Vorstand.

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