Sport im Freien

Ab Montag beginnt in Hamburg der Active City Summer

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Rainer Grünberg
Die Bewegungsinsel in Eimsbüttel (Hagenbeckstraße) ist eine von derzeit sieben in der Stadt. In Aktion: Annika Bucket und Benjamin Rube

Die Bewegungsinsel in Eimsbüttel (Hagenbeckstraße) ist eine von derzeit sieben in der Stadt. In Aktion: Annika Bucket und Benjamin Rube

Foto: Marcelo Hernandez

Yoga, Parkour oder Fitness- 27 Vereine bieten 909 kostenlose Trainingsstunden an, die meisten in Parks, an der Alster oder Elbe.

Altona.  Der Weg in den lichtdurchfluteten Gymnastikraum des Altonaer Turnverbands (ATV) ist momentan ein steiniger. Der Verein baut gerade sein Sportzentrum an der Kirchenstraße 21 aus, noch in diesem Jahr soll alles fertig werden. In seinen gestalterischen Anfängen steckt dagegen weiter der Active City Summer, zu dessen diesjähriger Auftaktveranstaltung der ATV von 1845 in den zweiten Stock seines Gebäudes eingeladen hatte. Dabei gibt es große Fortschritte gegenüber der Premiere vor einem Jahr. Vom 1. Juli an, also vom nächsten Montag an, bieten diesmal 27 Hamburger Sportvereine bis Ende September, Stand jetzt, insgesamt 909 Trainingsstunden an, meist im Freien, auf Grünflächen, in Parks, an Alster und Elbe. 2018 beteiligten sich nur 14 Clubs, 320 Kurse kamen in zwei Monaten zustande. Informationen über die Angebote werden auf der Webseite activecitysummer.de veröffentlicht und immer wieder aktualisiert.

Anmeldungen sind nicht erforderlich, ein Einstieg ist jederzeit an jedem Ort möglich. Ein Kursus dauert in der Regel eine Stunde. Auf dem Programm stehen Yoga, Mama Outdoor-Fitness, Aqua-Fitness, Kraft-, Cardio- und Ausdauertraining, Stabilisationsübungen, Nordic Walking, Parkour, Beachvolleyball und vieles mehr. Neu sind zahlreiche Tanzkurse, die in den jeweiligen Vereinsräumen abgehalten werden. Alle Hilfsmittel gibt es vor Ort. Was fehlt, sind bei Kursen im Freien meistens Toiletten, Dusch- und Umkleidemöglichkeiten – nicht nur ein Hamburger Problem.

Sport kann bei Depressionen helfen

„Unser Ziel ist es, mehr Sport und Bewegung in die Stadt zu bringen“, sagte der aus der Innenstadt mit dem Fahrrad angereiste Sportstaatsrat Christoph Holstein (SPD). „Der Active City Summer soll Gelegenheiten schaffen, Sport ohne großen Aufwand, ohne Vorkenntnisse, ohne Hindernisse, im öffentlichen Raum entspannt zu betreiben. Niemand steht hier unter Leistungszwang.“ Es solle auch keine staatliche Aufforderung an die Hamburgerinnen und Hamburger sein, sich endlich mehr zu bewegen. „Wir heben nicht den Zeigefinger, wir wollen nur etwas anbieten“, sagte Holstein.

Dass der Staat seine Bürger zu mehr Aktivität ermuntert, könnte helfen, jährlich zweistellige Milliardenbeträge im Gesundheitswesen einzusparen. Bewegung gilt als bester Schutz vor den heutigen Zivilisationskrankheiten. „Es gibt starke Hinweise auf eine gesundheitsfördernde, vorbeugende und Krankheiten herauszögernde Wirkung des Sports für Herz-, Kreislaufbeschwerden, Bluthochdruck, Diabetes, Asthma, Osteoporose, Krebs, Arthritis, Depressionen und neuerdings auch Demenz“, sagt der renommierte Eimsbütteler Internist und Tennisspieler Christoph Müller-Schwefe.

Handeln ist angesagt. Eine Studie des Meinungsforschungsinstituts GfK Nürnberg im Auftrag der Deutschen Krankenversicherung aus dem vergangenen Jahr alarmiert. Nur neun Prozent der repräsentativ befragten 2885 Personen führten in allen fünf Kriterien (körperliche Aktivitäten, Ernährung, Rauchen, Alkohol, Umgang mit Stress) ein gesundes Leben, der bisher niedrigste Wert. Kleiner Trost: Hamburger und Sachsen waren 2018 mit zwölf Prozent unter diesen Aspekten die Gesündesten. Bundesweit erreichten nur noch 43 Prozent das empfohlene Mindestmaß an Bewegung. 2010 waren dies 60 Prozent. Laut Weltgesundheitsorganisation sollten Erwachsene pro Woche mindestens 150 Minuten moderat körperlich aktiv sein oder 75 Minuten intensiv. Zehn Minuten tägliche Bewegung am Stück wären ausreichend – und weniger sitzen.

Sport für alle, kostenlos und draußen

Active City ist aber weit mehr als ein reines Bewegungsprogramm. „Im Idealfall können wir ein neues Leitbild für die Stadt entwickeln“, sagte Staatsrat Holstein. „Das erwartete Bevölkerungswachstum Hamburgs darf nicht auf Kosten der Lebensqualität und eingeschränkter Bewegungsmöglichkeiten gehen. Um das zu verhindern, kann der Sport eine wichtige Rolle spielen.“

Sport für alle, kostenlos und draußen – das bleibt das Motto des Active City Summers. Die Hamburger Eventagentur Sportplatz GmbH organisiert die Veranstaltung. Geschäftsführer Werner Richnow (54) sieht vor allem Kommunikationsbedarf: „Die Aktion ist viel zu wenig bekannt.“ Einen Teil seines Budgets setzt er deshalb für Werbemaßnahmen ein, für Kinospots, bespielt die Infoscreens in den U-Bahnen. Sponsor Rewe (Lebensmittel/90 Filialen in Hamburg) leistet für die Verbreitung der Idee ebenfalls seinen Beitrag, räumt dem Active City Summer in den nächsten drei Monaten in seinem wöchentlichen Informationsblatt, Auflage eine Million Exemplare, regelmäßig großzügig Platz ein.

Dirk Hartmann, Mitglied des geschäftsführenden Vorstands des Altonaer TV, sieht noch eine weitere Herausforderung: „Wir brauchen mehr Flächen, auf denen wir im Freien Sport treiben können. Unternehmen und Behörden sind aufgerufen, entsprechende Möglichkeiten mitzuteilen.“ Spontan bot Robert Vogel, Vorsitzender der Rewe-Geschäftsführung Region Nord, das Parkdeck der Filiale am Altonaer Bahnhof an: „Sonntags ist der Markt ohnehin geschlossen, an anderen Tagen können wir über Teilabsperrungen nachdenken.“

Dass die Teilnehmer des Active City Summers nicht nur die Angebote der Vereine nutzen, sondern irgendwann auch in diese eintreten, ist zwar nicht unmittelbarer Zweck der Bewegungsoffensive, wäre aber ein wünschenswerter Nebeneffekt. Die Zahlen aus dem vergangenen Jahr sind da eher ernüchternd. Von den 2018 rund 4000 Teilnehmern wurden in der Woche danach nicht einmal 30 Vereinsmitglieder.

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