Hamburg

Zu Besuch auf Deutschlands interessantester Baustelle

Das fünfte von sechs Brückenelementen wartet auf einer speziellen Hydraulikvorrichtung auf seine Einpassung. Links im Bild ist das sechste und letzte Brückenteil zu sehen.

Das fünfte von sechs Brückenelementen wartet auf einer speziellen Hydraulikvorrichtung auf seine Einpassung. Links im Bild ist das sechste und letzte Brückenteil zu sehen.

Foto: Georg Wendt/dpa

Am Lessingtunnel in Altona wurde das fünfte von sechs Elementen eingebaut. Jedes wiegt 500 Tonnen. Wann die S-Bahn wieder fährt.

Hamburg. Wir stehen auf Schotter – dort, wo sonst die Züge von vier S-Bahn-Linien rollen. Doch Gleise und Weichen wurden abgebaut. Unter uns liegt der halb offene Lessingtunnel. Seit Mai erneuert die Deutsche Bahn sein Dach – die Überführung über die Julius-Leber-Straße. Von den sechs Brückenelementen, die ihn bald wieder überspannen, wurden bereits vier eingesetzt – in nur 30 Stunden, was für alle Beteiligten Höchstleistung bedeutet. Gleich soll das fünfte folgen.

Noch lagert es auf einem Transportfahrzeug, das wegen seiner vielen, einzeln beweglichen Räder „Tausendfüßler“ genannt wird. Auf seinem Rücken trägt es eine Hydraulikvorrichtung, die das 27 Meter lange und 500 Tonnen schwere Brückenteil an seinen Platz hieven wird. Die Bauarbeiter, die den Prozess begleiten werden, machen noch Mittagspause. Sie haben im Schatten Schutz vor der stechenden Sonne gesucht. Peter Wifling, Projektleiter der Deutschen Bahn, nutzt die Zeit, um etwas über die Besonderheiten der Arbeiten zu erzählen.

„Das hier dürfte momentan Deutschlands interessanteste Baustelle sein“, sagt der Stahlbauingenieur. „Ein junger Kollege könnte hier viel über Verschubtechnik, die besonderen Brückenlager, Betontechnologie und Arbeiten auf beengtem Raum lernen.“ Angesichts der großen Bau- und Transportfahrzeuge ist klar, dass die Barnerstraße und die schiefwinklige Einmündung in den Lessingtunnel für die Fahrer eine Herausforderung sein müssen. Zumal die Baustelleneinrichtung in der Paul-Ehrlich-Straße liegt, drei Kilometer entfernt.

Behringstraße voll gesperrt

Dort wurden auch die Brückenelemente gebaut. Sie durften nur nachts und am Wochenende angeliefert werden, weil dafür die Behringstraße voll gesperrt werden musste. Während Nummer sechs noch auf einem Tausendfüßler in der Barnerstraße liegt, wurde Nummer fünf schon in Position gebracht. Seiner Länge wegen liegt das lange, schmale Teil leicht gebogen auf den beiden Hydraulikmodulen­. Dass es sowohl diese „Zwei-Punkt-Lagerung“ übersteht und auch später nicht bricht, wenn es auf den Lagern liegt, sei alles genauestens berechnet worden, erläutert Wifling.

Weil sich immer noch kein Arbeiter blicken lässt, erzählt er noch von den Panzersperren. Die habe man beim Abbruch der Überführung, die 1904 gebaut und in den 50er- und 70er-Jahren erweitert wurde, im Untergrund gefunden. „Sie sollten am Ende des Zweiten Weltkriegs verhindern, dass die Russen nach Altona kommen“, sagt er. Weil sie so massiv waren, habe man ihre Überreste aber nicht entfernen können.

Arbeiter wie Orchestermusiker

Jetzt ist die Mittagspause vorbei, und etwa 20 Mann verteilen sich über die Baustelle: Mitarbeiter der Hamburger Baufirma HC Hagebau und der auf Hubtechnik spezialisierten Firma Wagenborg aus Holland. Manche erklimmen die Kopfbalken, auf denen die Brückenelemente liegen, andere setzen den Tausendfüßler in Gang oder bedienen die Hydraulik, wieder andere passen auf, dass bei dem Transport bereits fertige Brückenteile nicht beschädigt werden. Dabei verständigen sie sich über Funkgeräte. Wifling vergleicht sie mit Orchestermusikern. „Jeder kennt seinen Part, man kann sie beruhigt spielen lassen.“

Langsam setzt sich der Tausendfüßler in Bewegung. Millimeterweise nähert sich das Brückenteil, das er huckepack trägt, seinem Bestimmungsort. „Alles, was schwer ist, darf nur ganz langsam eingepasst werden“, sagt Wifling. Da stoppt das Ganze schon wieder: Auf der gegenüberliegenden Seite müssen Bewehrungseisen, die an einer Stelle senkrecht aus dem Beton ragen, zur Seite gebogen werden. Als das Brückenelement darüber hinweg geschwebt ist, folgt die nächste Pause: Die Hydraulikmodule werden abgesenkt, um Nummer fünf auf die Höhe der schon montierten Brückenteile zu bringen.

Bahn bezahlt Anwohnern Hotel während der Arbeiten

Ebenso wie diese wird auch dieses Überbauelement erst einmal auf den blauen Pressen abgesetzt werden, die neben den bereits auf den Kopfbalken montierten Lagern stehen. „Die Lager müssen erst noch tragfähig gemacht werden“, erklärt Wifling. Ist das erledigt, werden die Fugen zwischen den Brückenteilen mit Gussbeton verschlossen und – nachdem dieser vollständig getrocknet ist – mit einer wasserdichten Bitumenschicht abgedeckt. Um die Arbeiten vor Ort möglichst zügig durchführen zu können, wurde an der Paul-Ehrlich-Straße schon vorgearbeitet: Auf den Brückenelementen ist die Schicht, bis auf einen Streifen am Rand, bereits aufgebracht.

Während das Einpassen relativ leise vor sich geht, sind andere Arbeiten deutlich lauter. Seit dem 21. Juni wird rund um die Uhr gearbeitet. Die Bahn hat den Anwohnern daher angeboten, ihnen einen Hotelaufenthalt zu zahlen. Etwa 20 Personen hätten das angenommen, sagt Wifling. Dann deutet er auf einen großen, weißen Altbau. „Die alten Damen aus diesem Stift haben jedoch abgelehnt. Sie finden es interessant, uns zuzugucken.“

S-Bahn soll am 8. August wieder fahren

Vom 2. August an soll der sogenannte Oberbau mit dem Verschließen der Fugen und dem anschließenden Auftragen von Schotter, Schwellen und Schienen beginnen. Am 8. August soll dann die S-Bahn wieder fahren. Der 110 Meter lange Lessingtunnel bleibt allerdings noch gesperrt: bis zum 1. Oktober für Fußgänger und Radfahrer, bis Ende November für den Autoverkehr.

Die jetzt erneuerte S-Bahn-Überführung ist nur ein Teil des Lessingtunnels. Auf dem anderen liegen die Bahnsteige und Gleise der Fernbahn. Da nur zwei Kilometer entfernt ein neuer Fernbahnhof entstehen soll, wird er allerdings nur instand gesetzt, nicht erneuert.