Hamburg

Das Gängeviertel feiert sein Überleben mit einem Maskenball

Die Künstlerin Jessica Leinen mit einigen Masken, die sie am Jubiläumswochenende kunstvoll einsetzen wird.

Die Künstlerin Jessica Leinen mit einigen Masken, die sie am Jubiläumswochenende kunstvoll einsetzen wird.

Foto: Andreas Laible / Andreas Laible / FUNKE Foto Services

Vor zehn Jahren besetzten Kreative das historische Häuserviertel in der Innenstadt. Jetzt wird vier Tage lang gefeiert.

Hamburg.  Jessica Leinen steht in dem hellen, lichtdurchfluteten Raum in der Fabrique, dem kulturellen Herzstück des Gängeviertels. „MOM art space“ heißt die Galerie, in der ihre Ausstellung „Oasendämmerung“ gezeigt wird. An diesem Wochenende aber geht es um handfestere Künste. Zum 10. Geburtstag, an dem auch das Überleben des historischen Häuser-Ensembles in der Innenstadt gefeiert wird, bietet die Künstlerin einen Maskenverleih an: „Alternativen zu Ihrem Gesicht – wir beraten Sie gerne.“ Und am Sonnabend lädt Jessica zum „betreuten Aschenbechertöpfern für Erwachsene“. In der Schiers Passage vor der Tischlerei kann jeder Besucher ab 18 Uhr für fünf Euro „seinen ganz eigenen Traumklumpen“ entwerfen.

200 Künstler besetzten vor zehn Jahren das Gängeviertel

Mitte des 19. Jahrhunderts ließ der Tischlermeister Ludwig Schiers mitten in der Hamburger Neustadt eine Passage bauen, die Wohnen und Arbeiten an einem Ort möglich machen sollte. Dass dieser umtriebige Handwerker nicht längst in Vergessenheit geraten ist, hat auch mit Menschen wie Jessica Leinen zu tun. Kreative, die mit ihren Ideen und Künsten die Zukunft dieses selbstverwalteten Kulturorts, der eben auch Erinnerungsort ist, auf Dauer sichern wollen.

Oder mit Christine Ebeling, die auf den Tag genau vor zehn Jahren zusammen mit rund 200 Künstlern das Gängeviertel besetzte. Sie forderten nicht nur Raum für Kreative in der Stadt, sondern auch den kompletten Erhalt der historischen Gebäude, die seit Jahren leer standen und verfielen. Und die der Senat an Hanzevast Capital verkauft hatte. Der niederländische Investor wollte 2008 die zwölf Häuser zu 80 Prozent abreißen, ein bisschen alte Fassade stehen lassen und auf dem Gelände gläserne Büroneubauten errichten.

Stadt kaufte die Häuser für 2,8 Millionen Euro zurück

Der Kampf um das Gängeviertel führte zu einer neuen Nachdenklichkeit. Wem gehört die Stadt? Wer darf wo leben? Wer entscheidet darüber? Der Markt oder die Politik? Und welche Folgen haben Ausgrenzung und Vertreibung für das städtische Zusammenleben? Aus dem Nachdenken wurde ein Umdenken. Am 15. Dezember 2009 vermeldete die Kulturbehörde: „Der Hamburger Senat hat sich mit der Hanzevast-Gruppe darauf verständigt, dass das Projekt Gängeviertel ohne eine weitere Beteiligung des niederländischen Investors fortgeführt wird.“ Für 2,8 Millionen Euro hatte die Stadt „ihre“ geschichtsstrotzenden Häuser, in denen sich vor 100 Jahren ein geschlossenes Milieu der Hamburger Arbeiterschaft entwickelt hatte, zurückgekauft.

Danach begann ein für alle Seiten mühsamer Verhandlungsmarathon. „Ein beständiges Aushandeln“, sagt Christine Ebeling. 20 Millionen Euro hat die Stadt für die Sanierung bereitgestellt. Die Jupibar wurde wieder hergerichtet. Sie ist Kneipe, Wohnzimmer, Konzertraum. Die Fabrique ist vor drei Jahren eröffnet worden. Hier gibt es auf mehreren Etagen Räume für Konzerte und Theater, Seminare und Bewegung, Siebdruck und Fotostudio, Radiosender und Partys. Und zwei Wohnhäuser wurden saniert, in denen heute 16 Mietparteien für eine Anfangsmiete von 5,70 Euro pro Qua­dratmeter­­ wohnen. Die Gewerbemieter zahlen rund 8 Euro pro Quadratmeter.

