Verkehr

E-Scooter boomen in Hamburg – auf dem Rücken der "Juicer"

Elektroroller der Hamburger Firma Walberg Urban Electrics in der Speicherstadt. Rechts Firmenchef Florian Walberg.

Elektroroller der Hamburger Firma Walberg Urban Electrics in der Speicherstadt. Rechts Firmenchef Florian Walberg.

Foto: Roland Magunia

2150 Leih-Scooter gibt es schon auf Hamburger Straßen. Doch das Geld wird oft auf Kosten von schlecht bezahlten Freiberuflern gemacht.

Hamburg. Die Zahl der Leih-Scooter in Hamburg wächst rasant. „Mittlerweile sind es 2150“, sagt Christian Füldner, Sprecher der Verkehrsbehörde. Seit Freitag ist auch ein neuer Anbieter dabei: das schwedische Unternehmen Voi hat 500 Roller aufgestellt – nicht nur in Berne und Poppenbüttel, wie zunächst angekündigt, sondern im ganzen Stadtgebiet. Laut einer Datenanalyse der Firma Civity liegt Hamburg derzeit auf Platz drei in Deutschland. Nur in Berlin und Köln gibt es mehr Leihroller.

Der schnelle Anstieg der Gefährte von 500 in der vergangenen Woche auf nun schon 2150 zeigt, dass die Unternehmen mit großer Energie auf den Markt drängen. In Hamburg sind bislang vier Firmen aktiv: Lime, Tier, Voi und Circ. Zwei weitere Anbieter stehen nach Informationen der Verkehrsbehörde in den Startlöchern: der US-Riese Bird und das Hamburger Start-up Floatility.

Weniger Roller in Parkverbotszonen

Unterdessen scheinen die Regeln, denen sich die Anbieter in Hamburg freiwillig unterworfen haben, etwas besser befolgt zu werden. Bei einem Rundgang durch die Innenstadt fanden Abendblatt-Mitarbeiter nur wenige Roller, die dort parkten, wo sie es eigentlich nicht dürfen. Die Verkehrsbehörde hat Parkverbotszonen ausgewiesen, in denen weder das Ausleihen noch das Zurückgeben erlaubt sind.

Da die Fahrzeuge über einen Ortungssender verfügen, lässt sich die Handy-App der Verleiher entsprechend programmieren. Eine solche Programmierung fehlte offenbar in der vergangenen Woche noch. „Die Situation hat sich gebessert“, sagt Behördensprecher Füldner nun.

Viele fahren auf den Fußwegen

Bei der Fahrweise gibt es aber offenbar Schulungsbedarf. Noch scheint sich nicht ganz herumgesprochen zu haben, was der Scooter-Pilot darf und was nicht. Eine am Dienstag durchgeführte Polizeikontrolle auf der Mönckebergstraße, die eigentlich dem Autoverkehr galt, entwickelte sich deshalb ganz anders als geplant. Der Kraftfahrzeugverkehr hielt sich in Grenzen und an die Grenzen.

Aber viele Rollerfahrer waren auf den breiten Bürgersteigen unterwegs. Das ist verboten, denn sie müssen den Radweg oder – wenn der fehlt – die Straße benutzen. Eine Familie hatte ihre Kinder zudem jeweils zwischen Lenker und Elternteil platziert, war also mit zwei Personen pro Scooter unterwegs. Auch das ist nicht erlaubt. Die Polizisten sahen davon ab, Bußgelder zu verteilen, sondern beließen es bei Aufklärungsgesprächen.

Erste E-Scooter-Kontrollen

Bei einer weiteren E-Scooter-Kon­trolle am Freitag war das dann anders. Buß- und Verwarngelder wurden fällig. Beamte der Fahrradstaffel stellten 15 Verstöße fest. Zweimal fehlte das Versicherungskennzeichen (wird als Straftat geahndet), dreimal wurde das Rotlicht missachtet, in sieben Fällen wurde der Gehweg befahren, drei Roller waren auf der falschen Radwegseite unterwegs.

Bei 2150 Rollern dürften mittlerweile viele Hamburger mit dem Einsammeln und Aufladen der Geräte Geld verdienen. Wie viele es sind und was ihnen dafür bezahlt wird, bleibt indes unklar. Tier, größter Anbieter in Hamburg, mag diese Fragen nicht beantworten. Firmensprecher Nils Langhans sagt lediglich: „Unser Ansatz bei der Einsammlung und Aufladung unserer Scooter unterscheidet sich grundlegend vom Modell anderer Anbieter. Wir setzen nicht auf das sogenannte Juicer-Modell, sondern sammeln mit unseren lokalen Logistikpartnern (keine Juicer) unsere Scooter jeden Abend ein, um sie an zentraler Stelle aufzuladen und zu warten. So stellen wir eine möglichst lange Lebensdauer der Scooter sicher, die schon heute bei circa sieben Monaten liegt und in Zukunft auf bis zu zwölf Monate ausgebaut werden soll.“

Kritik am Finanzmodell der Verleihfirmen

Im Klartext: Derzeit sind die Roller im Schnitt nach sieben Monaten kaputt und müssen durch neue ersetzt werden. Die meisten Verleihdienste lassen ihre Roller in China fertigen. Als „Juicer“ werden in der Leihroller-Welt diejenigen bezeichnet, die Scooter einsammeln, an der heimischen Steckdose aufladen und dann wieder im Stadtgebiet aufstellen. Lime geht so vor.

Wo sich Tiers „zentrale Stelle“ befindet, ist nicht zu erfahren. Auf Nachfrage erklärt Langhans: „Die Einsammlung der Roller erfolgt über unsere lokalen Logistikpartner. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir keine Angaben zur Anzahl der eingesetzten Mitarbeiter unserer Logistikpartner machen können und die zentrale Sammelstelle nicht öffentlich machen.“

Geld auf dem Rücken der Juicer verdient

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) kritisiert das Finanzmodell der Scooter-Anbieter. „Leider wird das Geld auf dem Rücken der sogenannten Juicer verdient“, sagt Hamburgs DGB-Chefin Katja Karger. „Das sind Freiberufler, die das Aufladen in Eigenregie managen und auch noch den Strom bezahlen. Ein Knochenjob. Pro E-Scooter erhalten sie maximal 5 Euro.“ Was mit dem StadtRad klug durchdacht, organisiert und wirtschaftlich angefangen habe, werde nun durch Wildwest-Methoden untergraben. Karger weiter: „Das zeigt auch, dass grüne, vermeintlich ökologische Geschäftsmodelle viel zu häufig sozialen Kriterien zuwiderlaufen und nichts anderes sind als der Versuch, schnelles Geld zu machen.“