UKE-Rechtsmediziner

Prof. Püschel über Smombies und den Tod beim Selfie

Rechtsmediziner Prof. Klaus Püschel im UKE-Institut.

Rechtsmediziner Prof. Klaus Püschel im UKE-Institut.

Foto: Ha / HA / Mark Sandten

Smartphones und Kopfhörer im Verkehr sind eine tödliche Gefahr. UKE-Rechtsmediziner Klaus Püschel über bizarre Fälle.

Hamburg.  Über zu wenig Arbeit werden sich Hamburgs Orthopäden kaum beschweren, einen Teil davon verdanken sie mutmaßlich Handy und Co. So oft, wie man leicht vorn übergebeugte Fußgänger, den Blick stoisch nach unten aufs Smartphone geheftet, über die Gehwege laufen (oder taumeln) sieht, dürfte die Behandlung von Haltungsschäden in den Praxen längst ein Kassenschlager sein.

Ein ähnliches Bild liefert die Inspektion­ einer beliebigen U- oder S-Bahn an einem beliebigen Tag. Und nicht viel anders sieht es auch auf der Straße aus: Smartphones überall. Telefonierende Radler, tippende Autofahrer, Fußgänger in Handytrance. Das Phänomen erinnert an den Hanns Guck-in-die-Luft, diesen stets in den Himmel starrenden Jungen aus dem berühmten Kinderbuch „Struwwelpeter“. Übertragen in die heutige Zeit, müsste es wohl eher Hanns Guck-in-das-Smartphone heißen.

Menschen in Lebensgefahr

Der moderne Hanns trägt inzwischen einen Kunstnamen – Smombie, eine Abkürzung für "Smartphonezombie". Ihre Unachtsamkeit bringt Smombies mitunter in hochgefährliche Situationen. Kaum jemand weiß das besser als der Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel. Er ist häufig mit den Folgen von fatalen Unglücken aufgrund von Smartphones und anderen elektronischen Geräten konfrontiert.

„Das Problem der Ablenkung und auch der geteilten Aufmerksamkeit verfolgt mich in meinem Beruf von Anfang an“, sagt der Direktor des Instituts für Rechtsmedizin am UKE dem Abendblatt. „Aber dass sich Menschen auf eine solche Weise in Lebens­gefahr begeben, hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Wir haben­ immer häufiger schwerste Traumatisierungen, Amputationen und Todesfälle­. Ganz zu schweigen von den Unschuldigen, die da mit hineingezogen werden. Wenn das Sehen oder Hören eingeschränkt ist, weil sich jemand mit seinem Handy beschäftigt, kann das zu Unfällen mit schweren Folgen führen.“

Handynutzer auf dem Sektionstisch

Immer wieder habe er es mit Unfallopfern zu tun, die zum Beispiel ein herannahendes Fahrzeug nicht rechtzeitig bemerkt hätten. „Nicht selten landen Menschen, die als Fußgänger, Radfahrer oder Autofahrer gebannt auf das Display ihres Smartphones geblickt haben oder deren Ohren durch Kopfhörer abgeschottet waren, bei uns auf dem Sektionstisch“, sagt der Mediziner. Traurig und wütend machten ihn „Unfälle, die durch Ablenkung mit technischen Geräten begünstigt wurden, die müssen einfach nicht sein“, sagt er.

Traurige Beispiele kennt Püschel genug. Er erzählt von einem Fall, der sich im Oktober 2017 an der Edmund-Siemers-Allee ereignet hat. Ein Rettungswagen war mit Blaulicht und Sirene im Einsatz, als vom Gehweg aus ein 29 Jahre alter Fußgänger die Straße querte – in den Händen hielt er sein Mobiltelefon, die Ohren waren mit Kopfhörern abgeschirmt. Er hörte weder das Martinshorn, noch sah er das Blaulicht. Der Fahrer des Rettungswagens konnte das Unglück nicht verhindern. Der junge Mann wurde durch die Luft geschleudert und verstarb noch am Unfallort an den Folgen eines Polytraumas.

Tod beim Selfie

In einem weiteren Fall, den Püschel kennt, kostete den Gastgeber einer Party seine Unachtsamkeit das Leben: Während der Feier nahm er auf dem Balkon seiner Wohnung eine Nachbarin in den Arm, um mit ihr ein Selfie zu machen. Dabei lehnte er sich zu weit nach hinten, bekam Übergewicht, stürzte rückwärts vom Balkon im dritten Stock auf den Gehweg. Er war praktisch sofort tot. „Das Handy hatte er auf den Balkon fallen lassen. Es zeigte ihn freundlich lachend mit der Dame im Arm“, sagt Püschel.

