Hamburg

Die E-Tretroller sind da – auch in den Parkverbotszonen

Das Abendblatt testet E-Scooter in Hamburg

In der Hamburger Innenstadt sind die Elektro-Tretroller nicht mehr zu übersehen. Drei Verleihfirmen haben ihre Kleinfahrzeuge in Hamburg aufgestellt. Wir haben eine davon getestet.

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Verleihfirmen stellten rund 500 Scooter in Hamburg auf. Die Regeln der Verkehrsbehörde werden dabei teilweise missachtet.

Hamburg.  Erst waren es nur wenige, dann wurden es immer mehr: In der Innenstadt sind die Elektro-Tretroller nicht mehr zu übersehen. Drei Verleihfirmen haben ihre Kleinfahrzeuge in Hamburg aufgestellt. Erster Eindruck: Die Kunden scheren sich wenig um die Empfehlung, nur mit Helm zu fahren. Und die Verleiher scheren sich offenbar wenig um eine von der Verkehrsbehörde initiierte Vereinbarung.

Demnach sollen die Roller in bestimmten Gegenden nicht abgestellt werden dürfen (siehe Karte). Zu den Verbotszonen gehört zum Beispiel der Rathausmarkt. Doch genau dort standen am Dienstagvormittag sechs Roller der Verleihfirma Tier Mobility. Ordentlich aufgereiht. Auch in der Mönckebergstraße wurden sie schon gesichtet, ebenso im Park an der Außenalster. Alles verboten.

Tier, Lime und Circ ­ – so heißen die Verleihfirmen – haben nach Informationen der Behörden derzeit insgesamt 500 Roller in Hamburg im Einsatz. Vermutet wird, dass in den kommenden Monaten noch weitere Verleiher dazukommen. Wie sich das aufs Stadtbild auswirkt, bleibt abzuwarten. Die Roller sind unkompliziert auszuleihen. Besonders bei hohen Temperaturen haben sie natürlich gegenüber Fahrrädern einen wichtigen Vorteil. Körperliche Anstrengung ist nicht vonnöten. Rollerfahren ist gerade nicht schweißtreibend, sondern kühlend.

Helmpflicht gibt es bei E-Rollern nicht

Die Grundregeln sind zudem ziemlich einfach. Rollerfahrer müssen die Radwege benutzen, auf Gehwege dürfen sie nicht. Wenn ein Radweg nicht existiert, darf auf die Straße ausgewichen werden. Eine Helmpflicht gibt es nicht. Zwar empfehlen die Verleihfirmen, einen Helm aufzusetzen. Aber wenn der gerade nicht zur Hand ist, dann geht es rechtlich auch ohne.

Auch sonst haben die Verleihfirmen viele Freiheiten - das trägt wohl dazu bei, dass bei den E-Tretrollern viele das große Geschäft wittern. Zwar haben sich die drei bisherigen Anbieter freiwillig ein paar Regeln unterworfen, die ihnen die Hamburger Verkehrsbehörde abverlangt hat. Mit der Einhaltung scheint es aber zu hapern – siehe etwa Rathausmarkt. Susanne Meinecke, Sprecherin der Verkehrsbehörde, spricht von „Kinderkrankheiten“. Bei der Integration der Verbotszonen in die Systeme der Verleiher habe es Probleme gegeben, sagt sie. Die seien bald beseitigt. „Die Roller kommen wieder weg vom Rathausmarkt“, so Meinecke.

In der Politik ist die Startphase des neuen Fortbewegungsmittels auf ein unterschiedliches Echo gestoßen. Carsten Ovens, Sprecher für Digitalwissenschaft der CDU-Bürgerschaftsfraktion, sagt: „Es ist nicht sinnvoll, die halbe Innenstadt zu Parkverbotszonen zu erklären. So werden die Anbieter gegängelt.“ Sinnvoller sei es, Nutzer virtuell zu belohnen, wenn sie die Roller an bestimmten Stellen abstellten, etwa durch eine kleine Preisgutschrift.

Bei den Linken geht es in die genau entgegengesetzte Richtung. „Die ersten Tage bestärken leider die schlimmen Befürchtungen: E-Roller, die im Weg stehen und auch dort abgestellt werden, wo es nicht erlaubt ist“, sagt Heike Sudmann, die verkehrspolitische Sprecherin der Bürgerschaftsfraktion. „Wenn der Hamburger Senat verhindern will, dass sich diese vermeintlichen Kinderkrankheiten nicht weiter auswachsen, muss er von Anfang an klare Kante zeigen. Bußgelder oder Einkassieren der Fahrzeuge auf Rechnung der Verleihfirmen gehören dazu.“

Sie frage sich ohnehin, weshalb die Fahrzeuge von gewerblichen Vermietern einfach so auf Gehwegen und Plätzen im öffentlichen Raum abgestellt werden dürften. Jedes kleines Ladengeschäft in Hamburg müsse für Werbeaufsteller eine Sondernutzung beantragen und Gebühren zahlen.

Roller werden kostenpflichtig entfernt

Die SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Dorothee Martin hofft auf Besserung. „Es ist unser Ziel, dass ausgeliehene Elektro-Tretroller nicht achtlos liegen gelassen und beim Fahren, Entleihen und auch beim Abstellen sinnvoll in den Straßenraum integriert werden“, sagt sie. „Wenn die Unternehmen ihrer Selbstverpflichtung zur Einhaltung von Parkverbotszonen nicht nachkommen können, wird das zuständige Bezirksamt die Roller kostenpflichtig entfernen lassen.“ Wie bei jedem neuen Verkehrsmittel werde es auch in Hamburg Erfahrungswerte geben, mit denen sich die jetzt etablierten Maßnahmen weiter verbessern ließen.

