Hotel-Chef

Ein Mann, für den der Tag 25 Stunden hat

Christoph Hoffmann in der Bar des 25hours Hotels Altes Hafenamt.

Christoph Hoffmann in der Bar des 25hours Hotels Altes Hafenamt.

Foto: Marcelo Hernandez

Christoph Hoffmann, Chef und kreativer Kopf der Hamburger Hotelgruppe 25hours, macht alles etwas anders.

Hamburg. Dienstwagen? Nö. Der Chef kommt mit einem schwarzen E-Bike. Dunkler Anzug? Um Gottes willen! Diese Zeiten sind lange vorbei, heute trägt er lieber ein offenes Karohemd über dem T-Shirt und eine weiße Cargohose. Ein eigenes Büro? Hat er nicht. Dafür ist er trotz Flugangst viel zu oft unterwegs.Christoph Hoffmann, Chef und Miteigentümer der Hamburger Hotelgruppe 25hours, ist ein sehr beschäftigter Mann. Aber einer, der sich in seinem Beruf klassischen Konventionen nicht mehr unterordnen will. Muss er auch nicht. Als Mastermind verkörpert er mit seinem Lifestyle nämlich genau das, was den Erfolg der Firmenphilosophie ausmacht: Lässigkeit, Toleranz und eine große Portion Nonkonformismus.

In Hamburg gehören drei Hotels zur Gruppe: das Number One in Bahrenfeld, das 25hours in der HafenCity und das Alte Hafenamt, in dem auch das Restaurant Neni untergebracht ist. Wir sind allerdings nicht an einem dieser Orte verabredet, sondern in einem vierten Gebäude, das nur wenige kennen oder mit der Hotelgruppe in Verbindung bringen: Das denkmalgeschützte Alte Zollhaus, errichtet 1911, steht einen Steinwurf von der Ericusspitze entfernt, wo der „Spiegel“ seinen Sitz hat.

Zum Runterkommen geht er zur Konkurrenz

Das Erdgeschoss des Zollhauses, von Hoffmanns Team für Meetings genutzt, hat mit klassischen Büroräumen wenig gemein. Vielmehr wirkt es wie ein kleines Museum, das an „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein erinnert. Man findet Originalmöbel des Journalisten genauso wie Bilder und alte Briefwechsel, die gerahmt an der Wand hängen.

„Beeindruckend, oder?“, fragt Hoffmann und bietet als guter Gastgeber persönlich Kaffee und Wasser an. „Wir hätten uns natürlich in einem der Hotels treffen können, aber hier bin ich auch ganz gerne.“ Vielleicht ja deshalb, weil er sich dann auf sein Gegenüber konzen­trieren kann und nicht mit einem Auge schauen muss, ob eine Kleinigkeit im täglichen Betrieb mal wieder anders läuft, als er sich das vorgestellt hat. Gehe er durch eines seiner Häuser, könne er manchmal „irre“ werden, hat er mal verraten, deshalb steige er zum Runterkommen öfter bei der Konkurrenz ab.

Ausprobieren, was andere machen, gehört für Hotelmanager zum Job. Aber eigentlich ist sein kreativer Lockenkopf schon voll genug an Ideen – was man an den inzwischen 13 Hotels der Gruppe sieht, die alle unterschiedlich konzipiert und eingerichtet sind. „Für Leute, die Ketten wie Motel One erfunden haben, ist die Planung sicher einfacher“, sagt Hoffmann. Doch ein leicht skalierbares Konzept mit fast identischen Bauten passe nicht zu ihm, selbst jetzt, wo mit dem Accor-Konzern ein neuer Gesellschafter an Bord ist und beim Wachstum aufs Gas drückt. 50 bis 70 Hotels sollen unter dem 25hours-Logo weltweit entstehen. Ein äußerst ambitionierter Plan.

