Verkehr

Chaos-Dienstag: Hamburger ärgern sich über Bahn und Stau

Menschenmengen vor der S31 auf dem Hamburger Hauptbahnhof.

Menschenmengen vor der S31 auf dem Hamburger Hauptbahnhof.

Foto: Michael Rauhe / HA

City-Tunnel gesperrt, Weiche in Harburg defekt, U1 fährt nicht: Wie ein solcher Verkehrskollaps künftig vermieden werden soll.

Hamburg. Wenn dieser Vormittag auf Hamburgs Schienen und Straßen noch eine Überschrift gebraucht hätte, dann lautete sie: Was schieflaufen konnte, das lief auch schief. Stau und Sperrung der U-Bahn-Linie 1 im Norden, Störung bei der S-Bahn und Stau im Süden, Polizeieinsatz und Sperrung im Citytunnel. Eine Kombination aus Baustellen und Unfällen führte am Dienstag zu einem Teilkollaps des Verkehrs.

Stau: Die Grafik zum Großklicken

Der Frust der Passagiere befeuert die Debatte um die Mobilität in Hamburg. Erneut hatte am Morgen eine Weichenstörung im Bereich der S-Bahn in Harburg die Passagiere kalt erwischt. „Bei einer Routinekontrolle sind Mängel an zwei Weichen festgestellt worden“, sagte ein S-Bahn-Sprecher. Die S31 fiel bis 10.40 Uhr komplett aus. Zwischen Stade und Neugraben fuhren die S-Bahnen der Linie 3, im Anschluss mussten die Reisenden Richtung Hamburg allerdings in andere Züge umsteigen.

Die Störungen bei der S3 waren bis zum Abend immer noch nicht behoben. Zwischen Hauptbahnhof und Neugraben fuhren die Züge zum Teil nur Schritttempo und blieben deutlich länger als üblich an verschiedenen S-Bahnhöfen stehen. Den Fahrgästen wurde dies über Lautsprecher mit einer „technischen Störung“ erklärt. Zudem mussten die Fahrgäste weiterhin in Harburg Rathaus den Zug wechseln. Begründung: „Eine Weichenstörung“.

Erst in der Nacht zu Mittwoch sollte der Schaden repariert werden. „Uns ärgern solche Sperrungen mindestens genau stark wie unsere Passagiere“, sagte ein Sprecher der Hamburger S-Bahn auf Anfrage. Auch das Auto war kaum eine Alternative – unter anderem wegen Arbeiten an der Baakenhafenbrücke waren die Straßen verstopft, Pendler brauchten teilweise eine Stunde länger als üblich.

U1 gesperrt

Im Norden der Stadt sorgte derweil der Beginn der U-Bahn-Sperrung zwischen Ohlsdorf und Langenhorn Markt für heillos überfüllte Busse eines Ersatzverkehres, die zudem ebenfalls im Stau steckenblieben.

Die Arbeiten an der Linie sind teil des Programms zum barrierefreien Ausbau aller Haltestellen. „ Auf dem betroffenen Abschnitt der U1 trifft es besonders hart, weil es schlicht keine anderen Schnellbahnalternativen gibt“, sagte ein Sprecher der Hochbahn. Wenn wie am Montagabend zudem noch ein Feuerwehreinsatz die Strecke blockiere, helfe auch der Einsatz zusätzlicher Busse oder der ebenfalls eingesetzte Express-Bus nicht weiter. Es wird geraten, möglichst auf die AKN-Bahn oder die Buslinie 292 auszuweichen.

Betrunkener fiel auf Gleise

Weil ein 52-Jähriger bereits in der Nacht zu Dienstag im S-Bahnhof Reeperbahn laut Bundespolizei „offenbar alkoholbedingt“ ins Gleisbett fiel und in einem Tunnel übernachtet hatte, wurde am Morgen auch die wichtigste Verbindungsroute in der City für rund eine Stunde gesperrt. Ebenfalls wegen Bauarbeiten ist der Bahnhof Landungsbrücken auf der Linie U3 vollständig gesperrt. „Unabhängig von Bauarbeiten und Störungen sind äußere Einflüsse wie Polizeieinsätze aber weiterhin der häufigste Grund für Beeinträchtigungen“, heißt es von den Verkehrsbetrieben.

Bessere Wartung gefordert

Der CDU-Verkehrspolitiker Dennis Thering forderte eine schnelle Erhöhung der Mittel für Instandhaltung und Wartung der Bahnstrecken. „Außerdem muss es einen standardisierten Notfallplan geben“, so Thering. „Mittelfristig müssen neue Busschnellverbindungen verschiedene Punkte außerhalb des Zentrums miteinander verbinden, um das stauanfällige Zentrum zu entlasten.“ Langfristig müsse das S- und U-Bahnnetz „vollständig überplant werden“. Ziel müsse „die Bildung von Tangentialverbindungen“ sein – und „die Entlastung der Radialverbindungen“, also der Strecken ins Zentrum.

Linken-Verkehrspolitikerin Heike Sudmann sagte: „Der Tag zeigt auch, dass wir gerade für den Hamburger Süden mehr Kapazitäten brauchen: Die U4 muss endlich nach Harburg verlängert werden, damit eine zweite Schienenverbindung zur Verfügung steht.“ Zudem brauche Hamburg zur Entlastung des Schnellbahnnetzes „ dringend ein modernes Stadtbahnnetz“, um den „Fahrgästen bei unvermeidbaren Störungen eine akzeptable Alternative“ zu bieten.

"Mängel in der Koordinierung"

FDP-Verkehrspolitiker Ewald Aukes forderte, der Senat müsse „seine ideologisch basierten Prioritäten ändern und wegkommen vom Traum einer ‚Fahrradstadt Hamburg‘.“ Zudem seien „mehr Echtzeit-Fahrplandaten und Transparenz zur Auslastung des ÖPNV“ für die Fahrgäste nötig. AfD-Verkehrspolitiker Detlef Ehlebracht sagte, ein Feuer samt Sperrung einer Hauptstraße sei höhere Gewalt. „Die Ursachen dafür können aber Wartungsintervalle sein, die aufgrund von Kostengründen oder Personalmangel zu lang sind.“ Zudem gebe es „offenkundig Mängel in der Organisation und Koordinierung“.

Maßnahmenpaket wird präsentiert

SPD-Verkehrspolitikerin Dorothee Martin verwies auf den laufenden massiven Ausbau des Nahverkehrssystems, betonte aber auch, dass die S-Bahn ein „Sorgenkind“ bleibe. „Unser S-Bahn-Verkehr wird dadurch eingeschränkt, dass der Bund über Jahre zu wenig Mittel in seine Infrastruktur investiert hat“, so Martin. „Die Deutsche Bahn muss den Rückstand aufholen und zügig Taten statt Worte folgen lassen.“

Auch Grünen-Verkehrspolitiker Martin Bill wies der Deutschen Bahn Verantwortung für die Lage zu und betonte den Ausbau des HVV-Systems, der allerdings auch zu neuen Baustellen führe. „Ich bin sicher, dass die Hochbahn alles dafür tun wird, dass der Ersatzverkehr bald besser funktioniert“, so Bill. Nach Abendblatt-Informationen will Verkehrssenator Michael Westhagemann am Donnerstag zusammen mit der Deutschen Bahn ein Maßnahmenpaket präsentieren, um die Situation bei der S-Bahn rasch zu verbessern.