Stadtgeschichte

Das Fährhaus in Winterhude, das jedoch nie eines war

Mit Türmchen: das alte Winterhuder Fährhaus. 

Mit Türmchen: das alte Winterhuder Fährhaus. 

Foto: Winterhuder Fährhaus

Vor 40 Jahren fiel trotz Protesten der beliebte Veranstaltungsort den Baggern zum Opfer. Erinnerung an goldene Zeiten.

Hamburg. Zwei Kuriosa bestimmen die lange Geschichte des alten Winterhuder Fährhauses, das bis vor 40 Jahren dort stand, wo sich heute die Komödie Winterhuder Fährhaus befindet: Zum einen hat es, anders als der Name suggeriert, dort nie ein echtes Fährhaus gegeben. Zum anderen machte der Kampf um seinen drohenden Abriss das Haus in Hamburg viel populärer, als es in den Jahren davor gewesen war. Schlagartig setzten sich zig Fürsprecher für seinen Erhalt ein, darunter auch etliche, die seinen schleichenden Niedergang in den Jahren davor gar nicht wahrgenommen hatten. Ihr Einsatz war vergeblich, wie sich zeigen sollte.

Die Geschichte des Fährhauses gibt einen guten Einblick in rund 125 Jahre hamburgische Gastronomie und Unterhaltung. 1854 ließ der Eppendorfer Kohlenhändler Christoph Friedrich Jacob (nach anderen Quellen: Jakob) auf einer Wiese, die an der heutigen Ecke Hudtwalckerstraße / Winterhuder Kai lag, ein Wohnhaus errichten. 1865 beantragte er eine Konzession für eine „feine Wirtschaft“, die er aber schon zwei Jahre später weiterverkaufte. Ab 1876 gab es für das Gebäude eine offizielle Tanzerlaubnis.

Fährhaus erwies sich als Goldgrube

Als die Verkehrswege der Gegend im Zuge der Industrialisierung weiter ausgebaut wurden, rückte das Anwesen stärker in den Fokus. Immer häufiger fragten Menschen in dem schlichten Wirtshaus mit nur einem Gastzimmer nach Kaffee und Bier. Das (sogenannte) Fährhaus füllte sich – und musste erweitert werden. 1895 war der Neubau mit dem markanten Türmchen fertiggestellt, kurze Zeit später verschwand nach Straßenerweiterungen ein Großteil des Vorgartens, sodass die Längsseite des Gebäudes – viele Hamburger erinnern sich noch daran – auffallend dicht an der Straße lag.

1914 kaufte die Stadt das Fährhaus, das fortan verpachtet wurde. Zunächst erwies es sich als Goldgrube: Jeden Sonntag war „Großer Ball“, und der Treffpunkt mit Kaffeegarten und Kegelbahn erfreute sich ungetrübter Beliebtheit. Allein der auf 580 Pfählen erbaute Tanzsaal bot Platz für 1000 Besucher, und im Garten an der Wasserseite konnten sogar mehrere Tausend Menschen sitzen.

In den 70ern auch Bands für junge Leute

Seine große Zeit erlebte das Fährhaus in den 1920er-Jahren, als es zum beliebten Veranstaltungsort wurde. Die vielen Bälle, Matineen und sonstigen Tanzveranstaltungen muten heute altmodisch und wohl auch etwas spießig an. Damals, als noch niemand von Work-Life­-Balance sprach, boten sie vielen Mensch Vergnügen und Zerstreuung im von harter Arbeit geprägten Alltag. Im Gegensatz zum beliebten Uhlenhorster Fährhaus überstand das Winterhuder Gegenstück die Bombennächte des Zweiten Weltkriegs unbeschädigt, sodass es in den Nachkriegsjahren eine weitere kurze Blütezeit erlebte. Nach dem Krieg hatte Familie Behncke die Pacht übernommen – noch einmal für optimistisch kalkulierte 30 Jahre.

