Kultur

Mein Vater, der Superstar – Interview mit Jamie Bernstein

Jamie Bernstein, hier im Mai 2018 bei der Jewish History Gala in New York

Jamie Bernstein, hier im Mai 2018 bei der Jewish History Gala in New York

Foto: picture alliance/ Robin Platzer

Leonard Bernstein hätte an diesem Sonnabend seinen 100. Geburtstag gefeiert. Ein Gespräch mit der Tochter des berühmten Komponisten.

Schenefeld.  Irgendwelche Ähnlichkeiten? In der Künstlergarderobe des Forums Schenefeld sitzt Jamie Bernstein, die älteste Tochter von Leonard Bernstein, dem himmelhoch begabten Komponisten, Pianisten, Dirigenten und Musikvermittler. Bernstein hat das musikalische Gesicht Amerikas geprägt wie kein weiter. Am 25. August vor 100 Jahren wurde er geboren. Klar, dass das Schleswig-Holstein Musik Festival ihn in diesem Jahr mit zahlreichen Konzerten ehrt; war er es doch, der 1986 das gerade gegründete Festival auf die internationale Bühne hob und über Jahre hinweg prägte.

Die zierliche, blond gelockte Frau, Jahrgang 1952, ist zu einer musikalischen Lesung gekommen. Hat sie die gleichen blauen Augen wie der Vater? Vielleicht. Die gleiche dunkle Stimme? Klingt so. Auf jeden Fall hat sie das gleiche theatrale Gen. Mit jedem Satz, den sie spricht, hat sie ihre Zuhörer am Haken. Und noch ein anderer Zug ihres Vaters schimmert auch durch ihre Worte: sein unverwüstlicher Humor.

Mrs Bernstein, wie haben Sie gemerkt, dass Ihr Vater ein Superstar war?

Jamie Bernstein: Beim Fernsehen! Meine Geschwister und ich sahen viel fern, auch die berühmte Serie „Familie Feuerstein“. Die spielt in der Steinzeit. In einer Folge gehen die beiden Frauen Debbie und Wilma in die Hollyrock Bowl, um Leonard Bernstone dirigieren zu hören. „Wow“, dachten wir!

Sie kannten die Episode nicht?

Nein! Aber wir dachten, wenn er bei den „Flintstones“ vorkommt, muss er wirklich bedeutend sein.

Er war eine so strahlende Persönlichkeit, er liebte alles und jeden Menschen, den er traf – hatten Sie je das Gefühl, ihn teilen zu müssen?

Natürlich mussten wir ihn teilen.

Waren Sie eifersüchtig?

Eigentlich nicht. Er ging zwar auf Tournee und war dann wochenlang weg. Aber wenn er zu Hause war, war er wirklich zu Hause. Er liebte es, mit uns zusammen zu sein. Er spielte wahnsinnig gern mit uns und redete über alles mit uns, über Bücher und Gedichte und Grammatik. Er brachte einem ständig etwas bei. Mit allem, was er tat.

Konnte das gelegentlich auch mal länglich werden?

Konnte es. Meine Schwester sagte mal, man muss wirklich aufpassen, was man ihn fragt – denn die Antwort könnte eine Stunde dauern!

Wenn Kinder älter werden, kommt diese Zeit, in der die Eltern peinlich werden.

O ja, bei mir dauerte sie meine ganze Teenagerzeit! Als ich ungefähr 14 war, waren mein Vater, mein Bruder und ich einmal bei Freunden zu Besuch. Nach dem Essen gingen wir alle zusammen in eine Disco. Da wurde der berühmte Sirtaki aus „Alexis Sorbas“ aufgelegt, griechische Tanzmusik. Mein Vater liebte das. Plötzlich zog er mich auf die Tanzfläche. Und alle Leute machten einen großen Kreis um uns ...

Wie in einem griechischen Dorf!

... und alle klatschten, und dann zog mein Vater sein Taschentuch heraus und schwenkte es über seinem Kopf, und dann fiel er auf die Knie. Ich war in dem Kreis gefangen, also tanzte ich auch – was sollte ich sonst tun? Ich habe mich so geschämt, aber er fand es toll. Als die Musik zu Ende war, rannte ich zu dem kleinen Klavier, das sie dort hatten, und versteckte mich dahinter. Ich wollte nur weg!

Man braucht nicht einmal berühmte Eltern zu haben, damit sie einem peinlich sind.

Nein, das passiert jedem. Es war nur größer. Bei meinem Vater war alles auf lauter gedreht.

Und alles öffentlich.

Jeder drehte sich auf der Straße nach ihm um. In der zweiten Klasse, da war ich sieben Jahre alt, nannte mich meine Klassenkameradinnen immer „famous father girl“.

