Medizin

Hamburger Arzt setzt Patienten Mikrocomputer ins Herz

Prof. Ulrich Schäfer erklärt seinem Patienten, wie der Mikrocomputer funktioniert.

Prof. Ulrich Schäfer erklärt seinem Patienten, wie der Mikrocomputer funktioniert.

Foto: Marienkrankenhaus Hamburg/Bertram Solcher

Das winzige Gerät ist eine Weltneuheit, Herzkranke können es selbst bedienen. So profitieren Patienten.

Hamburg. Ein winziger Computer soll künftig Signale aus dem Inneren des Herzens senden und damit die Behandlung von Patienten verbessern, die an einer Herzschwäche leiden. Zurzeit wird der weltweit erste drahtlose und direkt im Herz eingesetzte Mikrocomputer in einer klinischen Studie getestet. Auch einem 62-jährigen Patienten im Hamburger Marienkrankenhaus, der bereits zahlreiche Eingriffe am Herzen hinter sich hat, wurde ein solches Gerät eingesetzt – erstmals in Norddeutschland und zum zweiten Mal in Deutschland überhaupt.

Seit Beginn der Studie wurde der Mikrocomputer sieben Patienten erfolgreich implantiert, berichtet der Hersteller, das Unternehmen Vectorious. Eine Herzschwäche ist in Deutschland der häufigste Grund für die stationäre Aufnahme von Personen über 65 Jahren.

Der Computer wird von außen gesteuert und aufgeladen

Der Mikrocomputer V-LAP ist kleiner als eine Erbse. Mithilfe eines Katheter wird er von der Leiste über eine Vene bis in den linken Herzvorhof transportiert und dort an der Scheidewand platziert. Dort misst das Gerät zum Beispiel, wie hoch der Druck im Herzen ist und wie schnell es schlägt. Diese und andere Daten kann der Patient dann mit einem speziellen Empfangsgerät selbst ablesen.

Dann werden die Daten über eine Cloud im Internet an den Kardiologen in die Klinik geschickt. Das Implantat hat keine Batterie und wird von außen gesteuert und aufgeladen, sodass es nicht nach einer bestimmten Zeit ausgetauscht werden muss. Das Gerät soll Ärzten dabei helfen, Beschwerden aktiv zu behandeln, Probleme frühzeitig zu erkennen und eine Notwendigkeit von Krankenhausaufhalten genauer einschätzen zu können. Bislang wurde der Zustand des Patienten anhand der Symptome beurteilt, wie zum Beispiel Luftnot und Schwellungen in den Beinen. Dafür musste der Patient aber jedes Mal zum Arzt kommen und sich untersuchen lassen.

Am 30. Juli hat Prof. Ulrich Schäfer, Chefarzt des Zentrums für Innere Medizin am Marienkrankenhaus, seinem Patienten Nasser M. den Mikrocomputer implantiert. "Herr M. ist ein für uns typischer Patient: die vielen Vorerkrankungen haben dazu geführt, dass die Pumpleistung seines Herzens stark beeinträchtigt ist. Herr M. bekommt zwar Medikamente, die das Herz unterstützen, aber wir haben bisher wenig Möglichkeiten die Behandlung kontinuierlich zu überwachen. Man muss sich diese Behandlung wie die Fahrt auf einer schmalen, kurvigen Landstraße vorstellen.

Wenn man die benötigte Medikamentenmenge nicht genau trifft, landet man rechts oder links im Graben. Unsere Gräben heißen Luftnot, bis hin zum Erstickungstod oder Nierenversagen. Beides Verläufe, die wir unbedingt vermeiden möchten." Nach einer halben Stunde ist der Eingriff beendet und Nasser M. ist weltweit der sechste Patient, dem dieses Gerät eingesetzt wurde. Am Mittwoch wurde ein siebter Patient in Berlin mit dem Mini-Computer versorgt.

In zwei bis drei Jahren könnte der Mikrocomputer auf den Markt kommen

Heute, 14 Tage später, geht es dem Patienten gut. Er ist zu Hause und misst selbstständig seine Werte. Anhand dieser Messwerte sind die Medikamente laut Prof. Schäfer schon einmal angepasst worden. Jetzt habe der Patient nur noch einen leicht erhöhten Druck im Herzen.

Bis der kleine Computer auf den Markt kommt, können aber noch zwei bis drei Jahre vergehen. In der jetzigen Studie werden zwölf Patienten damit versorgt. Erst wenn die Ergebnisse ausgewertet und erfolgversprechend sind, kann eine größere Zulassungsstudie starten. Im Hamburger Marienkrankenhaus ist bereits der nächste Eingriff geplant: In der übernächsten Woche soll ein weiterer Patient einen solchen Mikrocomputer erhalten.

Was ist eine Herzschwäche?

Von einer Herzschwäche (medizinisch: Herzinsuffizienz) sprechen Ärzte dann, wenn das Herz nicht mehr so leistungsfähig ist, dass es das gesamte Blut problemlos durch den Körper pumpen kann. Dadurch kann es zu Stauungen kommen: Bei einer Schwäche des linken Herzens staut sich das Blut in die Lunge zurück, der Patient leidet unter Atembeschwerden und Müdigkeit.

Bei einer Rechtsherzschwäche staut sich Blut in den Körperkreislauf zurück, besonders in die Beine, und die Patienten leiden unter Ödemen (Wasseransammlungen) in Unterschenkeln und Füßen. Eine Herzinsuffizienz ist in Deutschland der häufigste Grund für die stationäre Aufnahme von Personen über 65 Jahren.