Hamburg

HAW-Forschungsprojekt: Warum Messies nichts wegwerfen

Die vollkommen zugestellten Wohnungen von Betroffenen. Sie erhalten Hilfe durch das Projekt „adele“ der Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Die vollkommen zugestellten Wohnungen von Betroffenen. Sie erhalten Hilfe durch das Projekt „adele“ der Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Foto: HAW / HAW Hamburg

Bis zu 400 Menschen pro Jahr lassen ihre Wohnung in Hamburg völlig vermüllen. Forscher versuchen, die Ursachen zu ermitteln.

Hamburg.  Diese Enge. Überall Kartons, Kisten und die unterschiedlichsten Utensilien. Stundenlang muss Anne N. (Name geändert) umschichten und umräumen, bis sie sich auch nur den Weg zum Kühlschrank oder zur Wohnungstür gebahnt hat. Auch ihr Bett ist als Schlafstatt nicht zu gebrauchen, weil dort Sachen gelagert werden. Jeder Winkel, jede Fläche in ihrer Zweizimmerwohnung ist vollgestellt mit irgendwelchen Dingen. Ausmisten? Aufräumen? Wegwerfen? Das gelingt Anne N. nicht. Sie hortet, weil sie nicht anders kann.

Messies werden Menschen, die zwanghaft Sachen sammeln und nichts wegschmeißen können, im Volksmund häufig genannt. Wissenschaftlich spricht man eher von „desorganisierten Wohn- und Lebensverhältnissen“. Wie viele Menschen allein davon in Hamburg betroffen sind, ist schwer zu ermitteln. Pro Jahr sind es etwa 300 bis 400 Fälle, lautet eine Schätzung von Wissenschaftlern der Hochschule für Angewandte Wissenschaften, die sich in einer Forschungsarbeit mit den Problemen der Betroffenen auseinandergesetzt haben.

Das sogenannte Messietum sei ein „Phänomen, das sehr stark tabuisiert und stigmatisiert wird“, sagt der Leiter der Studie, Andreas Langer. Der Professor für Sozialwissenschaften analysiert die Problemstellungen der Menschen im Rahmen eines Forschungsprojektes, um ihre Lebenslage zu verbessern.

Häufig haben die Betroffenen ein Trauma erlitten

Mit im Team des Projektes sind die Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Sozialarbeiterin Johanna Wessels und Susanne Fink-Knodel sowie Susanne Vaudt, Professorin für Sozialökonomie und Management. „Bei den desorganisierten Lebensverhältnissen können Menschen aus allen sozialen Verhältnissen und in allen Altersgruppen betroffen sein. Bei älteren Menschen kommen körperliche Einschränkungen hinzu“, erklärt Langer. „Etlichen Betroffenen wachsen ihre Probleme mit dem intensiven Sammeln von Dingen über den Kopf. Manche sind sogar von Räumungsklagen bedroht und wissen einfach nicht mehr weiter.“

Gemeinsam versuchen die Wissenschaftler, den Menschen Perspektiven aufzuzeigen. „Das Ziel ist es, Menschen, die Unterstützungsbedarf haben, zu ermöglichen, dass sie in ihren Wohnungen bleiben können und die Wohnung wieder als angenehmen Ort erleben.“ Die Lebensumstände der Betroffenen würden von vielen anderen „oft mit Verwahrlosung, Faulheit, Schmutz, Chaos assoziiert“, weiß Langer. „Doch die Gründe, warum diese Menschen Dinge horten, sind ganz andere. Sie sammeln, um eine emotionale Lücke zu schließen, nach traumatischen Erfahrungen, nach Trennungen, nach dem Ausfall aus dem Berufsleben. Es sind häufig Menschen mit massiven Verlusterfahrungen, die dann ihren Sinn an Dinge binden, die sie erfreuen und die sie behalten wollen.“

Betroffene sind sehr belastet und unglücklich

Es gebe auch Betroffene, die aus einer Armutssituation heraus sammeln, zum Beispiel, um Gegenstände später auf dem Flohmarkt zu verkaufen, ergänzt Wessels. Oder weil sie meinen, etwas sei zu schade zum Wegschmeißen, könne noch in Sinn gesetzt werden und sei noch zu gebrauchen. „Dadurch läuft dann die Wohnung voll. Andere haben das Auto vollgeladen bis unters Dach mit Dingen, die sie noch reparieren wollen.“ Dabei seien die betroffenen Menschen „in ihrem Horten gefangen. Dass sie nicht aussortieren können, ist kraftraubend und stressig. Die meisten Betroffenen sind sehr belastet und auch unglücklich“, erklärt Langer.