Facettenreiche Hotel-Karriere

Dass ein Unternehmen wie Accor, mit knapp sechs Milliarden Euro Jahresumsatz einer der Branchenriesen, überhaupt Gefallen an Hoffmanns Hotelgruppe gefunden hat, zeigt, dass er und seine Mitstreiter auf das richtige Pferd gesetzt haben, als sie mit dem Projekt 25hours an den Start gingen. Damals gab es zwar schon ein erstes Haus unter diesem Namen, doch gehörte das 2003 eröffnete und gegenüber dem Gastwerk gelegene Hotel in Bahrenfeld zum Portfolio von Kai Hollmann, einem Enkel des Verlegers Heinrich Bauer. Hollmann hatte in jungen Jahren als Direktor das Hotel Hafen Hamburg geführt, bevor er selbst als Investor tätig wurde und eine Reihe eigener Hotels an den Start brachte, darunter dieses für eine junge und digitalaffine Zielgruppe.

Als Hollmann und Hoffmann 2005 Geschäftspartner wurden, konnte auch der heutige 25hours-Chef bereits auf eine facettenreiche Hotel-Karriere zurückblicken. Aufgewachsen in Reutlingen, wo er als Schüler nebenbei einen Weinladen geführt hat, entfloh Hoffmann mit Anfang 20 der schwäbischen Provinz. Zwar durfte er in seiner Kindheit auf Reisen mit den Eltern bereits einige sehr schöne Grandhotels kennenlernen, echte Weltläufigkeit und Urbanität hatte er aber noch nicht aufgesogen.

Ausbildung zum Reiseverkehrskaufmann

Nach dem Abitur, einem frustrierenden Semester BWL und einer abgeschlossenen Ausbildung zum Reiseverkehrskaufmann bewarb sich Hoffmann deshalb bei einer zu Hapag-Lloyd gehörenden Incentive-Agentur in New York und war in die Stadt am East River „sofort schockverliebt“, wie er sagt. Drei Jahre blieb er dort und mochte diesen Ort, weil der – damals jedenfalls – für Toleranz, Crazyness, ein Denken ohne Limits und die Idee vom Melting Pot, in dem Menschen aus aller Welt neu zusammenfinden, stand. Zudem lernte er viel über die Bedürfnisse von Hotelgästen, die seine Agentur in den besten Häusern der Metropole unterbrachte.

Nach seiner Rückkehr aus den USA, einem Hotelmanagement-Studium in der Schweiz und einem einjährigen Praktikum im American Colony Hotel in Ost-Jerusalem landete Hoffmann schließlich im Hamburger Hotel Atlantic. Das Traditionshaus an der Außenalster hatte ihn schon fasziniert, als er 14 Jahre alt gewesen war. Damals las er das Buch „Gepäckschein 666“ von Alfred Weidenmann und sah sich im Traum selbst in der Rolle des jungen Pagen Peter, der einen Koffer aus Amerika vom Bahnhof abholen soll, woraus sich aufgrund einer Verwechslung eine spannende Kriminalgeschichte entwickelt. Unvergessen blieb für Hoffmann das Coverbild mit den beiden Karyatiden, die den Globus tragen: Für ihn bis heute „eines der schönsten Hotel-Logos der Welt“.

Im Hotel Atlantic lernte er seine Frau kennen

Im Atlantic lernte Hoffmann nicht nur beruflich einiges dazu, sondern auch seine Frau Petra kennen. Mit ihr und der gemeinsamen Tochter Paulina, inzwischen selbst erwachsen, machte er Winterhude zur Heimatbasis seines Privatlebens. Und wechselte beruflich ins Louis C. Jacob, wo er Stellvertreter des legendären und immer erstklassig gekleideten Jost Deitmar wurde. „Von ihm habe ich wahnsinnig profitiert. Wir sehen uns hin und wieder immer noch, diese Woche gehen wir zusammen rund um Schloss Elmau wandern“, sagt Hoffmann und lässt große Vorfreude spüren.

Doch so schön das kleine Nobelhotel an der Elbe auch ist, Hoffmann konnte sich nach sechs Jahren dort nicht mehr so entfalten, wie er das gerne getan hätte. Auch die strenge Kleiderordnung war ihm irgendwann zuwider. „Selbst den Cord-Anzug, den ich mal anziehen wollte, hat Jost strikt abgelehnt.“ Als er dann im Jacob „irgendwie durch war“ und ein Folgeprojekt in Frankfurt nicht lief wie geplant, hatten „Petra und ich zuerst den Traum, in Südfrankreich ein kleines Boutiquehotel zu eröffnen und sogar ein schönes Châ­teau gefunden.

