Hamburg

69 Übergriffe gegen Feuerwehrleute in diesem Jahr

In Frankfurt sind     Feuerwehrleute bereits aus Protest gegen die Übergriffe auf die Straße gegangen.

In Frankfurt sind Feuerwehrleute bereits aus Protest gegen die Übergriffe auf die Straße gegangen.

Im vergangenen Jahr wurden insgesamt 97 Übergiffe gemeldet. 800 Mitarbeiter haben bereits eine spezielle Deeskalationschulung erhalten.

Hamburg. Sie kommen als Retter – aber werden selbst häufig Opfer von Gewalt: Von Januar bis September dieses Jahres sind in Hamburg bereits 69 Übergriffe gegen Feuerwehrleute in Hamburg gemeldet worden. Das geht aus der Senatsantwort auf eine Kleine Anfrage des CDU-Abgeordneten Dennis Gladiator hervor, die dem Abendblatt vorliegt. In den ersten drei Quartalen des Jahres 2018 waren es 76 Übergriffe gewesen. Statistisch kommt es damit pro Woche zu knapp zwei Übergriffen auf Retter in der Hansestadt.

In die Statistik fließen nur Vorfälle ein, die in der Regel von den Feuerwehrleuten selbst gemeldet wurden. Von den insgesamt 97 Übergriffen im vergangenen Jahr waren nach Angaben der Feuerwehr auch 44 Fälle von tätlicher Gewalt sowie drei Bedrohungen mit einer Waffe. Das interne Verfahren war als Reaktion der Führung deutlich vereinfacht worden, um mehr Feuerwehrleute zu einer Anzeige zu motivieren.

CDU: "Feuerwehrleute fühlen sich im Stich gelassen"

Der CDU-Abgeordnete Dennis Gladiator zeigte sich tief besorgt über die Ergebnisse seiner Anfrage. "Diese Angriffe sind Angriffe auf die Allgemeinheit und absolut inakzeptabel", sagte Gladiator. Wiederholt habe er in der Vergangenheit auch mit Betroffenen selbst gesprochen. "Es hat sich dabei leider immer wieder der Eindruck ergeben, dass sich die Feuerwehrleute von der eigenen Führung und der Innenbehörde im Stich gelassen fühlen", sagte Gladiator.

Im Gespräch mit dem Abendblatt hatten zuletzt Mitglieder der Deutschen Feuerwehrgewerkschaft (DFeuG), die ebenfalls von Übergriffen betroffen waren, teilweise scharfe Kritik geübt. So würde die Staatsanwaltschaft oft wegen mangelndem öffentlichen Interesse von einer Strafverfolgung absehen. „Es ist ein sehr großes Problem, dass die Sorge um die eigene Gesundheit inzwischen immer mit an Bord sitzt, wenn man zur Rettung anderer Menschen ausrückt“, sagte der DFeuG-Landesvorsitzende Daniel Dahlke.

Retter nach Übergriffen rund 200 Tage dienstunfähig

Der Feuerwehrchef Christian Schwarz sagte dem Abendblatt, man habe „bereits einiges auf den Weg gebracht“ – so seien bereits 800 Feuerwehrleute speziell in Deeskalation am Einsatzort geschult worden. Ein überwältigender Großteil der 290.000 Alarmierungen im Jahr verlaufe ohne größere Zwischenfälle. Trotzdem bestehe Handlungsbedarf. „Eindeutig klar für mich ist, dass nicht nur 97 Übergriffe aus meiner Sicht zu viel sind! Vielmehr ist jeder einzelne Übergriff zu viel“, so Schwarz.

Wie aus der aktuellen Senatsantwort weiter hervorgeht, waren Feuerwehrleute nach Übergriffen im Jahr 2018 und 2019 für rund 200 Tage dienstunfähig. Hinzu kommt der Extremfall des Rettungssanitäters Michael Bruß, der im Frühsommer 2018 bei einem Einsatz zur Rettung einer vermeintlich "suizidalen Person" für mehrere Minuten mit einer Schusswaffe bedroht wurde. „Ich habe noch gesagt, wir wollen helfen, sonst gehen wir wieder“, sagt Bruß. „Der Mann hat ganz kalt erwidert, dass sich das für uns erledigt hat“, sagte das DFeuG-Mitglied dem Abendblatt.

Streit um Anerkennung von Dienstunfall

Nach dem Einsatz sei bei ihm eine postraumatische Belastungsstörung diagnostiziert worden. Er befindet sich nun in einem Rechtsstreit mit der Innenbehörde, die das Krankheitsbild nicht als direkte Folge des Vorfalls und die Bedrohung nicht als Dienstunfall anerkennen will. Mit Blick auf das laufende Verfahren wollte die Feuerwehr den Fall nicht im Detail kommentieren. „Mir ist es sehr wichtig, dass jeder Einzelne innerhalb unserer Organisation, der einen Vorfall erlebt hat, so viel Unterstützung bekommt, wie er benötigt“, sagt Feuerwehrchef Schwarz.

Wie es von der Feuerwehr heißt, seien bereits 800 Mitarbeiter speziell in Deeskalation geschult worden. „Wir dürfen aber keinesfalls nachlassen“, so Schwarz. Zudem werde geprüft, einen Alarmknopf in den Rettungswagen nach Hannoveraner Vorbild einzuführen. Laut der Senatsantwort sind die Rettungssanitäter auch mit einem speziellen Einsatzhelm mit Visier ausgestattet.