Bergedorf

Umstrittener Jugendpsychiater: Weitere Betroffene

Kinder und Jugendlichen mit dem Asperger-Syndrom haben häufig Schwierigkeiten mit Menschenansammlungen und ziehen sich gern zurück.

Kinder und Jugendlichen mit dem Asperger-Syndrom haben häufig Schwierigkeiten mit Menschenansammlungen und ziehen sich gern zurück.

Foto: Imago

Weitere Mütter erheben schwere Vorwürfe gegen den freigestellten Arzt. Staatsanwaltschaft ermittelt, Politik verspricht Aufklärung.

Hamburg.  Wie hoch ist die Zahl der betroffenen Familien, die sich über den Leiter des Jugendpsychiatrischen Dienstes (JPD) in Bergedorf beschwert haben? Lea Müller (Name geändert) hatte im Abendblatt berichtet, dass Dr. Meier (Name geändert) im Oktober die Asperger-Diagnose ihres zehnjährigen Sohnes bestritten und dem Jungen während der Begutachtung gesagt habe: „Deine Mutter ist nicht dazu da, um von dir gequält zu werden.“ Jetzt melden sich zwei weitere Mütter, die mit ihren Söhnen bei dem Arzt zur Begutachtung gewesen sind und anschließend „völlig aufgelöst“ waren.

„Der Arzt hat mich und meine Familie aufs Übelste beleidigt“, sagt Swantje Metzelaers. „Ich könnte immer noch heulen, wenn ich daran denke.“ Der Vorfall ereignete sich bereits im August. Anschließend schrieb sie eine Beschwerde-Mail. Das Gesundheitsamt Bergedorf war also seit Monaten informiert. In die Aufarbeitung des Falls um den umstrittenen Arzt, der inzwischen freigestellt worden ist, hat sich mittlerweile auch die Politik eingeschaltet.

Kind offenbar massiv unter Druck gesetzt

„Dieser Arzt hat bei unserem Sohn im August die Schultauglichkeitsuntersuchung durchgeführt“, sagt Swantje Metzelaers. Ihr Sohn hat eine Sprachentwicklungsstörung, ist deshalb auch schon seit einiger Zeit in logopädischer Behandlung. Gewisse Laute kann er noch nicht richtig aussprechen.

So ist bei ihm die Farbe Blau noch „bau“ und Grün ist „gün“. Aufgrund der verzögerten Sprachentwicklung hat er einen I-Status (Integrationskind) in der Kita. „Die Untersuchung lief so ab, dass der Arzt sich genau vor meinen Sohn hinsetzte und ihn nach jedem falschen Wort mit den Worten anfuhr: ,Guck mich an, guck mich an, sprich mir nach, sprich mir nach!‘“, sagt Swantje Metzelaers. Sie hat dem Arzt mehrfach gesagt, dass ihr Sohn das noch nicht aussprechen könne.

Die Universitätsklinik Eppendorf (UKE) hat bei ihrem Sohn außerdem die Diagnose „Selektiver Mutismus“ gestellt. „Das heißt, dass er nicht so leicht mit anderen Menschen redet.“ Als sie das gegenüber dem Leitenden Arzt erwähnt hat, habe der aber nur abgewinkt und gesagt, er rede ja jetzt.

„Gedemütigt und beschmutzt“

Am schlimmsten aber, so Swantje Metzelaers, sei es gewesen, als der Arzt zu ihr gesagt habe: „Ich bin sehr verwundert, wie bei Eltern mit so hohem Bildungsgrad und einer normalen Schwester so was bei rauskommen kann.“ Ihr Sohn habe das alles mit angehört. „Ich bin heulend nach Hause gefahren, mein Sohn hat zwei Tage nicht gesprochen.“

Auch Pia Reimers, die mit ihrem dreijährigen Sohn Leo (Namen geändert) zur Begutachtung bei Dr. Meier war, fühlte sich anschließend „gedemütigt und beschmutzt“. Bei ihr war während der Schwangerschaft eine Krebserkrankung diagnostiziert worden, ihr Sohn lag nach der Geburt länger auf der Intensivstation. „Er ist entwicklungsverzögert, ich habe mich im Sommer um einen Integrationsplatz für ihn in der Kita bemüht.“ Mitte November bekam sie einen Termin im Gesundheitsamt. „Es ging ja um Hilfe für Leo – aber nach kurzer Zeit stand ich plötzlich selbst am Pranger. Der Arzt war sehr dominant, hat auf mir rumgehackt, ich fühlte mich völlig an die Wand gedrückt.“

