Hamburg

Der Feuerwehrmann, der am Telefon Leben rettet

Kristiaan Thiel in der Rettungsleitstelle der Feuerwehr in Hammberbrook. Hier geht es oft um Leben und Tod.

Kristiaan Thiel in der Rettungsleitstelle der Feuerwehr in Hammberbrook. Hier geht es oft um Leben und Tod.

Foto: Andreas Laible

Kristiaan Tiel nimmt in der Rettungsleitstelle Notrufe entgegen – und leitet dabei oft Anrufer an, Menschen zu reanimieren.

Hamburg. „Welcher Name steht an der Tür?“, „Ist sie ansprechbar?“, „Hat er Brustschmerzen?“, „Welche Etage?“, „Gibt es Vorerkrankungen?“, „Die Kollegen sind unterwegs“. Satzfetzen schwirren durch die Luft. Die überwiegend jungen Männer, die hier in blauer Uniform und Headsets vor ihren Computern sitzen, sehen aus, wie für eine Fernsehserie gecastet: sympathisch, kräftig, zuverlässig. Ihnen würde man ohne zu zögern sein Leben anvertrauen. Und darum geht es hier ja auch oft, in der Rettungsleitstelle der Feuerwehr in Hammerbrook. Um Leben und Tod.

Manchmal sind Minuten entscheidend. Deshalb fragen die sogenannten Call-Taker am Telefon kurz und knapp ab, wer von wo weshalb anruft, wie Adresse und der Name auf dem Klingelschild lautet und in welchem Zustand der Verunglückte ist. Sobald sie die wichtigsten Informationen haben, schicken sie den „Einsatzauftrag“ an ihre Kollegen im Nebenraum, die Dispatcher, die sie dann an die entsprechenden Wachen weiterleiten.

Rettungssanitäter sind in Hamburg nach durchschnittlich fünf Minuten am Einsatzort. In manchen Fällen ist es aber lebensnotwichtig, dass die Verunglückten schneller Hilfe bekommen. Etwa, wenn sie einen Herz-Kreislauf-Stillstand erlitten haben. Dann leiten die Call-Taker die Anrufer dabei an, bei den Betroffenen eine Herzdruckmassage vorzunehmen. „In jeder Minute ohne Herzdruckmassage sterben zehn Prozent des Gehirns ab“, sagt Kristiaan Tiel.

„Der einzige Fehler ist, gar nichts zu tun“

Der 29-jährige Brandmeister arbeitet seit 2012 bei der Hamburger Feuerwehr – zuerst auf den Wachen in Barmbek und am Berliner Tor, seit neun Monaten in der Rettungsleitstelle. „Eine Reanimation am Telefon kommt nicht täglich, aber doch sehr oft vor“, sagt er. Haben er und seine Kollegen von den Anrufern erfahren, dass weder Puls noch Atmung bei der leblosen Person feststellbar sind, fragen sie. ob sie sich eine von ihm angeleitete Herzdruckmassage zutrauen. „Die Reaktionen darauf sind ganz unterschiedlich. Viele trauen sich das erst nicht zu, weil ihr Erster-Hilfe-Kurs so lange zurückliegt oder sie zu aufgeregt sind, andere mögen die betroffene Person nicht anfassen.“

Dann hilft es oft, zu betonen, dass ihre Hilfe entscheidend für das Überleben der Person ist und dass sie nichts falsch machen können. „Der einzige Fehler ist, gar nichts zu tun“, sagt Tiel. Die meisten Anrufer willigen dann ein – stellen das Telefon auf Lautsprecher oder klemmen es sich ans Ohr. Zur Not können sie es auch an einer andere Person weitergeben. „Aber der unmittelbare Kontakt zu der ausführenden Person ist am besten“, so der Feuerwehrmann.

Lebensrettende Anweisungen vom Computer

Schritt für Schritt werden die Anrufer dann durch die Reanimationsmaßnahme geführt. Sie werden aufgefordert, sich seitlich neben den Brustkorb des Betroffenen zu knien, einen Handballen auf dem Brustkorb zu legen (mittig auf Höhe der Brustwarzen), die andere darüberzulegen und die Finger möglichst miteinander zu verschränken. Dann gilt es, den Brustkorb mit ausgestreckten Armen kräftig runterzudrücken, mindestens fünf Zentimeter tief und 100 mal in der Minute.

Den Rhythmus können die Call-Taker vorgeben: Auf ihren Bildschirmen blinkt ein Herz im richtigen Tempo mal rot, mal grün. Durch das schnelle und kräftige Herunterdrücken des Brustkorbs kann das Blut im Körper zirkulieren und das Gehirn mit dem darin vorhandenen Restsauerstoff versorgen.

