Feuerwehr und Sanitäter

Werden Retter nach brutalen Angriffen im Stich gelassen?

| Lesedauer: 8 Minuten
Christoph Heinemann
Einsatzkräfte von Feuerwehr und Rettungsdienst: Immer häufiger werden die Helfer angegriffen.

Einsatzkräfte von Feuerwehr und Rettungsdienst: Immer häufiger werden die Helfer angegriffen.

Foto: © Michael Arning

Gewerkschaft schlägt auch für Hamburg Alarm: Immer mehr Gewalt gegen Retter im Einsatz – und allzu oft zu wenig Hilfe für die Opfer.

Hamburg. Sie fanden Simon J. an der Rathausstraße, er stank nach Alkohol, schien zu schlafen. Ein Routineeinsatz für die Feuerwehr. Aber plötzlich brach der Mann los, so die Anklage. Biss sich in der Hand eines Sanitäters fest, stürmte auf den nächsten Retter zu, biss in dessen Brust, schrie, pöbelte, bis die Polizei zur Hilfe kam. Auch im Rettungswagen attackierte der Mann die Beamten, spuckte mit Blut nach ihnen. „Ich stecke euch alle an!“, rief er im Krankenhaus. Simon J. ist mit HIV infiziert.

Ab Dienstag (29.10.) steht der 32-Jährige vor dem Hamburger Amtsgericht. „Nach unserer Kenntnis hat der Beschuldigte glücklicherweise keinen der Verletzten angesteckt“, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft auf Anfrage. Wegen der tätlichen Angriffe droht ihm jedoch eine Gefängnisstrafe.

Sorge um eigene Gesundheit "inzwischen immer mit an Bord"

Die betroffenen Feuerwehrleute sind als Zeugen geladen. „Nicht nur der Angriff und die Angst vor einer lebensbedrohlichen Krankheit sind furchtbar für die Kollegen“, sagt Daniel Dahlke, Landesvorsitzender der Deutschen Feuerwehrgewerkschaft (DFeuG). „Es ist ein sehr großes Problem, dass die Sorge um die eigene Gesundheit inzwischen immer mit an Bord sitzt, wenn man zur Rettung anderer Menschen ausrückt“, sagt Dahlke.

Hinter den Kulissen der Feuerwehr ist seit Längerem davon die Rede, dass die Hemmschwelle zu Beleidigungen und sogar Gewalt immer weiter sinke. Nach der Statistik der Feuerwehr kam es 2018 in Hamburg zu 97 Übergriffen auf Feuerwehrleute, darunter 44 körperliche Angriffe und drei Fälle, in denen die Retter mit einer Waffe bedroht wurden.

Feuerwehrchef Schwarz: "Jeder einzelne Übergriff ist zu viel"

Die Führung hat das Meldesystem deutlich vereinfacht, damit die Fälle von Gewalt auch zur Anzeige kommen. Laut Gewerkschaft sei die Dunkelziffer dennoch sehr hoch. „Erst vor einigen Wochen wurde ein Kollege im Rettungswagen attackiert, ein Mann riss die Tür auf und schlug auf ihn ein. Gemeldet hat er das nicht, weil es aus seiner Sicht nichts bringen würde“, sagt Dahlke. „Der Zustand ist so längst nicht mehr haltbar.“

Der Feuerwehrchef Christian Schwarz sagte dem Abendblatt, man habe „bereits einiges auf den Weg gebracht“ – zudem verliefe ein überwältigender Großteil der 290.000 Alarmierungen im Jahr ohne größere Zwischenfälle. Trotzdem bestehe Handlungsbedarf. „Eindeutig klar für mich ist, dass nicht nur 97 Übergriffe aus meiner Sicht zu viel sind! Vielmehr ist jeder einzelne Übergriff zu viel“, so Schwarz.

Vorwürfe gegen Feuerwehr-Führung

Über konkrete Verbesserungen wird jedoch intern gestritten. Schwarz setzt auf weitere Schulungen der Retter zur Deeskalation und eine Mitarbeiterbefragung. „Die Ergebnisse wurden und werden sukzessive in die Prozesse implementiert.“ Zwei Gewerkschaftsmitglieder, die im Dienst für die Feuerwehr Gewalt erleben mussten, erheben dagegen Vorwürfe – sie fühlen sich teilweise von den Strafermittlern und der eigenen Führung im Stich gelassen.

Sie habe schon vor ihrem ersten Tag als Angestellte im Rettungsdienst gewusst, „dass der Respekt gegenüber Rettern heutzutage sehr gelitten hat“, sagt die junge Gewerkschafterin Jennifer Kitzig. Wie es im Ernstfall im Einsatz zugehe, sei dennoch „eine ganz andere Sache. Man lernt in diesem Job durch Schmerz“, sagt Kitzig.

Patient bricht Retterin eine Rippe

Im Frühsommer dieses Jahres rückt Kitzig zu einer Unterkunft für Asylbewerber aus, verlädt einen bewusstlosen Mann aus Eritrea in den Rettungswagen. Ihr Kollege sitzt schon am Steuer, sie schließt den Patienten an die Monitore an, als er aufschrickt. Sofort schlägt er mit Wucht auf den Oberkörper der Frau ein, wieder und wieder. Sie kann ihn mit dem Ellbogen herunterdrücken und sich retten. „Das Adrenalin hat erst mal dafür gesorgt, dass ich noch funktionierte“, sagt Kitzig. Der Arzt im Krankenhaus diagnostiziert einen Rippenbruch. Kitzig ist rund sechs Wochen dienstunfähig.