Unfälle durch Handy Massenphänomen

So ein Unglück mag ganz besonders überflüssig erscheinen – doch Experten gehen davon aus, dass vor allem im Straßenverkehr durch Ablenkung verursachte Unfälle inzwischen zu einem Massenphänomen geworden sind. So schätzt der ADAC, dass in Deutschland jeder zehnte Unfall auf den unzulässigen Gebrauch eines Handys zurückgeht.

„Damit wäre die Ablenkung für mehr tödliche Unfälle verantwortlich als Fahrten unter Alkoholeinfluss“, sagt Hans Pieper, Sprecher des ADAC in Hamburg. „Jedem Verkehrsteilnehmer sollte klar sein, dass auch ein nur kurzer Blick auf das Smartphone tödlich enden kann. Keine Nachricht ist so wichtig, dass sie dieses Risiko wert wäre“, so Pieper.

Etwas zurückhaltender äußert sich die Hamburger Polizei. Es sei wahrscheinlich, dass die „Nutzung von Smartphones oder ähnlichen elektronischen Geräten bei vielen Verkehrsunfällen mitursächlich“ ist; darauf deuteten zahlreiche Veröffentlichungen hin.

Im Gegensatz zu Berlin, dem Saarland und Nordrhein-Westfalen erfassen alle anderen Bundesländer und damit auch Hamburg die Ablenkung durch elektronische Geräte jedoch nicht als Unfallursache – aus Sicht des Automobilclubs von Deutschland (AvD) ein dringend zu behebender Missstand. Ähnlich sieht es auch Klaus Püschel. Bei unerklärlichen Unfällen frage er sich immer wieder, „wie weit die Aufmerksamkeitsleistung des Autofahrers wohl dadurch reduziert war, dass er eine technische Einrichtung in seinem Fahrzeug betätigt hat.“ Seiner Meinung nach sollte „man bei solchen Unfällen Ermittlungen dahingehend anstellen, ob Kommunikationseinrichtungen im Fahrzeug eingeschaltet beziehungsweise in Gebrauch waren.“

Jeder 16. Autofahrer daddelt

Als gesichert gilt, dass sich viele – zu viele Verkehrsteilnehmer – mit ihrem Smartphone beschäftigen. Forscher der Technischen Universität Braunschweig haben ermittelt, wie viele Autofahrer während der Fahrt zum Handy greifen. Sie beobachteten rund 12.000 Autos an 30 Standorten in Hannover, Braunschweig und Berlin beim Vorbeifahren. Ergebnis: 4,5 Prozent der Autofahrer waren durch das Herumhantieren mit dem Handy abgelenkt. Zu einer noch höheren Quote kommt der Automobilclub „Mobil in Deutschland“. Ende April dieses Jahres hat der Verein das Resultat einer Verkehrszählung mit 50.000 Fahrzeugen vorgestellt. Demnach daddelt jeder 16. Autofahrer (6,32 Prozent) am Steuer auf seinem Handy.

Vor einer roten Ampel verdoppelt sich der Anteil auf fast zwölf Prozent. Kein Wunder, dass die Hamburger Polizei bei ihren Großkontrollen – etwa 50 gibt es pro Jahr – regelmäßig Auto- und Radfahrer mit dem Handy am Steuer oder am Lenker aus dem Verkehr zieht. Und wer erwischt wird, muss zahlen: Autofahrer mindestens 100 Euro, Radfahrer 55 Euro.

Vor allem Autofahrer setzen sich und andere einem immensen Risiko aus, wenn sie mit dem Handy am Ohr telefonieren, statt etwa eine Freisprecheinrichtung zu nutzen. Das größte Risiko birgt das Tippen. So erhöht das Schreiben einer Textnachricht oder das Eintippen einer Telefonnummer das Unfallrisiko laut Studien um das Sechs- bis Zwölffache. Oder anders: Wer tippt, fährt mit dem Äquivalent von rund 1,1 Promille Alkohol im Blut. „Wer rund zwei Sekunden lang bei Tempo 50 auf sein Handy schaut, fährt 28 Meter, ohne auf den Verkehr zu achten. Die Überlebenschance eines in diesem Moment auf die Straße tretenden Fußgängers ist gering“, sagt der stellvertretende Leiter der Hamburger Verkehrsdirektion, Wolfgang Breust, dem Abendblatt.

Ohnehin sind Fußgänger die am stärksten gefährdete Gruppe im Straßenverkehr. Von den bisher zehn Verkehrstoten in diesem Jahr auf Hamburgs Straßen waren fünf Fußgänger – sie alle starben im Januar. Nach einer aktuellen Studie des Versicherers Allianz kamen 2017 auf eine Milliarde zurückgelegter Personenkilometer in Deutschland gut 14 Fußgänger, aber nur 2,4 Auto- und Motorradfahrer ums Leben. Ist ein Handy im Spiel, erhöht sich das Risiko noch einmal deutlich. Jeder zweite Fußgänger tippe oder fotografiere beim Gehen öfter.

