Hamburg

Warum sich Edeka für Stadtplanung interessiert

Die „Stellschraube Stellingen“, ein Kreuzungs- und Umsteigepunkt an der Kieler Straße mit einem Edeka-Markt im Zentrum.

Die „Stellschraube Stellingen“, ein Kreuzungs- und Umsteigepunkt an der Kieler Straße mit einem Edeka-Markt im Zentrum.

Foto: HCU/Schützner, Leistikow, Brinkmann und Brade

Kieler Straße, Stresemannstraße und Alsterkrugchaussee – Studenten erhielten Edeka-Award für Konzepte zur Nahversorgung.

Hamburgs Magistralen spielen bei der künftigen Stadtplanung eine große Rolle. Im Sommer hat sich das Bauforum mit den Möglichkeiten befasst, die diese kilometerlangen Ein- und Ausfallstraßen für die Nachverdichtung bieten. Im Rahmen des Edeka-Awards 2019 haben auch Studenten der HafenCity Universität (HCU) das Thema aufgegriffen – und an drei Magistralen untersucht, wo dort Supermärkte entstehen könnten, wie sich diese in das städtische Umfeld integrieren und mit neuen Mobilitätsangeboten ergänzen ließen.

Rund 30 Studierende haben sich in Teams und als Einzelpersonen an dem vom Edeka Nord ausgelobten Wettbewerb beteiligt, der bereits der dritte seiner Art ist. Fünf Siegerentwürfe wurden am Donnerstag in Anwesenheit von Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt und Oberbaudirektor Franz-Josef Höing mit einem Preisgeld von jeweils 1000 Euro gewürdigt.

Quartiere mit Nahversorgung, Wohnen und Gewerbe

„Die Studenten hatten die Aufgabe, für Orte, die sich in naher Zukunft verändern werden, Lebensquartiere mit einem urbanen Mix aus Nahversorgung, Wohnen und Gewerbe zu entwickeln“, sagt Klaus Sill, Professor für Architektur an der HCU, der den Wettbewerb mit Professor Paolo Fusi aus dem Bereich Stadtplanung durchgeführt hat. Betrachtet wurden die Kieler Straße, die Stresemannstraße und die Alsterkrugchaussee. Die Studenten suchten sich jeweils drei Bereiche aus, für die sie Konzepte entwickelten.

Sebastian Schützner, Max Leistikow, Marvin Brinkmann und Pascal Brade möchten die Kieler Straße durch insgesamt drei Bahnhöfe, an denen man auf umweltfreundliche Nahverkehrsmittel umsteigen kann, vom Autoverkehr entlasten. Ein erster Umsteigeort soll für Pendler aus dem Norden am Eidelstedter Marktplatz entstehen, von wo aus eine Schwebe- oder Stadtbahn Richtung Innenstadt fährt. Dabei passiert sie die „Stellschraube Stellingen“, zu der ein altes Gewerbegebiet in der Nähe der Autobahn-Ausfahrt umgestaltet wird.

„Stellschraube Stellingen“ mit Hochregal-Parkhaus

Die „Stellschraube Stellingen“ soll das Herzstück eines innovativen Quartiers werden, das von einem weithin sichtbaren Holzhaus geprägt wird. Unter seinem ausladenden Dach vereint es mehrere Nutzungen: ein Hochregal-Parkhaus zum Abstellen von Autos, eine zweigeschossige Passage mit Gastronomie und einem Edeka-Markt, sowie auf Straßenniveau Umsteigemöglichkeiten auf andere Verkehrsmittel. Der im Untergeschoss gelegene Supermarkt, so die Studenten, sei insbesondere für Pendler, die hier auf Busse und Bahnen umsteigen wollen, attraktiv. Der dritte Bahnhof ist dann am Eimsbüttler Marktplatz geplant.

Für die Stresemannstraße planen Aylin Günkey, Laura Matthias, Tamino Kuhlmann und Max Glaser städtebauliche Eingriffe am Elbe-Einkaufszentrum, das die umliegende Wohnbebauung dominiert, auf der Überdeckelung der Autobahn 7 sowie im Gleisdreieck Altona. Dieses Gelände, das einmal das Tor zur Neuen Mitte Altona bilden soll, ist momentan noch durch Brachen und Industriegebäude geprägt.

Für das Areal schwebt dem Team ein Netzwerk von Plätzen, Orten und Wegen vor, in dem ein Schwerpunkt auf der Streckenführung für Rad- und Fußverkehr liegt. Wegen des Auto- und Bahnverkehrs wird das Wohnen ins Innere mehrerer Gebäudeblöcke verlegt. Die gewünschte Tor-Situation soll durch ein turmartiges Gebäude hergestellt werden, das unten einen Edeka-Markt beherbergt und darüber auf mehreren Geschossen den Anbau von Obst und Gemüse ermöglicht. „Lebensmittelproduktion in der Stadt wird in der Stadtplanung zunehmend diskutiert, da man damit umweltbelastende Transportwege vermeiden kann“, verteidigt Klaus Sill diese ungewöhnliche Idee.

Neues Quartier auf den Dächern von Bestandsgebäuden

Die Studentinnen Alice Weimar, Britt Reincke, Lucia Pum und Ilka Heumann-Hennies haben sich mit der Alsterkrugchaussee beschäftigt. Entlang der Magistrale stellen sie sich in Langenhorn ein großflächiges Wohnquartier mit Schwimmhalle, Nahversorger und flughafenaffinen Nutzungen wie einem Hotel vor. In einem Gewerbegebiet nahe des Flughafens sehen sie eine Ergänzung auf den Dächern der Bestandsgebäude vor: eine Ebene mit Wohnungen, Supermarkt und Hotel, die über Rampen und Treppen zu erreichen ist. Auf einem Areal am Ring 2, zwischen Eppendorfer Moor und Alster, möchten sie ein lebendiges Quartierszentrum für die umliegenden Stadtteile schaffen. Die vorhandenen Bürogebäude sollen durch mehrgeschossigen Wohnungsbau ergänzt werden, zu denen auch ein Wohnquartier mit Uferpromenade gehört.

„Wenn wir auch in 20 oder 30 Jahren noch attraktiv sein wollen, müssen wir überlegen, wie die Supermärkte der Zukunft aussehen sollen“, sagt Rainer Wülbern, der bei Edeka Nord den Geschäftsbereich Expansion leitet. Die Ansätze der Studenten könnten dabei helfen. „Mit ihren Ideen für multifunktionale Gebäude mit Lebensmittelmärkten an innerstädtischen Verkehrsknotenpunkten werden wir uns sicherlich intensiv beschäftigen.“

Der Edeka-Award 2019 ist bereits die dritte Kooperation von Edeka und der HCU. 2015 entwarfen die Studenten Konzepte für Schnittstellen zwischen Haltepunkten des öffentlichen Nahverkehrs und angrenzenden Quartieren sowie zum Umgang mit unzeitgemäßen Gebäudetypologien. 2017 ging es unter dem Motto „Sports on the tops“ um die Nachverdichtung bestehender Sportflächen. Für drei Orte im Hamburger Zentrumsgebiet entwickelten die angehenden Stadtplaner multifunktionale Gebäude mit einem Sportplatz auf dem Dach. Und einem Edeka-Markt im Inneren.