Doch der sich wandelnde Geschmack und der Siegeszug des Fernsehens sorgten dafür, dass Tanztees, Matineen und Varietés langsam, aber sicher aus der Mode kamen. Das Hamburger Abendblatt fasste die Fährhausgeschichte Ender der 70er so zusammen: „Rauschende Feste vor und nach dem Ersten Weltkrieg, temperamentvolles Aufbäumen in den Goldenen Zwanzigern und ein Schutzengel im Zweiten Weltkrieg. Danach war das Feiern in den Prunksälen vorbei.“ Trotzdem schien die Zukunft des Fährhauses zunächst noch nicht gefährdet.

Erfolgreicher Veranstaltungsort

Denn als Uwe Behncke die Pacht 1976 auslaufen ließ, hatte sich das zentral gelegene Haus als relativ erfolgreicher Veranstaltungsort für junge Leute eta­bliert. Überregionale Bands traten dort auf, und eine Nutzung als Kommunikationstreff im Stil der Altonaer Fabrik schien möglich. Das traditionsreiche Gebäude war zwar in keinem guten Zustand, aber Investoren, die ihm eine Chance geben wollten, gab es genug. Doch dann verpachtete die Stadt das Haus an zwei eher finanzschwache Interessenten, die alle erforderlichen Renovierungen nur schleppend angingen.

Plötzlich schwirrten erste Abrissgerüchte durch Hamburg – die von den zuständigen Politikern aber flugs ins Reich der Legenden verwiesen wurden. „An einen Abriss ist nicht gedacht“, ließ der damalige Bezirksamtsleiter Werner Weidemann wissen, und Kultursenator Wolfgang Tarnowski kündigte an: „Das Fährhaus wird als Kulturdenkmal erhalten.“ Die Bürgerinitiative „Rettet das Winterhuder Fährhaus“ blieb misstrauisch und sammelte unverdrossen Unterschriften für den Erhalt – 15.000 waren es am Ende. Es gab Benefizveranstaltungen und Straßenumfragen, Förderkreise, Bürgerinitiativen – und Künstlergremien tagten.

Zuletzt ging dann alles ganz schnell. Im Winter 1977 legten Brandstifter an neun Stellen Feuer im Fährhaus. Die kleinen Brände wurden zwar gelöscht, aber der Gesamtschaden in Höhe von rund zwei Millionen Mark ließ sich nur noch mehr schlecht als recht beheben. Im März 1979 ließ das Bezirksamt das Fährhaus wegen Einsturzgefahr schließen – mittlerweile war es wohl wirklich zu einer Bruchbude verkommen. Die Pfähle seien angefault, das Gebälk vom Holzbock befallen, das Dach morsch, hieß es nun. Eine Renovierung wurde mit rund acht Millionen Mark veranschlagt – Geld, das niemand aufbringen konnte.

Abschiedsworte auf einer einstürzenden Wand

Für viele, die sich damals für den historisch bedeutenden Bau engagiert hatten, stand das Feuer am Schluss einer langen Kette von Versäumnissen und Merkwürdigkeiten, die ihnen deutlich machten: So richtig gewollt haben die städtischen Stellen den Erhalt des Fährhauses zuletzt wohl nicht mehr. Und so kann man nur noch darüber spekulieren, wie das langgezogene Gebäude mit dem schönen Jugendstilsaal heute genutzt werden würde.

Vor 40 Jahren, am 6. August 1979, wühlten sich in den frühen Morgenstunden die Zähne eines Abrissbaggers in den Gründerzeitbau. Der Einsatz war vorher nicht angekündigt worden – man wollte offenbar weitere Protestaktionen vor Ort verhindern. Bittere Ironie: Eine Zeitung zeigte die einstürzende Seitenwand, auf der mit Sprühschrift geschrieben stand: „Das Fährhaus muss erhalten bleiben. Wir fordern ein Freizeitzen­trum.“ Das Ganze las sich wie eine Abschiedsbotschaft.

Zahlreiche Schaulustige sahen zu, als das Ecktürmchen an der Westseite, lange Wahrzeichen des Fährhauses, in sich zusammenkrachte. Das Abendblatt schrieb knapp, was viele damals dachten: „Ein Stück Hamburg ist gestorben.“