Sie hat sich für den vorbildlichen Weg entschieden, trägt den Vorfall ins Meldesystem ein – das dauert nicht mehr einen halben Tag lang, wie früher, „aber geht auch nicht gerade mit einem Mausklick“, so die Gewerkschafterin. Ihre Kollegen auf der Wache sind ihr eine große Stütze, erkundigen sich, bringen Blumen, sie bekommt Betreuung. „Das hat mich wirklich durch diese Zeit getragen“, sagt Kitzig.

Staatsanwaltschaft stellt Verfahren ein

Im Oktober erreicht sie jedoch ein kurzes Schreiben der Staatsanwaltschaft. „Von der Verfolgung des Beschuldigten (...) ist (...) abgesehen worden“, heißt es darin. Die Begründung: Der Mann habe mutmaßlich eine weitere Straftat begangen, neben der ihr Vorfall „nicht beträchtlich“ ins Gewicht falle. Nach Abendblatt-Information handelte es sich um einen Fall von gefährlicher Körperverletzung. „Dieser Brief hat mich wirklich wütend gemacht“, sagt Kitzig. „Man wünscht sich einfach ein Zeichen, dass Angriffe auf Feuerwehrleute nicht hingenommen werden.“

Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft sagte auf Anfrage dazu, dass es grundsätzlich Fälle gebe, in denen eines von mehreren Verfahren „deutlich schwerer in der Beweisführung“ sei. Bei plötzlichen Angriffen nach Bewusstlosigkeit könnte sich etwa die Frage nach der Schuldfähigkeit des Angeklagten nur aufwendig klären lassen. Deshalb sehe auch der Gesetzgeber vor, Verfahren im Einzelfall vorläufig einzustellen. Der Gewerkschaftsvorsitzende Daniel Dahlke sagte, viele Strafverfahren würden auch wegen mangelndem öffentlichen Interesse eingestellt. „Das ist dann ein zusätzlicher Schlag ins Gesicht.“ Zudem funktioniere auch das Hilfssystem der Feuerwehr nicht in jedem Fall perfekt.

Feuerwehrleute mit Waffe bedroht

Der Gewerkschafter Michael Bruß sagt, er sei nach einem Übergriff „einfach fallengelassen“ worden. Im vergangenen Jahr wird er zu einer „suizidalen Person“ gerufen, ein Mann öffnet die Tür der Wohnung, Bruß und sein Kollege erwarten in einem der Zimmer den Patienten. Doch da ist niemand sonst. Als Bruß und sein Kollege sich umdrehen, steht der Mann im Türrahmen, richtet eine Waffe in Kopfhöhe auf die Retter.

„Ich habe noch gesagt, wir wollen helfen, sonst gehen wir wieder“, sagt Bruß. „Der Mann hat ganz kalt erwidert, dass sich das für uns erledigt hat.“ Er habe gedacht, ihn erwarte sicher der Tod. Erst nach mehr als einer Minute senkt der Mann die Waffe, die sich später als Softair-Pistole herausstellt.

Posttraumatische Belastungsstörung – und keine Hilfe

Nach dem Einsatz merkt Bruß eine Veränderung. Er dreht sich in Räumen immerzu schreckhaft zur Tür, hat Flashbacks, ein Arzt habe eine posttraumatische Belastungsstörung registriert. „Von den Kollegen aus und der Führung kam fast nichts mehr. Die Namensplakette an der Wache wurde abgenommen, das war’s dann“, so Bruß. Stattdessen streite er nun juristisch mit der Feuerwehr, für die er mehr als drei Jahrzehnte arbeitete.

Die Innenbehörde argumentiert in einem Schreiben, dass es nicht belegt sei, dass die psychische Erkrankung direkt aus dem Vorfall resultierte. Mit Blick auf das laufende Verfahren wollte die Feuerwehr den Fall nicht im Detail kommentieren. „Mir ist es sehr wichtig, dass jeder Einzelne innerhalb unserer Organisation, der einen Vorfall erlebt hat, so viel Unterstützung bekommt, wie er benötigt“, sagt Feuerwehrchef Schwarz.

Schutzwesten für die Feuerwehr?

Wie es von der Feuerwehr heißt, seien bereits 800 Mitarbeiter speziell in Deeskalation geschult worden. „Wir dürfen aber keinesfalls nachlassen“, so Schwarz. Zudem werde geprüft, einen Alarmknopf in den Rettungswagen nach Hannoveraner Vorbild einzuführen.

Der Gewerkschaftschef Daniel Dahlke fordert, dass Feuerwehrleute auch in Selbstverteidigung geschult würden, weil Deeskalation nicht immer helfe. Als „letztes Mittel“ müssten sonst etwa spezielle Schutzwesten stehen. „Wichtig ist, dass alle Kollegen richtige Rückendeckung spüren“, so Dahlke. „Wir haben es mit einem gesellschaftlichen Problem zu tun, das wir mit vereinten Kräften bekämpfen sollten.“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Blaulicht