UKE

Eine App soll depressiven Kindern helfen

Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort ist Chef der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Eppendorf

Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort ist Chef der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Eppendorf

Foto: ANDREAS LAIBLE

Kinderpsychiater Schulte-Markwort hat „MySoul“ entwickelt. Der Messenger soll die Wartezeit auf einen Therapieplatz überbrücken.

Eppendorf.  „Hallo, hier ist MySoul, wie war es heute in der Schule?“ Sofort tippt Juli ihre Antwort ins Handy. Die 16-Jährige schreibt, dass es ein guter Tag gewesen sei und dass sie sich sogar getraut habe, mit Verena, mit der es in letzter Zeit doch so viel Stress gegeben habe, zu reden. Juli hatte schon aufgeregt darauf gewartet, dass sich „MySoul“ meldet und nach ihrem Wohlergehen fragt. Wie jeden Tag, immer gegen 14.30 Uhr. „Ich weiß natürlich, dass das nur die Nachricht eines Rechners ist“, sagt die junge Hamburgerin. „Aber ich habe trotzdem das gute Gefühl, dass jemand auf mich aufpasst.“

Und genau darum geht es: Kindern und Jugendlichen, die unter Depressionen leiden, schnell und unmittelbar zu helfen und die lange Wartezeit auf einen Therapieplatz, die in Hamburg wie in anderen Städten derzeit bei durchschnittlich sechs bis neun Monaten liegt, zu überbrücken. „Wir wollen so verhindern, dass in dieser Zeit irgendwas passiert“, sagt Professor Michael Schulte-Markwort, ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am UKE.

Gemeinsam dem promovierten Ingenieur und Informatik-Spezialisten Helge Plehn und dem Betriebswirt Hanno Behrens hat der renommierte Mediziner mehr als ein Jahr lang getüftelt und den automatisierten Messenger „MySoul“ entwickelt, der jetzt seit wenigen Tagen online erhältlich ist. Es habe alles damit begonnen, erzählt Schulte-Markwort, dass er sich – wie viele Psychotherapeuten bundesweit – vor Anfragen kaum habe retten können. „Ich hatte irgendwann das Gefühl, gar nicht mehr all meinen Patienten gerecht zu werden.“ Aus der Not heraus sei er auf die Idee gekommen, einige der Kinder und Jugendlichen bei akuten Fragen per WhatsApp zu beraten – nur von seinem Privathandy aus und selbstverständlich mit dem Einverständnis der Kinder und deren Eltern.

Eine Verbindung wie eine digitale Nabelschnur

Es gehe schließlich um den Austausch privater medizinischer Daten. „Mir war bewusst, dass das heikel ist“, sagt Professor Michael Schulte-Markwort. „Aber gleichzeitig habe ich gemerkt, wie schnell, effektiv und intensiv ich meine kleinen und großen Patienten über diesen Nachrichtendienst versorgen konnte. Es war wie eine digitale Nabelschnur.“ Daraus entstand die Idee, möglichst viele depressive Kinder und Jugendliche über einen Messenger durch den Alltag zu begleiten. Der Messenger „MySoul“ tut das etwa drei Monate lang, er meldet sich täglich – außer an den Wochenenden. Und die Nachfragen und Aufgabenstellungen erreichen die Kinder und Jugendlichen nie nach 18 Uhr.

Aber kann eine App eine Psychotherapie ersetzen? „Auf gar keinen Fall, das ist auch überhaupt nicht mein Ziel“, winkt Michael Schulte-Markwort ab. Das sage er auch den Kritikern unter den Kollegen, die durch das bundesweit einmalige Projekt jetzt eine Digitalisierung der medizinischen Behandlung fürchteten. „MySoul unterstützt eine laufende Behandlung oder hilft, bis der Therapieplatz endlich frei ist. Denn jeder nicht behandelte Tag trägt dazu bei, dass Dauer und Schweregrad einer Depression zunehmen und die Prognose schlechter wird.“

Mit 30 jungen UKE-Patienten hat Schulte-Markwort seinen Messenger vor der Markteinführung getestet. Die Reaktionen: einstimmig positiv. „Ich habe mich richtig gefreut, wenn sich MySoul gemeldet hat“, sagt Mathilda, 16. „Morgens habe ich gleich nachgeschaut, ob schon eine Nachricht da war.“ Manchmal sei es sogar von Vorteil gewesen, einem anonymen Messenger private Informationen anzuvertrauen. „Ich war vielleicht sogar offener als ich es im direkten Gespräch gewesen wäre, weil ich nicht das Gefühl hatte, andere mit meinen Problemen zu belasten“, sagt die 15-jährige Mila.

Der Messenger kostet 190 Euro

Auch die Eltern der Patienten hätten sich „erleichtert und entlastet“ gezeigt, sagt Professor Schulte-Markwort. Denn falls es einem Kind schlecht geht, es womöglich sogar suizidale Gedanken äußert, sendet der Messenger sofort ein Signal an den Arzt. „Mein Handy zeigt dann die rote Alarmglocke, so dass wir die Eltern umgehend informieren können.“ Einmalig 190 Euro kostet der Messenger, den Eltern unter msm-mysoul.de im Internet kaufen können. Die HanseMerkur Versicherung übernimmt die Kosten, mit anderen Krankenversicherungen laufen derzeit noch Verhandlungen.

Professor Schulte-Markwort, auf dessen Sprache der Messenger basiert und der auch immer wieder in eingespielten Videos zu sehen ist, wünscht sich, dass „MySoul“ bundesweit zum Einsatz kommt. „Dabei geht es mir Null um persönliche Eitelkeit. Wenn beispielsweise ein Münchner Kollege sagt: Das Projekt finde ich toll, aber ich will für meine Patienten meine eigenen Videos einspielen – sehr gern.“ Gemeinsam mit seinen beiden Mitstreitern arbeitet Schulte-Markwort, der bei der Entwicklung vom UKE unterstützt wurde, an einer Präventionsversion sowie an der Weiterentwicklung von „MySoul“: „Vielleicht können wir dann bald schon sechs Monate Wartezeit auf einen Therapieplatz überbrücken – auch für andere Diagnosen.“