Und was sagen die Verleihfirmen dazu? Nicht viel. Die Pressesprecher sind nur per Mail zu erreichen – wenn überhaupt. Der Tier-Sprecher reagiert mit einer Standardantwort, aus der hervorgeht, dass er bis zum 7. Juli im Urlaub sei. Seine Kollegen vom Presseteam würden sich aber „über Anfragen freuen“. Zu schicken sind sie an eine andere Mail­adresse. Möglicherweise hat sich das Presseteam tatsächlich über die Mail gefreut – beantwortet hat sie sie bis zum Abend nicht.

Exakte Zahl der Fahrzeuge unbekannt

Lime muss ebenfalls per Mail kontaktiert werden. Telefone gibt es bei den großen Verleihfirmen offenbar nicht mehr. Die Antworten sind schwammig. Genaue Zahlen fehlen völlig. Lime sei „mit mehreren Hundert E-Scootern in Hamburg gestartet“, antwortet Senior Consultant Oliver Seifried aus Zürich. Wie viele Mitarbeiter laden die Flotte auf? „Das Laden und Aufstellen der Elektroroller erfolgt über ein dezentrales Netzwerk von Juicern. Dieses Netzwerk wächst mit der Größe der betrieblichen E-Scooter-Flotte. Eine genaue Zahl können wir zu diesem Zeitpunkt nicht nennen“, sagt Oliver Seifried weiter.

Was bei Lime die „Juicer“ sind, sind bei Tier Mobility die „Ranger“ – Freiberufler, die die Roller nachts einsammeln, an der heimischen Steckdose aufladen und wieder aufstellen. Bei Tier Mobility führt das dazu, dass die Scooter nur in der Zeit von 7 bis 22 Uhr verfügbar sind. Auch das Geschäftsgebiet ist noch beschränkt. Lime und Tier Mobility funktionieren in der Innenstadt, HafenCity, St. Georg, Barmbek, Winterhude, Harvestehude, Eppendorf, Eimsbüttel, in Teilen Altonas, Ottensen und St. Pauli.

In der jungen Branche der Rollerverleiher steckt viel Wagniskapital. Am Berliner Start-up Tier Mobility ist auch der Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg beteiligt. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben insgesamt rund 32 Millionen Euro Investorenkapital erhalten. Tier Mobility ist neben Hamburg zeitgleich auch in Berlin, München, Frankfurt, Köln, Bonn, Düsseldorf und Münster eingestiegen. Auf der Internetseite des Unternehmens werden derzeit „City Manager“ für zahlreiche weitere deutsche Städte gesucht, unter anderem für Leipzig, Hannover und Essen. Eine Stadt nach der anderen soll mit Elektro-Tretrollern bestückt werden. Gründerfieber nennt man das wohl – da geht es erst einmal ums Loslegen. Das Rollergeschäft nimmt gerade mächtig Fahrt auf.

Chef der Instandhaltungwird noch gesucht

Bleibt die Frage, ob es den Betreibern gelingt, genug Personal zu den gewünschten Konditionen zu finden. In Hamburg wird zum Beispiel gerade ein „Maintenance and Repair Manager“ für Tier gesucht – also jemand, der die Instandhaltung und Reparatur der Roller organisiert. Tatsächlich wirken manche Tier-Roller schon nach wenigen Tagen ramponiert ...

So funktionieren die neuen Elektro-Tretroller

Nach diesen Schritten kann man losrollern: Nutzer laden mit dem Handy Apps wie Tier oder Lime über den jeweiligen Apple- oder Play-store herunter. Bei Tier müssen zunächst  Vor- und Nachnamen sowie Mobilfunknummer eingegeben werden, um einen Code zu erhalten, mit dem die App freigeschaltet werden kann. Zusätzlich muss der Nutzer zustimmen, dass der Standort ermittelt werden darf. Nur so kann die App nachvollziehen, wo sich in der Nähe verfügbare Roller befinden. Jetzt fehlt nur noch die Kreditkartennummer als Zahlungsmittel – schon kann es losgehen.

Es öffnet sich eine interaktive Karte, die alle zur Verfügung stehenden E-Roller anzeigt. Nutzer wählen einen aus und drücken im Handy auf den Button „Fahrt beginnen“. Sowohl bei dem Anbieter Tier als auch bei Lime kostet das Entsperren 1 Euro. Während bei Tier jede angebrochene Fahrtminute 15 Cent kostet, liegt der Preis bei Lime bei 20 Cent.

Der Akkuladezustand des Tier-Rollers wird auf einem Display auf der Lenkerstange angezeigt, ebenso wie die Fahrtgeschwindigkeit. Das Tempo von bis zu 20 km/h regelt man am rechten Griff des Lenkers. Das Fahren gestaltet sich unkompliziert. Man steht wie bei einem normalen Tretroller auch mit beiden Füßen auf der Platte zwischen den Rädern – ohne jedoch Schwung zu holen. Die Roller beider Anbieter können in der Innenstadt, HafenCity, St. Georg, Barmbek, Winterhude, Harvestehude, Eppendorf, Eimsbüttel, Teilen Altonas, Ottensen und St. Pauli genutzt werden. Abgestellt werden dürfen sie überall innerhalb dieses Gebiets. Um die Fahrt und deren Berechnung zu beenden, reicht ein Klick auf die App. (hpmk)