Prozess

Wollte Schule sexuellen Missbrauch an Kindern vertuschen?

Trainer soll an Grundschule Mädchen beim Turnen sexuell belästigt haben. Im Prozess wurden brisante Details zum Fall bekannt.

Hamburg. Einem ehemaligen Sport­trainer für Kinder und Jugendliche werden der sexuelle Missbrauch sowie die sexuelle Belästigung von zwei ihm anvertrauten Schutzbefohlenen in insgesamt 31 Fällen vorgeworfen. Am Mittwoch hat sich der 38-Jährige im Amtsgericht St. Georg den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft gestellt.

Von Oktober 2016 bis Februar 2018 soll Marcel W. (38) während eines Talentförderungsprogrammes im Turnunterricht die zwei betroffenen Mädchen im Alter von neun und 15 Jahren unsittlich im Intimbereich berührt haben. Der Angeklagte sagte aus, es habe zwei Vorfälle mit einer 15-jährigen Schülerin in einem Geräteraum der Turnhalle gegeben, wobei es vonseiten des Beschuldigten zu sexuellen Übergriffen unter der Kleidung im Intimbereich gekommen sei. Das Mädchen habe ihn sodann aufgefordert, es in Ruhe zu lassen, woraufhin Marcel W. – erschrocken über sein eigenes Verhalten – von der 15-Jährigen abgelassen habe.

Sexuelle Belästigung während der Hilfestellung bei Turnübungen

In weiteren Fällen wird Marcel W. zusätzlich die sexuelle Belästigung während der Hilfestellung bei Turnübungen vorgeworfen. In insgesamt 15 Sportkursen soll Marcel W. Kinder aller Altersgruppen betreut haben. Unter anderem erzählte eine damals Neunjährige ihrer Mutter auf deren Nachfrage von den sexuellen Übergriffen. Gestern sagte die Mutter vor Gericht als Zeugin aus.

„Ich habe von der Schule erfahren, dass es einen konkreten Vorfall im Turnunterricht gegeben haben soll, der auf Wunsch der Eltern des betroffenen Mädchens nicht weiter ausgeführt wurde“, erzählte sie dem Gericht. „Die Schulleiterin bat darum, nicht mit dem eigenen Kind über die Vorwürfe zu sprechen.“ Sie habe trotzdem ihre Tochter darauf angesprochen. Das Mädchen erzählte von wiederholten Berührungen des Trainers – und dass sie aus diesem Grund nicht mehr gern zum Training gegangen sei.

Marcel W. bestreitet allerdings, dass es sich um eine derart hohe Anzahl an Übergriffen gehandelt habe, er gab lediglich eine Tat zu, „etwa 19“ weitere Taten seien eher unbeabsichtigt und „passive Berührungen“ während des Trainings gewesen. Seit Mai 2018 befinde er sich in therapeutischer Behandlung, und er sei mittlerweile in einer anderen Branche tätig.

Ein Ermittlungsverfahren 2012 wurde eingestellt

Als Zeuge geladen war auch Andreas Wolff, Geschäftsführer der Hamburger Turnerschaft von 1816 und einst Chef von Marcel W. Er habe den Beschuldigten, den er seit Jahrzehnten kenne, umgehend aus dem Kinder- und Jugendprogramm entfernt. Wolff berichtete zudem von einem Ermittlungsverfahren gegen Marcel W. im Jahr 2012, das eingestellt worden sei. Der Angeklagte soll sich vor Mädchen entblößt haben. Dieser habe die Szene dann jedoch als „Notsituation“ während des Duschens dargestellt.

Der Angeklagte blieb am Mittwoch bei seiner Einlassung. Die polizeiliche Video-Vernehmung der beiden Mädchen nahmen die Prozessbeteiligten dann unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Augenschein. Es seien noch mehr Details bekannt geworden als in der Anklage aufgelistet, hieß es später. Der Prozess soll am kommenden Mittwoch fortgesetzt werden. Zu diesem Termin sind die Schulleiterin, der Vater der 15-Jährigen sowie die Lehrerin, der sie sich anvertraut hatte, geladen. Vermutlich kommt es außerdem zur audiovisuellen Vernehmung der 15-jährigen Schülerin.

Hamburger Sportbund gibt Statement zu den Vorgängen ab

In einer Stellungnahme gab der Hamburger Sportbund (HSB) ein Statement dazu ab. So sei der HSB im Februar 2018 von der Grundschule über einen Vorfall informiert worden. Am gleichen Tag sei Kontakt zum Verein Hamburger Turnerschaft von 1816 (HT16) aufgenommen worden, der als Kooperationspartner des HSB Talentprogramms vertraglich den Trainer an dieser Schule eingesetzt habe. Zwischen Verein und HSB sei als erster Schritt vereinbart worden, dass der betreffende Trainer mit sofortiger Wirkung nicht mehr in den Trainingsgruppen des Talentprogramms eingesetzt werde.

Der HSB betont, dass er der Schule und dem Verein als Kooperationspartner umfassende Zusammenarbeit zugesagt hat. "Die PSG-Beauftrage der Hamburger Sportjugend (HSJ) und die Opferschutzorganisation Zündfunke e.V. haben sich unmittelbar mit Schule, Verein und HSB zusammengesetzt, das weitere Vorgehen besprochen und Maßnahmen eingeleitet", heißt es in der Mitteilung. Das Training in der entsprechenden Gruppe sei in Absprache mit Schule und Verein auf unbestimmte Zeit gänzlich ausgesetzt und im Anschluss durch eine neue Trainerin betreut worden.