Prozess in Hamburg

Kommt der Donnerstagsräuber nie wieder frei?

Michael J. wedelt mit Dokumenten – wie an so ziemlich jeden Prozesstag. Läuft es schlecht für den 70 Jahre alten Serienbankräuber, kommt er nie wieder auf freien Fuß.

Michael J. wedelt mit Dokumenten – wie an so ziemlich jeden Prozesstag. Läuft es schlecht für den 70 Jahre alten Serienbankräuber, kommt er nie wieder auf freien Fuß.

Foto: Christiane Bosch / dpa

Im Prozess um drei Banküberfälle fordert die Staatsanwaltschaft eine Freiheitsstrafe von knapp 13 Jahren – und Sicherungsverwahrung.

Hamburg. Was seine Perspektiven betrifft, hat Bankräuber Michael J. offenbar keine Illusion: Jeder wisse, sagt der 70-Jährige in seinem Prozess vor dem Landgericht, „dass ich nicht mehr in Freiheit gelange“. Die Rechnung sei einfach: drei Raubüberfälle mit Schusswaffe, die er begangen habe, bedeuteten drei mal mindestens fünf Jahre Haft; eine Tat davon „mit einem Schussopfer: Was soll ich da noch befürchten?“ Der Angeklagte klingt lakonisch, aber auch ein wenig trotzig und provokativ. Hofft er, dass ihm jemand widerspricht?

Geht es nach dem Willen der Staatsanwaltschaft, sollte sich die Überlegung von Michael J. bestätigen. Wegen dreier Banküberfälle aus den Jahren 2011, 2017 und zuletzt im Januar diesen Jahres, die der Angeklagte vor Gericht gestanden hat, soll er zu einer Freiheitsstrafe von zwölf Jahren und zehn Monaten verurteilt werden, fordert Oberstaatsanwalt Lars Mahnke. Und vor allem beantragt der Ankläger die Verhängung der Sicherungsverwahrung für Michael J. „Wir müssen die Bürger schützen vor einem Mann, der eine spezifische Einstellung zu Banken hat“, sagte Mahnke.

Sicherungsverwahrung kann nur ausgesprochen werden, wenn einem Täter eine weitere Gefährlichkeit und ein fortbestehender Hang zu schweren Straftaten attestiert wird. Und das hatte im Prozess gegen den 70-Jährigen ein psychiatrischer Sachverständiger bejaht. Ein zu Sicherungsverwahrung verurteilter Täter kann nach Verbüßung seiner Haftstrafe erst dann freikommen, wenn Fachleute davon ausgehen, dass er nicht mehr für die Allgemeinheit gefährlich ist.

Bankangestellten mit einer Pistole lebensgefährlich verletzt

Am schwersten wiegt unter den drei Verbrechen des Michael J. der Sparkassenüberfall vom 12. Januar 2017. Damals hatte der maskierte und mit einer Pistole bewaffnete Mann einen Bankangestellten in den Bauch geschossen und ihn lebensgefährlich verletzt. Die Kugel hatte nur um einen Millimeter die Bauchaorta des Opfers verfehlt. Wegen dieser Tat wird dem Angeklagten, der bereits in den 80- und 90er Jahren wegen mehrerer Banküberfälle im Gefängnis gesessen hat, vor dem Schwurgericht unter anderem versuchter Mord und schwere räuberische Erpressung vorgeworfen.

Bei den drei Überfällen, die ihm zur Last gelegt werden, sind laut Anklage insgesamt knapp 25.000 Euro erbeutet worden. Wegen seiner Eigenart, stets am selben Wochentag zuzuschlagen, wurde der Täter als „Donnerstags-Räuber“ bekannt. Nach dem dritten Überfall war Michael J. vor der Bank festgenommen worden.

Keine Reue wegen der von ihm begangenen Taten

Über den Schuss auf den Bankangestellten sagte der Staatsanwalt, Michael J. habe seine Waffe aus maximal drei bis vier Meter Entfernung auf das Opfer abgefeuert. „Sie wollten in die Richtung schießen. Sie wollten auf den Kassierer Druck ausüben. Dass Sie den Tod des Mannes billigend in Kauf genommen haben, ist so sicher wie das Amen in der Kirche.“

Der Angeklagte hatte angegeben, er habe die Kugel abgefeuert als Wut darüber, dass ein anderer Kassierer ihm ganz bewusst nur kleine Scheine übergeben habe, und das auch nur besonders langsam. Insofern sei dieser Bankangestellte mit verantwortlich dafür, dass sein Kollege schwer verletzt wurde. Dazu der Staatsanwalt: „Sie stellen die Dinge auf den Kopf, wenn Sie dem Kassierer die Schuld dafür geben.“ Reue habe Michael J. in Bezug auf keine der von ihm gestandenen Taten gezeigt. „Wir haben von Ihnen nie den Satz gehört: Es tut mir leid.“

Zur Frage der Sicherungsverwahrung sagte der Anwalt nichts

Verteidiger Johannes Rauwald betonte, sein Mandant habe eine Schussabgabe „unbedingt vermeiden wollen“. Die Entscheidung, gleichwohl die Waffe abzufeuern, habe Michael J. auch deshalb getroffen, weil ihm die Zeit, die er für den Überfall eingeplant hatte, weggelaufen sei. Der 70-Jährige sei davon ausgegangen, dass er den Kassierer eben nicht treffen, sondern die Kugel rechts neben dem Mann in die Wand einschlagen würde. Seine Überraschung darüber, den Mann doch getroffen zu haben, sei auch dadurch erkennbar, dass sich Michael J. nach dem Schuss „unheimlich aufgeregt“ habe.

„Die von dem Angeklagten beschriebene Erschütterung über die Verletzung des Opfers ist echt.“ Von einem bedingten Tötungsvorsatz könne deshalb „keine Rede sein“. Zur Frage der Sicherungsverwahrung sagte Rauwald nichts, ebenso stellte der Verteidiger keinen konkreten Strafantrag.

Das letzte Wort von Michael J. wird sehr lange dauern

Sein Mandant indes hatte auch an diesem elften Verhandlungstag wieder das große Wort führen wollen. Vor allem gegen den psychiatrischen Sachverständigen, der ihm unter anderem eine narzisstische Persönlichkeit und eine beginnende Altersdemenz bescheinigt hatte, stichelte Michael J. Der Experte habe eine „bösartige Qualifizierung seines Charakters“ vorgenommen, schimpfte der Angeklagte. Es gehe ihm „unter die Haut“, wenn er als narzisstische Persönlichkeit dargestellt werde. „Und mir Demenz im Anfangsstadium zu unterstellen, ist ein blöder Witz.“ Während er so loslegt, schaut Michael J. immer wieder beifallheischend Richtung Zuschauerraum.

Und auch vor Verhandlungsbeginn geht es ihm darum, sich zu produzieren. Für einen Fotografen nimmt er extra seine Sonnenbrille ab, mit der er zuvor meist abgelichtet worden war. „Damit Sie mal ein anderes Motiv haben.“ Am nächsten Verhandlungstag wird von Michael J. das letzte Wort erwartet. Er hatte schon angekündigt, dass dies sehr lang dauern werde. Sie hoffe, sagte die Vorsitzende Richterin, dass die Zeit von 9 bis 16 Uhr ausreicht. Dazu Michael J.: „Wunschvorstellungen unterscheiden sich ja oft von der Realität.“