Elbphilharmonie

Krzysztof Urbański – Maestro mit einem besonderen Taktstock

Krzysztof Urbański im Backstage-Bereich der  Elbphilharmonie.

Krzysztof Urbański im Backstage-Bereich der Elbphilharmonie.

Foto: Andreas Laible / HA

Der Erste Gastdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters spielt für den Moment, nicht für die Karriere. Ein Porträt.

Hamburg. Seine erste Sinfonie verwahrt Krzysztof Urbański seit vielen Jahren auf seinem Laptop. Die zweite, aus Steinen statt aus Noten, ist in Norditalien und findet immer noch kein Ende. Wäre dieser Dirigent nicht so perfektionistisch veranlagt, wäre einiges einfacher in seinem Leben. Das Komponieren hat er inzwischen eingestellt, die zweite Sinfonie ist: ein Haus. Aber nicht von der Stange. Genau das Haus, das er und seine Frau – die beiden kennen sich seit der Schule, sie organisiert sein Berufsleben, ist bei allen Reisen dabei – sich gewünscht haben. Komplett von Urbański entworfen. Einen Architekten hatte er dafür nur engagiert, damit alles beim Bauen passt, hält, steht und funktioniert.

Noch wohnen die beiden, wenn sie nicht aus den Koffern leben, die seine Frau packt, in der Nähe von Warschau. Noch. In nichts anderes hat Urbański in den letzten zwei Jahren so viel Zeit gesteckt wie in diesen Haus-Plan. „Ich arbeite eng mit dem Architekten zusammen, mir ist es wichtig, bei Dingen, die mich betreffen, die Fäden in der Hand zu halten. Das ähnelt meinem Umgang mit der Musik und dem Grund, warum ich Dirigent wurde: Weil ich wirklich gern die Dinge in die Hand nehme.“

„Die richtigen Impulse setzen“

Und das mit den Koffern? Arbeitsteilung, antwortet er. „Ich habe meine Pflichten, viele davon im Haushalt.“ Aber beim Packen ist er sehr froh, dass das nicht auf seiner Liste steht, das hasst er. Sein Job sei, das Haus fertig zu bekommen. Seine Frau ist sein Manager. Konzerte, Reisen, Mails. Wenn man „Krzysztof Urbański“ als Marke sieht, dann besteht sie eindeutig aus einem Zwei-Personen-Team. „Ohne sie wäre ich niemand.“

Auf den ersten Blick wirkt der 36-Jährige beim Treffen im Dirigentenzimmer der Elbphilharmonie reichlich anders als der handelsübliche Dirigent. Verstrubbelte Frisur, vage Ähnlichkeit mit dem Kuschelrocker Jon Bon Jovi. Dass er ein komplettes Orchester zusammenfaltet, weil etwas nicht so läuft, wie er es möchte? Kaum vorstellbar. Der wirkt, als ob er nur spielen lassen will. „Man könnte Wendemanöver bei einem Orchester natürlich mit Druck durchsetzen“, findet er, „aber meiner Meinung nach sollte man die richtigen Impulse setzen, die Musiker fragend einbeziehen. So gibt man dem Orchester die notwendigen Freiheiten, um seinen eigenen musikalischen Charakter zu zeigen. Die Ergebnisse können dann sehr gut sein.“

Solide den Kurs halten

In Urbańskis Lebenslauf stehen Posten in Norwegen, in Trondheim, und in den USA, in Indianapolis. Keine ersten Adressen, aber praktisch und wichtig, um Repertoire-Flugmeilen zu sammeln. Seit 2015 ist Urbański auch Erster Gastdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters, da sieht die Sache mit dem Prestige schon anders aus. Ein Stellvertreterposten, den man mit Spocks Aufgabe auf der Brücke der „Enterprise“ vergleichen könnte – solide den Kurs halten, wenn der Chef gerade nicht da ist. Und weil der nächste NDR-Chef, der Amerikaner Alan Gilbert, sein Amt erst in diesem Herbst antritt, hat Urbański gut zu tun in der Elbphilharmonie. Demnächst wird er Mitte Juni eine „Konzerte für Hamburg“-Serie dort dirigieren.

Während die beiden Dirigenten ansonsten gut miteinander harmonieren dürften – bei einem Komponisten kommen sie so gar nicht zusammen: Carl Orffs Mittelalter-Schinken „Carmina Burana“ würde er nie dirigieren, hatte Gilbert einmal gesagt. Ausgerechnet das zählt zu Urbańskis Lieblingsstücken. „Es hört sich vielleicht albern an, aber dieses Werk hat einen speziellen Platz in meinem Herzen, weil ich es bei meiner Diplomprüfung in Warschau dirigiert habe.“ Dass Urbański die Frage, wie es als Nummer zwei beim NDR in Hamburg so war und ist, nicht beantworten mag, ist konsequent.

Urbański setzt seine Prioritäten anders als viele

Zu dieser Haltung passt, dass er vor einigen Jahren die erste Einladung zu den Berliner Philharmonikern ablehnte; eine Chance, für die andere Gott weiß was geben würden. Doch es passte nun mal nicht, er und seine Frau hatten schon andere Pläne. „Musik ist mir wirklich sehr wichtig, aber letztlich sie ist nur ein Teil von mir und meiner Persönlichkeit“, sagt er. Karriere ist wichtig, doch „ich sehe mein Tun nicht als Wettbewerb. Es geht mir nicht darum, der Beste zu sein, das ist nicht mein Ziel. Denn: Mit wem sollte ich darum kämpfen? Mit wem würde ich mich anlegen? Nur mit mir selbst. Und das wäre totale Energieverschwendung.“ Das Philharmoniker-Konzert in Berlin hat damals übrigens Alan Gilbert dirigiert.