„Es war genau die richtige Kombi“

Doch als mein Bekannter Stephan Gerhard eine Wirtschaftlichkeitsberechnung für das 14-Zimmer-Haus gemacht hat, war schnell klar, dass sich das nicht lohnt.“ Stattdessen folgte ein kurzer Job bei der Fitnesskette Aspria und dann ein Projekt für den Autohersteller VW, der für die Präsentation des neuen Modells Fox in Kopenhagen ein trendiges Pop-up-Hotel gleichen Namens haben wollte.

„Eigentlich eine verrückte Idee von VW, so etwas umzusetzen. Doch es hat sich wohl für die irgendwie gerechnet. Als es dann losgehen sollte, durften wir in Firmenjets Hotelfachschüler einfliegen, mit denen wir zuerst eine Art Contest veranstaltet haben. In der Jury, die ich dafür eingeladen hatte, saßen neben einigen anderen Bekannten auch Kai Hollmann, Stephan Gerhard und Ardi Goldman, den ich aus Frankfurt kannte.“ Und dann, eines weinseligen Abends im Jahr 2005, wurde die Idee geboren, aus dem 25hours eine neue Hotelgruppe zu machen, mit Christoph Hoffmann als Geschäftsführer sowie Kai Hollmann, Stephan Gerhard und dem Immobilienentwickler Ardi Goldman als weitere Gesellschafter. „Es war genau die richtige Kombi“, sagt Hoffmann, „denn verglichen mit den anderen war ich unternehmerisch ein Greenhorn.“

Stück für Stück folgten weitere Projekte

Goldman, nach dem das erste neue Hotel der Gruppe – in Frankfurt – benannt wurde, gehört inzwischen nicht mehr zum Gesellschafterkreis. Er hatte bei einem seiner eigenen Investments offenbar unlauter nachgeholfen, was ihm eine Verurteilung wegen Bestechung und eine Haftstraße von zwei Jahren und acht Monaten einbrachte. Ein Freund ist er für Hoffmann dennoch geblieben.

Stück für Stück folgten auf Frankfurt weitere Projekte. Jedes der Hotels wirkt wie ein Unikat, hat eine besondere Idee, ein skurriles Motto, eine charmante Spinnerei. In Düsseldorf und Wien ließ es sich Hoffmann nicht nehmen, Badewannen auf die Balkone zu stellen, in Paris wird den Street-Art-Künstlern des 10. Arrondissements gehuldigt, in Köln hat das Kreativteam Aisslinger die alte Schalterhalle der Gerling-Versicherung in ein Café mit Co-Working-Space verwandelt, in Berlin nimmt die Monkey Bar den nahen Zoo als Thema auf, in Zürich geht es um die Kontraste aus Banken- und Rotlichtviertel, in Hamburg um Hafen, Container und Schifffahrt.

Nabati-Poesie arabischer Beduinen

Das Haus, das 2020 in Florenz öffnen soll, möchte Hoffmann um eine lebendige Piazza erweitern, innen versucht Designerin Paola Navone, Dante Alighieris „Göttliche Komödie“ zum Leben zu erwecken. Und selbst für das zurzeit wohl komplexeste Projekt – das Haus in Dubai, das im nächsten Jahr aufmachen soll – gibt es einen roten Faden: die Nabati-Poesie arabischer Beduinen.

Am vergangenen Montag hat der Accor-Konzern die Option gezogen, seinen Anteil von 30 auf 50 Prozent zu erhöhen. Im Jahr 2023 können die Franzosen dann auch den Rest der 25hours Hotel GmbH, die inzwischen rund 110 Millionen Euro umsetzt und mehr als 1000 Beschäftigte zählt, übernehmen. Für Christoph Hoffmann, der kürzlich 54 Jahre alt geworden ist, wäre es dann womöglich an der Zeit, sich über Neues Gedanken zu machen.

Erste Projekte jenseits der 25hours-Welt gibt es bereits, zum Beispiel das Bikini-Hotel auf Mallorca. Nicht überraschend: Auch dabei arbeitet er wieder mit einigen seiner alten Mitstreiter zusammen.

Nächste Woche: Reinhold von Eben-Worlée, Chef des Verbandes Die Familienunternehmer