Hamburg

Zu wenig Schutz: Liberale Jüdische Gemeinde sendet Hilferuf

Die Liberale Jüdische Gemeinde Hamburg (LJGH) hat Rabbiner Dr. Moshe Navon zum Liberalen Landesrabbiner der Freien und Hansestadt Hamburg ernannt.

Die Liberale Jüdische Gemeinde Hamburg (LJGH) hat Rabbiner Dr. Moshe Navon zum Liberalen Landesrabbiner der Freien und Hansestadt Hamburg ernannt.

Foto: Arsenij Schwarzbrehm

Mitglieder bleiben aus Angst weg. Gemeinde wünscht sich Haus mit Video-Überwachung, Sicherheitsdienst und starken Türen.

Hamburg. Nach dem versuchten Attentat auf eine Synagoge in Halle sendet die Liberale Jüdische Gemeinde in Hamburg einen Hilferuf. „Wäre dies bei uns passiert, wären wir alle tot“, sagt die Vorstandsvorsitzende Galina Jarkova. „Unsere Räumlichkeiten werden nicht ausreichend geschützt, die Mitglieder kommen aus Unsicherheit immer seltener zu unseren Veranstaltungen.“

Die Liberale Gemeinde Hamburg, Mitglied im Dachverband der Union progressiver Juden, wurde 2004 wiedergegründet, um die liberale Hamburger Tradition fortzuführen und sie neu zu beleben. Heute zählt sie 325 Mitglieder; ursprünglich kamen viele von ihnen als Kontingentflüchtlinge aus Russland. Weitere 250 Hamburger gehören dem Freundeskreis an. Das Problem der Liberalen Jüdischen Gemeinde: „Wir haben seit nunmehr 15 Jahren kein eigenes Haus in Hamburg“, sagt Jarkova. Stattdessen nutze die Gemeinde drei Standorte, „die aber weder unser eigen noch genügend geschützt sind“.

Gemeinde hat drei Standorte in Hamburg

Für zwei Räume gibt es keine festen Mietverhältnisse – und die Büros, die die Gemeinde nutzt, werden ihr vom jüdischen Hausbesitzer zu günstigen Konditionen überlassen. „Wir brauchen endlich eine Lösung: ein eigenes Haus mit einer Video-Überwachung, ausgebildetem Sicherheitsdienst, starken Türen und Pförtnerschranken“, fordert die Vorstandsvorsitzende.

Große Sorge nach Attentat von Halle

Als die Schüsse von Halle fielen, seien viele von ihnen gerade an einer der nur unzureichend geschützten Adressen gewesen. „Wir waren zutiefst schockiert“, so Jarkova. Ihre Gedanken seien bei den Opfern in Halle und ihren Angehörigen. Seit der Tat richten sie sich aber auch immer wieder auf die Sicherheitslage in den eigenen Räumlichkeiten, die angesichts von gläsernen Türen sehr viel schlechter sei als in der Synagoge in Halle.

Die Polizei hat von sich aus reagiert und den Schutz bereits erhöht. Bislang war sie nach Angaben der Gemeinde bei religiösen Veranstaltungen vor Ort, seit dem Attentat von Halle werden auch andere, kulturelle Veranstaltungen geschützt. Die Gemeinde bietet Sprach- und Tanzunterricht, Mal- und Computerkurse, Chorproben und einen Jugendtreff an. Schutz wünschen sich die Liberalen Juden aber auch zu den übrigen Zeiten – sowie vor allem eigene Räume, die auch baulich dauerhaft besser zu sichern wären. „Es ist nicht mehr tragbar“, sagt Jarkova. „Es ist die Zeit gekommen, Entscheidungen zu treffen.“

Gemeinde wünscht sich Anerkennung und mehr Geld

Die Gemeinde wünscht sich „eine „großzügige Geste von der Stadt“. Es geht ihr auch um mehr Anerkennung und mehr finanzielle Unterstützung. Bisher bekommt die Liberale Jüdische Gemeinde 80.000 Euro im Jahr von der Stadt für ihre Aktivitäten. „Das reicht hinten und vorne nicht“, so die Vorsitzende. Man sei mit der Senatskanzlei regelmäßig in Kontakt. Im Staatsvertrag der Stadt steht die mit rund 2500 Mitgliedern sehr viel größere Jüdische Gemeinde Hamburg im Vordergrund. Immerhin sei man aber mit einer Leistungsvereinbarung hinzugezogen worden.

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Nach dem Anschlag von Halle hatte die Behörden alle jüdischen Einrichtungen mit zusätzlichen Beamten verstärkt. „Wir greifen in Hamburg auf eine seit Jahren bewährte Einsatz- und Schutzkonzeption im Zusammenhang zurück“, sagte Polizeisprecher Ulf Wundrack. Zudem seien die Polizisten noch einmal „hamburgweit sensibilisiert“ worden.

Attentat in Halle löste große Verunsicherung aus

Der Sprecher der Jüdischen Gemeinde Hamburg, Daniel Killy, sagte, man fühle sich grundsätzlich von der Politik verstanden und geschützt. Dennoch habe die Tat von Halle eine große Verunsicherung ausgelöst. Für die Zukunft bestehe vor allem der Wunsch, noch stärkere finanzielle Hilfe für bauliche Sicherungsmaßnahmen an der Synagoge in Eimsbüttel und anderen Einrichtungen zu erhalten. „Man hat in Halle gesehen, wie wertvoll eine gesicherte Synagogentür sein kann“, sagte Killy. Diesen Wunsch wolle man aber ausdrücklich nicht als Forderung verstanden wissen.

Stadt ist grundsätzlich bereit zu helfen

Innensenator Andy Grote (SPD) sagte dem Abendblatt, dass das gesamte Sicherheitskonzept für jüdische Einrichtungen „bis ins Detail überprüft“ und möglicherweise angepasst werde. Er hatte unmittelbar nach dem Anschlag von Halle auch mit dem Landesrabbiner Shlomo Bistritzky gesprochen. Wie es in Senatskreisen heißt, sei man sich bewusst, dass der Schutz in diesem Bereich eine besondere Priorität genießen müsse. Auch sei man grundsätzlich bereit, finanziell bei zusätzlichen technischen Sicherungen zu helfen.

Ein Sprecher der Innenbehörde wollte die jüngsten Aussagen der Liberalen Jüdischen Gemeinde nicht direkt kommentieren. „Wir sind und bleiben offen für Gespräche“, so der Sprecher. Man werde konkrete Maßnahmen jedoch nicht in der Öffentlichkeit diskutieren. Auch der Polizeisprecher Wundrack bekräftige, dass es einen andauernden Dialog mit den jüdischen Gemeinden gebe.

„Hamburg interessiert sich nicht für liberal-jüdisches Erbe“

Dennoch erheben die Liberalen Juden schwere, grundlegende Kritik: „Grundsätzlich sind in Hamburg nur die jüdischen Plätze in der Öffentlichkeit zu sehen, von wo aus Juden entweder deportiert oder ermordet wurden“, heißt es in einer am Montag verbreiteten Mitteilung. „Wir haben immer stärker den Eindruck, dass der Kern des Problems darin liegt, dass die Hansestadt Hamburg sich überhaupt nicht für ihr liberal-jüdisches Erbe interessiert und diesbezügliche Bitten und Appelle nur als lästig empfindet.“