Urbański setzt seine Prioritäten anders als viele. „Ich habe für mich einen Weg gefunden, weil ich nicht Musiker geworden bin, um für meine Karriere zu kämpfen.“ Was so frontal nicht unkokett klingt, ist ihm wichtig. Er hat weder Agentur noch Manager. „Ich will Musik machen“, betont er. „Dieser Moment, wenn ich vor einem Orchester stehe und wir erkennen, dass wir die gleiche Sprache sprechen. Das ist das Größte, was man erreichen kann, dafür bin ich Musiker geworden.“

Ganz oder gar nicht

In seiner Jugend hat Urbański keines der klassischen Dirigenten-Instrumente Geige oder Klavier gespielt, bei ihm war es – wie bei Esa-Pekka Salonen – das Horn. Unter den ohnehin nicht einfachen Orchesterinstrumenten ist diese Messingspirale eines der heikelsten, doch auch das passt zu ihm. Wenn schon, denn schon.

Während andere Maestri ihre Signalverstärker im Fachhandel einkaufen, setzt Urbański – wie beim Haus, nur in klein – auf Do-it-yourself-Taktstöcke. Was er jetzt bei Konzerten in der Hand hält, waren einmal Fiberglas-Angelruten: „Letzten Sommer habe ich 20 Stück angefertigt. Das sollte für den Rest meines Lebens genügen.“

So international die Klassik-Branche auch ist, bei Dirigenten wird das Repertoire gern nach dem Reisepass bestellt. Einmal Pole, fast immer Polen dirigieren sollen heißt das für Urbański. Ja, aber ..., reagiert er darauf. „Einerseits glaube ich nicht, dass man die Musik aus seinem Heimatland besser dirigiert“, findet er. „So ist es nun wirklich nicht. Andererseits: Da ich ständig angefragt werde, Lutoslawski, Penderecki oder Chopin zu dirigieren, habe ich die Stücke so gut gelernt und verinnerlicht, dass inzwischen wohl wirklich etwas dran ist.“

Heimat bleibt Heimat

Die ersten Schritte ins Rampenlicht fanden für Urbański in Pabianice statt, einer polnischen Kleinstadt, über die bei Wikipedia zu lesen ist, dass sie „touristisch nicht besonders interessant“ ist. „Touristisch nicht besonders interessant, das stimmt, leider.“ Kleines Trostpflaster: Neben Kafkas letzter Lebensgefährtin Dora Diamant ist er unter den „Söhnen und Töchtern der Stadt“ verzeichnet, dort hat er immerhin sein erstes Konzert in einer Schulturnhalle dirigiert.

Das bleibt. Heimat bleibt Heimat, da kann das eigene Haus noch so nah den Alpen stehen. Ein paar Runden auf dem Motorrad, wann immer er mal wieder in Pabianice ist, die müssen sein, zum Erden und Einnorden. „Nichts hat sich da verändert! Das ist aber mein Zuhause.“ Dass sein Vaterland seit einigen Jahren einen radikalen, bedenklichen politischen Wandel durchmacht, ist ein Thema, über das zu reden wäre. Doch Urbański mag nicht.

„Natürlich weiß ich, was in meiner Heimat passiert, und ich habe auch starke Meinungen dazu.“ Aber die will er für sich behalten. „Zum Glück habe ich vor etwa zwei Jahren aufgehört, die politischen Geschehnisse intensiv zu verfolgen. Das hat mich zu einem so viel glücklicheren Menschen gemacht. Vor zehn Jahren war ich noch so sehr darauf fixiert – jeden Tag mehrere Nachrichtensendungen und Interviews, Abend für Abend habe ich damit zwei Stunden verbracht. Und dann habe ich erkannt, wie wenig aufrichtig das alles ist. Es kam mir so sinnlos vor, mich ständig damit zu beschäftigen. Seit ich damit aufgehört habe – und das mag vielleicht naiv sein –, fühle ich mich viel friedlicher.“ Ganz oder gar nicht also auch hier.

Kurz davor, das Dirigieren aufzugeben

Bevor ihn die Pflicht wieder ruft, bleibt nur noch die Frage nach seinem Plan B, falls es für Urbański das Dirigieren doch nicht gewesen sein sollte. „Sollte man einen Plan B haben? Das Leben ist ein langer Prozess, es entwickelt sich. Vor zwei Jahren war ich ganz kurz davor, das Dirigieren aufzugeben. Und ich bin sehr froh, dass ich dabei geblieben bin, weil es mir so viel Freude macht. Ich bin sehr dankbar, in einer Welt, in der viele nicht genügend Essen haben und ums Überleben kämpfen, privilegiert zu sein, mich mit Fragen der Musik beschäftigen zu können, etwa ein Crescendo oder ein Diminuendo hinzubekommen. Ich wünschte, alle Menschen hätten solche Probleme. Wenn dieses Leben so weitergeht, kann ich es nur genießen.“

Nächste Woche: Matthias Gfrörer, Küchenchef im Restaurant Gutsküche Wulksfelde