Es gebe manche, für die jeder Schritt in der Wohnung verbunden ist mit der Notwendigkeit, umzuschichten, weil sonst kein Durchkommen ist. „Zum Teil sind Bett und Badewanne Ablageort und müssen erst freigeräumt werden, um sie nutzen zu können. Oder der Kühlschrank ist verstellt, und Lebensmittel werden dann im Flur oder auf dem Balkon gelagert.“

Auch die sozialen Kontakte litten. „Manche organisieren ihr Leben so, dass niemand sie besuchen kommt, und sie gehen auch zu niemandem anderen“, erzählt Wessels. Teilweise werde auch zu der Familie oder zu engen Freunden der Kontakt gekappt, „aus Scham – und aus Furcht, dass dann beispielsweise die Kinder mit Müllsäcken in der Tür stehen und beim Ausmisten helfen wollen. Erschwerend kommt hinzu, dass sie oftmals keinen Zugang zu wichtigen Diensten bekommen.“ Pflegedienste weigerten sich, in die Wohnungen zu kommen, Beratungsstellen seien überfordert, professionelle Helfer würden übergriffig.

Oft fühlt sich niemand zuständig

Es sei schwierig zu ermitteln, wann die Grenze zwischen Unordnung und dem echten Bedarf an Unterstützung überschritten ist, erklärt Sozialarbeiterin Wessels. „Manche Betroffene kommen zu uns, weil sie nicht mehr weiter wissen nach dem Motto: Hier brennt es, es muss etwas passieren.“ Manchmal wendeten sich auch Vermieter, Familienangehörige, Pflegedienste oder Berufsbetreuer an das wissenschaftliche Projekt mit Namen „adele“.

Das Pflegesystem sei oft überfordert, in vielen Fällen fühle sich niemand zuständig oder verantwortlich. Hier setzt das Projekt an: „Wir begleiten die Betroffenen beispielsweise zur Schuldnerberatung, kümmern uns um Pflegedienste“, erklärt Wessels. Als Hochschule würden sie zugleich forschen und Unterstützung leisten. „Wir haben zwei Fachkräfte, die mit den Menschen arbeiten.“ Doch wenn das Forschungsprojekt im April nächsten Jahres auslaufe, müsse von anderer Seite Hilfe angeboten werden. „Es wird eine Regelfinanzierung für mindestens zwei Vollzeitkräfte gebraucht, um den dringenden Bedarf in Hamburg allein für ältere Menschen decken zu können.“ Eine Fachkraft könne im Monat fünf intensive Fälle betreuen.

Den Menschen zu helfen, könnte Geld sparen

„Wir haben Berechnungen angestellt. Jeder investierte Euro kommt doppelt zurück“, erklärt Sozialökonomin Susanne Vaudt. So entstünden bei rechtzeitiger Unterstützung beispielsweise keine Anwaltskosten für eine Räumungsklage, notwendige Renovierungsarbeiten seien weniger aufwendig und damit günstiger.

Vor allem gelte es, den Menschen, die oft aus Verlusterfahrungen Dinge horten, wieder Erfahrungen zu vermitteln, die sie erfreuen. „Das können schöne Freizeitaktivitäten, ein Kontakt zu anderen Betroffenen oder Momente sein, in denen die Menschen erfahren: Ich bin noch viel mehr als ein Mensch, der sammelt und hortet. Es geht um Teilhabe“, erklärt Johanna Wessels. Erst wenn das Befinden verbessert sei, gerate in den Fokus, wie das Chaos in der Wohnung zu beseitigen ist.