Fast 70 Prozent telefonieren beim Laufen, 22 Prozent der Fußgänger und 19 Prozent der Radfahrer tragen zumindest ab und an Kopfhörer. „Die Nutzung elektronischer Geräte erhöht die Wahrscheinlichkeit für einen Fußgänger, einen Unfall zu erleiden“, warnt Allianz-Vorstand Jochen Haug. „Beim Musikhören steigt das Risiko um mehr als das Vierfache, beim Texten um das Doppelte.“ Hinzu kommt ein Trend: Hightech-Kopfhörer, ausgerüstet mit einem elek­tronischen System zur Geräuschunterdrückung, blenden die Umgebungsgeräusche zu einem Großteil aus. Eine Studie der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) hat zudem gezeigt, dass schon leise Musik die Aufmerksamkeit erheblich beeinträchtigen kann.

Zug wegen Kopfhörern nicht bemerkt

Rechtsmediziner Püschel berichtet in diesem Zusammenhang vom Unfall eines Rennradfahrers, der ein ihn überholendes Auto nicht wahrnahm – vermutlich war er durch Musikhören abgelenkt. Als er unvermutet nach links abbiegen wollte, erfasste ihn der schwere Wagen, und der Radler starb. Auch ein anderer junger Mann kam ums Leben, weil er die Gefahr nicht kommen sah.

„Der Sohn einer mir gut bekannten Polizeibeamtin war nachts nach einer Feier auf einem U-Bahnhof gestrandet. Die nächste Bahn sollte erst Stunden später fahren“, erinnert sich der Forensiker. „Der Schüler machte sich auf den Weg zu einer Bekannten und wählte dabei die Strecke entlang der Gleise. Er hatte Kopfhörer auf, und im Bereich einer Brücke ist er zwischen den Schienen weitergegangen. Einen sich von rückwärts nähernden Zug hat er nicht bemerkt.“

Tragische Geschichten wie diese kennt Püschel zuhauf. Da ist das Schicksal einer 17-Jährigen, die an einem Bahnsteig stand und ihrer Freundin mit dem Smartphone Nachrichten schrieb. So gebannt blickte sie auf das Gerät, dass sie ins Gleisbett vor eine nahende S-Bahn stolperte. Sie überlebte das Unglück – allerdings mussten beide Unterarme amputiert werden.

Querschnittsgelähmt nach Sturz

In einem weiteren Fall stürzte ein Mann beim Telefonieren vom Fahrrad. Als er ein Schlagloch übersah, verlor er die Kontrolle. Seither ist er querschnittsgelähmt. Lebensgefährliche Verletzungen trug auch ein Reiter davon: Er telefonierte, als sein Pferd ins Straucheln geriet. Dadurch stürzte er zu Boden und erlitt schwerste Hirnverletzungen.

Bodenampeln für Handynutzer

Püschel lobt Initiativen wie in Augsburg, wo rote LED-Leuchten im Boden entlang des Bordsteins eingebaut wurden. Die Wirksamkeit von Bodenampeln, wie sie in mehreren deutschen Städten getestet werden, ist allerdings umstritten. Rote Lichtsignale sollen Smombies warnen, wenn beim Starren nach unten Gefahr droht.

An zwei Kölner Haltestellen untersuchten Forscher die Rotläuferquote vor und nach Installation der Bodenampeln. Ergebnis: In beiden Fällen lag diese bei 80 Prozent – eine Wirksamkeit konnte demnach nicht nachgewiesen werden. Verkehrsforscher Michael Schreckenberg (Uni Duisburg-Essen) überrascht das Resultat nicht. Er halte blinkende Bodenlichter als Warnsignal für Handynutzer nur für bedingt tauglich. „Es blinkt ja ohnehin ständig auf den Handydisplays, da geht so ein Signal ,von außen‘ unter“, so Schreckenberg zum Abendblatt. „Wichtig ist, dass die Warnsignale direkt aufs Handy gespielt werden, durch optische Zeichen oder beispielsweise Vibrationen.“

Elektronische Warnsignale können ohnehin kein umsichtiges Verhalten im Straßenverkehr ersetzen. Im Wissen, dass der massenhafte Umgang mit dem Handy immer wieder zu gefährlichen Situationen führt, bleibt der Hamburger Polizei nur ein dringender Appell an die Einsicht aller. „Die Verantwortlichkeit der Verkehrssicherheit liegt nicht allein bei der Polizei, sondern bei jedem einzelnen Verkehrsteilnehmer“, sagt Breust. „Nur gemeinsam kann erfolgreich die Verkehrssicherheit garantiert werden.“