Die Anweisungen, die sie geben, lesen Tiel und seine Kollegen vom Bildschirm ab. Sie klicken sich dabei durch ein Programm, das für alle Schritte und Situationen optimal und leicht verständliche Standardsätze parat hat – die die Call-Taker je nach dem mit individuellen Anmerkungen oder Zuspruch ergänzen.

Zum Beispiel, wenn sie die Anrufer motivieren, durchzuhalten, bis die Rettungssanitäter eintreffen. Denn das Ganze ist anstrengend. Bei der professionellen Herzdruckmassage lösen sich die Rettungskräfte alle zwei Minuten ab. Auch Verunsicherungen, weil bei den Betroffenen eine Rippe knackt oder sogar bricht, versuchen die Call-Taker auszuräumen. „Wir versichern den Anrufern, dass das nicht so schlimm ist angesichts der Lage“, so Thiel. „Toter als tot geht ja nicht.“

10.000 Menschenleben könnten gerettet werden

An seine erste Reanimation kann sich Thiel noch gut erinnern. Es war kurz nach seiner Ausbildung, er hatte gerade auf der Wache in Barmbek angefangen. „Wir wurden zu einem Kindergeburtstag gerufen, auf dem die Großmutter zusammengebrochen war.“ Die alte Dame wurde reanimiert, während drinnen die Kleinen feierten, überlebte den Herzstillstand aber wegen ihres Alters und diverser Vorerkrankungen nicht.

Viele andere konnte Thiel seitdem ins Leben zurückgeholt. Doch eine Garantie fürs Überleben ist eine Herzdruckmassage oder der Einsatz eine Defibrillators nicht. Auch nicht, wenn die Reanimation durch einen Profi ausgeführt wird.

Jährlich erleiden in Deutschland mehr als 50.000 Menschen einen Herz-Kreislauf-Stillstand. Ursachen sind Herzinfarkte oder Herzrhythmusstörungen, aber auch Schlaganfälle, Lungenerkrankungen oder Vergiftungen. Nur zehn Prozent der Betroffenen überleben solch einen Notfall. Dabei könnten es nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums 10.000 sein. Denn in etwa der Hälfte der Fälle seine Familienangehörige, Freunde, Passaten oder Arbeitskollegen in der Nähe. Doch nur in gut einem Drittel der Fälle ergreifen Laien Reanimationsmaßnahmen.

Abendblatt und Asklepios loben Preis aus

Um Menschen die Scheu davor zu nehmen, gründete das Bundesgesundheitsministerium 2016 die „Nationale Aktionsbündnis Wiederbelebung (NAWIB)“. Der Zusammenschluss von bislang 13 Fachgesellschaften, Verbänden und Hilfsorganisationen setzt sich für eine Verbreitung des Wissens über Laienreanimation ein. In diesem Kontext findet einmal im Jahr auch die „Woche der Wiederbelebung“ statt; dieses Jahr vom 16. bis 22. September. Die Asklepios Klinken und das Hamburger Abendblatt unterstützen das Bestreben und loben in diesem Jahr bereits zum fünften Mal den Asklepios Lebensretterpreis aus (siehe Kasten).

Kristiaan Thiel hat Verständnis für Menschen, die sich scheuen, Erste Hilfe bei Fremden zu leisten – erst recht Mund-zu-Mund-Beatmung. „Ich würde das auch nicht bei jedem tun und habe daher das hier dabei“, sagt er und zieht seinen Schlüsselbund aus der Tasche. An dem Ring hängt eine zusammengefaltete Beatmungsmaske, die man den Betroffenen über den Mund legen kann.

Vorschläge für den Asklepios Lebensretterpreis

Noch bis zum 30. August können Sie Kandidaten vorschlagen oder sich selbst für den Asklepios Lebensretterpreis bewerben – vorausgesetzt, Sie haben als Laie einen Menschen mit einer Herzdruckmassage oder einem Defibrillator ins Leben zurückgeholt. Das Bewerbungsformular liegt in der Abendblatt-Geschäftsstelle aus (Großer Burstah 18-32), Sie können es auch online unter abendblatt.de/lebensretter herunterladen. Das ausgefüllte Formular schicken Sie bitte per Post an das Hamburger Abendblatt, Marketing & Events – Lebensretter, Großer Burstah 18 - 32, 29456 Hamburg. Auch ein Versand per Mail an lebensretter@abenblatt.de ist möglich.

Aus den Vorschlägen wählt eine Jury fünf Kandidaten aus, die im Abendblatt vorgestellt werden. Dann bestimmen die Leser die drei Gewinner. Ihnen wird ein persönlicher Wunsch erfüllt. Die Preisverleihung findet im Rahmen der „Woche der Wiederbelebung“ am 19. September statt. Mitarbeiter von Asklepios und dem Hamburger Abendblatt können sich leider nicht selber bewerben, aber natürlich einen Kandidaten vorschlagen.