Arzt empfahl eine „Erziehungsberatung“

Zu Hause sei sie „wie in Schockstarre“ gewesen. Als sie aber wenige Tage später in den schriftlichen Empfehlungen des Arztes über sich lesen musste, dass sie „aufgrund ihrer psychischen Störung“ mit der Entwicklungsstörung ihres Sohnes stark gefordert sei, hat ihr das „den Boden unter den Füßen weggezogen“. Außerdem empfahl der Arzt dringend „Erziehungsberatung“.

Der Arzt war sehr dominant, hat auf mir rumgehackt, ich fühlte mich an die Wand gedrückt.

Pia Reimers, Mutter eines Jungen

Denn: „Jeder Krankheitsschub des Jungen sollte ärztlich objektiviert werden, sollte es Hinweise auf ein Münchhausen-by-proxy-Syndrom“ bei der Mutter geben. Mit anderen Worten: Vielleicht bildet sie sich die Krankheiten ihres Sohnes nur ein, weil sie zur Dramatisierung neigt. „Ich bin ein normal funktionierender Mensch und versuche alles, um meinem Kind zu helfen“, sagt Pia Reimers. „Dieser Arzt aber hat erreicht, dass ich jetzt beim Jugendamt immer Rechenschaft über mich ablegen muss.“

Politik geht dem Problem jetzt nach

Lea Müller, Swantje Metzelaers und Pia Reimers wollen die Sache nicht auf sich beruhen lassen. „Wie konnte die Stadt denn so einen Arzt einstellen?“, fragen sie. „Und auf wie vielen Kinder- und Mutterseelen ist dieser Mensch noch rumgetrampelt, welchen Schaden hat er noch angerichtet?“

Diese Frage versucht jetzt auch die Politik zu klären. Bezirksamtsleiter Arne Dornquast sagt: „Die Stelle des Leiters des Jugendpsychiatrischen Dienstes in Bergedorf war circa ein Jahr lang ausgeschrieben, und es gab einen Bewerber.“ Die Personalentscheidung des Bezirksamts sei „völlig unverständlich“, meint CDU-Bürgerschaftspolitiker Dennis Gladiator: „Da muss sich das Amt deutlich erklären und sicherstellen, wie man künftig in diesem sensiblen Bereich, in dem es um das Kindeswohl geht, bessere Referenzen einholt und prüft.“ Denn hätte nicht eine Mutter den Mut gehabt, den Fall öffentlich zu machen, „wer weiß, wie lange das noch gelaufen wäre?“

Bergedorfer Grüne sind „erschüttert“

Als „erschütternd und beunruhigend“ betrachten die Bergedorfer Grünen den Vorfall. Deren gesundheitspolitischer Sprecher Heribert Krönker fordert das Gesundheitsamt auf, „nach Prüfung des Falls die notwendigen Konsequenzen zu ziehen“. Gegen den Arzt, der zuvor langjähriger Chefarzt einer Kinder- und Jugendpsychiatrie in Norddeutschland war, ermittelt, wie berichtet, die Staatsanwaltschaft Verden wegen des Verdachts auf Freiheitsberaubung und gefährlicher Körperverletzung.

Das könnte Sie auch interessieren:

FDP-Fraktionschefin Sonja Jacobsen fragt sich, warum vor der Einstellung des JPD-Chefs niemand im Bezirksamt mit dessen vorherigem Arbeitgeber gesprochen habe. Ein folgenschweres Versäumnis, „das nun ebenso detailliert geklärt werden muss, wie alle weiteren Ungereimtheiten in diesem Fall“, kündigt Sonja Jacobsen die Vorbereitung eines offiziellen Auskunftsersuchens an.

Auch Katja Kramer, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD, ist erstaunt: „Das ist politisch echt brisant.“ Wir sind zwar dankbar, wenn die Stelle besetzt ist, aber nicht mit jemandem, der woanders wegen schlechter Führung entlassen wurde.“