Stadt hat Erbbaurechtsvertrag über 75 Jahre abgeschlossen

Die Mieteinnahmen sind Grundlage für den Erbbauzins. Denn auch das wird an diesem Wochenende gefeiert: Vor zwei Wochen, am 9. August, hat die Gängeviertel Genossenschaft mit der Stadt einen Erbbaurechtsvertrag über 75 Jahre geschlossen. „Eine Vereinbarung in gegenseitigem Vertrauen“, hat Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt (SPD) gesagt.

Sobald nach der vollständigen Sanierung alle Gebäude an die Genossenschaft übergeben sind, muss diese jährlich einen Erbbauzins in Höhe von 303.000 Euro an die Stadt zahlen. „Somit sind die Flächen und Gebäude des Areals endlich langfristig dem Markt entzogen und vor Privatisierung sowie wechselnden politischen Konjunkturen geschützt“, sagt Christine Ebeling.

„Hier können Menschen jeden Alters ihre Fähigkeiten entdecken.“

Als Nächstes beginnen die Planungen für die Sanierungen des Wohnhauses in der Speckstraße sowie in der Schiers Passage. Weitere Räume für Neues sollen entstehen. Neben bereits bestehenden wie dem Museum und der Fahrradwerkstatt, dem Nasch-Café und der Druckerei. Dem Ladöns, einem Laden für Kleinkunst und der Minidisco Kaschemme, dem Teedeeler und der Praxis für alle, der „Entwurfswerkstatt für konkrete Utopien“ und dem Umsonstladen: „Komm stöbern und nimm, was dir gefällt.“

Denn darum geht es wohl zu allererst in diesem bunten Viertel mit zahlreichen Zelten und Holzbühnen in den grünen Innenhöfen, das vor zehn Jahren schlicht verglast werden sollte. „Die Zielsetzung bleibt immer die Gleiche“, sagt Christine Ebeling, „hier können Menschen jeden Alters ihre Fähigkeiten entdecken.“ Das Schöne sei, dass immer wieder neue Leute kämen und mit Elan und Engagement „Möglichkeitsräume“ schaffen. Alter und Herkunft, Bildung und Geldbeutel spielen keine Rolle. „Das ,Zahl-was-es-dir-wert-ist-Prinzip‘ gilt bis zum heutigen Tag und soll auch in Zukunft niemanden ausgrenzen“, sagt Christine Ebeling.

Die viertägige Geburtsz´agsfeier wird mit 11.000 Euro gefördert

Sie spricht von einem „Großbetrieb der Freiwilligkeit“. Der inzwischen auch deshalb funktioniert, weil aus der Stadt eine enge Verbündete geworden ist. Auch die viertägige Geburtstagsfeier mit ihren zahlreichen Programmpunkten wird mit 11.000 Euro gefördert. „Die Stadtgesellschaft ist auf Räume für alternative Lebensentwürfe angewiesen“, sagt Kultursenator Carsten Brosda (SPD).

„Am 22. August 2009 sind wir in die Gänge gekommen und luden zu einem Hoffest, bei dem sich im Laufe des Nachmittags eine Tür nach der anderen öffnete und eine Ausstellung mit mehr als 200 Künstlern ihren Anfang nahm“, sagt Christine Ebeling. Trotz diverser Unstimmigkeiten und manchmal auch zäher Verhandlungen sei im Gängeviertel bis heute für eine Stadt der Möglichkeiten gekämpft und ein wichtiges stadtgeschichtliches Denkmal erhalten worden. „Es fühlt sich an, als hätte dieses Fest bis heute kein Ende gefunden.“

Veranstaltungen zum Jubiläum

Ausstellung „IN DA WOOD II“ zeigt Kunstwerke aus den Bereichen Street Art, Graffiti, Malerei, Skulptur, Installation und klassischer Bildhauerei. 22.–24.8. 15–21 Uhr, am 25. 8. ab 16 Uhr. Ausstellung „Letzter Heller“. Fotografien von Carsten Rabe, auf denen er die Magistralen von Hamburg dokumentiert hat. 22.8. ab 19 Uhr, 23.–24.8., 18–22 Uhr, 25.8., 15–18 Uhr.

„LIGNA – ein Gang durch die unheimliche Hamburger Vergangenheit. 22.8., um 18 Uhr (Premiere), weitere Termine am 23.8. und 24.8., um 16, 18 Uhr und 20 Uhr. Startpunkt: Gängeviertel, Valentinskamp 34.

Offenes Atelier: Keramikwerkstatt im Salon Valentina am 24.8. von 15–18 Uhr. Ort: Gängeviertel, Valentinskamp 37, 2. Stock. hsppvr