Hat der Ruhm Ihres Vaters Ihre Geschwister und Sie eigentlich entmutigt, was Musik angeht?

Es war schon schwierig. Ich bin viele Jahre lang Singer-Songwriterin gewesen. Aber ich war richtig neurotisch. Ständig machte ich mir Sorgen wegen meines Klavier- oder Gitarrenspiels, fürchtete mich davor, Fehler zu machen oder unsauber zu singen oder meinen Text zu vergessen. Erst in letzter Zeit habe ich entdeckt, dass es ein sehr befriedigender Ersatz ist, über Musik zu reden. Ich habe meinen Frieden mit der Musik gemacht.

Das erinnert mich an den Kinderliedzyklus Ihres Vaters: „I Hate Music!“

Das war natürlich ironisch. Bei uns zu Hause war alles voller Musik. Wenn meine Eltern Besuch hatten – eigentlich immer –, dann wurde gesungen und gelacht und getrunken, und mein Vater ging ans Klavier und spielte irgendetwas, das ihm ihn den Kopf kam. Lieder zum Mitsingen oder eine Mazurka von Chopin oder einen Werbejingle oder Filmmusik. Sein Gehirn absorbierte alles. Ich stelle es mir immer wie ein Flusensieb eines Wäschetrockners vor. Es hielt alles fest, und daraus entstand seine Musik.

Alle möglichen Arten von Musik. Mir scheint, in Deutschland kennt man ihn vor allem wegen der „West Side Story“, also als Musicalkomponisten ...

Ich glaube, das ist überall so.

... aber dann gibt es diese anderen Stücke, die so ernst und tief sind. Viele seiner Werke tragen religiöse, speziell jüdische Titel, wie etwa seine Sinfonie „Kaddish“. Gibt es eine Kluft zwischen diesen beiden Seiten?

Sie sind natürlich atmosphärisch verschieden. Aber mein Vater mischte gerne die Genres. Deshalb haben die ernsten Stücke jazzige Momente oder lateinamerikanische Rhythmen, und die Broadway-Shows wiederum hat er genauso sorgfältig komponiert wie eine Sinfonie. Sie haben Motive. In Beethovens Fünfter taucht das „da da da daaa“ immer wieder auf. Mein Vater hat in „West Side Story“ mit diesen drei Noten das Gleiche gemacht (singt): „Maria ...“ Dieses Motiv taucht in abgewandelter Form in der ganzen Partitur immer wieder auf. Das ist eine sehr sinfonische Art zu komponieren. Kein anderer Broadway-Komponist machte das so.

Beim Komponieren konfrontiert man sich doch notwendig mit sich selbst. Ihr Vater hasste es aber offenbar, allein zu sein. Wie konnte er da komponieren?

Es fiel ihm wirklich schwer. Ich glaube, das ist der Grund, warum er so gerne Opern und Ballette und Broadway- Shows schrieb, da arbeitete er nämlich mit Leuten zusammen. Natürlich musste er die Musik alleine komponieren. Aber hinterher konnte er sofort mit jemandem darüber reden.

Wann fand denn der einsame Prozess des Komponierens statt?

Nachts. Er litt furchtbar an Schlaflosigkeit. Normalerweise war er die ganze Nacht auf.

Die tiefe Nacht ist aber auch die Tageszeit, in der wir am verwundbarsten sind ...

Ja.

Aber damit kam er zurecht? Indem er arbeitete?

Manchmal war er sehr deprimiert. Er hatte starke Depressionen.

Die er schreibend verarbeitete?

Deswegen war das Dirigieren so attraktiv für ihn. Wenn man dirigiert, ist man von Menschen umgeben. Man bekommt sofort etwas zurück. Anders beim Komponieren, da erfährt man lange nicht, was die Leute davon halten, und manchmal gefällt es ihnen dann auch nicht. Der ganze Kompositionsprozess ist schwierig und oft undankbar. Aber er fühlte einen Drang zu komponieren.

Zeitlebens hat er auch politisch Stellung bezogen, in seinen Kompositionen, aber auch verbal. Was glauben Sie, was er über Trump und die aktuelle politische Situation sagen würde?

Oh! Er würde schäumen vor Wut. Er würde demonstrieren und Krach schlagen. Ich bin fast froh, dass er das nicht erleben muss. Er wäre so begeistert
gewesen, als Barack Obama gewählt wurde. Ein schwarzer Präsident, das hätte er fantastisch gefunden. Aber in dem Maße, in dem er darüber begeistert gewesen wäre, würde er über Trump verzweifeln. Und so geht es uns allen. Es ist so furchtbar, in dieser Zeit in den Vereinigten Staaten zu sein. Es ist ein Albtraum, aus dem wir nicht erwachen können.