Bauforum

Wo die Hafencity und die Perlenkette erfunden wurden

Eine Zukunftswerkstatt in den Deichtorhallen: Beim Bauforum 1989 ging es um die HafenCity.

Eine Zukunftswerkstatt in den Deichtorhallen: Beim Bauforum 1989 ging es um die HafenCity.

Foto: Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen Hamburg

Bei den Bauforen wurde das Gesicht der Stadt geprägt – nun rücken die Magistralen in den Mittelpunkt der Planer.

Manchmal werden Wunder wahr: Wen es vor drei Jahrzehnten an das Elbufer St. Pauli und Neumühlen verschlug, wünschte sich rasch weit weg. Damals warteten Prostituierte hier auf Freier, Lagerhallen reihten sich an Schuppen, Verfall und Tristesse beherrschten die Szenerie. Heute fügen sich spektakuläre Neu- und restaurierte Altbauten zur Perlenkette, an sonnigen Tagen flanieren Tausende entlang des Flusses – Hamburg hat einen urbanen wie maritimen Ort gewonnen.

Ausgangspunkt dieser spektakulären Veränderung war das Bauforum von 1985. „Rund 100 Architekten aus aller Welt entwickelten damals Ideen und Utopien für den Hamburger Hafenrand und hinterließen bei Hamburgs Bürgern, Politikern und Bauherren eine Vielzahl von Denkanstößen und Anregungen“, erinnert sich Hamburgs langjähriger Oberbaudirektor Jörn Walter. Initiator des ungewöhnlich wie kreativen Formats war Egbert Kossak, Walters Vorgänger im Amt. Das Bauforum, ein Denkformat von rund 100 internationalen Architekten und Stadtplanern, war stets alles in einem: Ideenfundgrube und Impulsgeber, Werkstatt und Wolkenkuckucksheim, Paukenschlag und Verstärker.

Entwicklung des Hafenrandes von Neumühlen bis zur Ericusspitze

Schon seit Beginn der Achtzigerjahre hatte die Stadt über die Entwicklung des Hafenrandes von Neumühlen bis zur Ericusspitze diskutiert. „Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich die Hafenaktivitäten weitgehend auf das südliche Elbufer verlagert. Für das Nordufer ist bis heute kein Gesicht entwickelt worden“, sagte Kossak 1985. Hier sah er „die bedeutendste städtebauliche Entwicklungsaufgabe“ der Stadt. Das Bauforum in der Fischauktionshalle half.

Manfred Sack, einer der profiliertesten deutschen Architekturkritiker, schrieb damals im Abendblatt über die Architekten und das Bauforum: „Auf die meisten von ihnen wirkte schon das Gebäude, in dem sie arbeiteten, stimulierend: die restaurierte Fischauktionshalle mit ihrer basilikalen Großzügigkeit und Helligkeit, vor den Fenstern das tatsächlich sonnenbeschienene Panorama des Hafens. Sie genossen es auch, in ad hoc gebildeten Gruppen zu arbeiten, mit der Chance, einen bewunderten Kollegen von weither aus der Nähe und als Kollegen zu erleben. Eigentlich war es weniger ein Wettbewerb als eine Ideal-Konkurrenz“, schrieb er. Und: „Alle verstehen es, dass der Uferstreifen nicht bloß ein Stück Hafen, sondern ein Stück zu gestaltender Stadt ist.“

Neugestaltung des nördlichen Elbufers im Fokus der Architekten

Allein die Aufgabenstellung für die 25 Arbeitsgruppen klang revolutionär, „Akzente in Architektur und Städtebau in Hamburg“ zu setzen, „die über das Hausgemachte hinausgehen“. Der Wunsch war den Kreativen Befehl: Die Ausstellung der Ergebnisse einige Monate später präsentierte Ideenskizzen und „kühne Entwürfe“ zum Thema „Hamburg: Stadt am Hafen - Hafenstadt“. Die Fantasie der knapp 100 Architekten und Städteplaner hatte sich auf die Gestaltung des nördlichen Elbufers zwischen Altonaer Fischmarkt und dem Kühlhaus Neumühlen gerichtet. Große Namen werkelten in kleinen Ateliers, die durch Spanplatten voneinander abgetrennt waren und wegen der Kälte eigens mit mobilen Heizungen ausgestattet worden waren. Zaha Hadid steuerte eine Idee bei, der Londoner Architekt William Alsop pflanzte Wohntürme auf Stelzen ans Elbufer, das Wiener Duo Coop Himmelb(l)au spannte einen Lichtbogen über die Elbe ans andere Ufer und schlug dort eine Hochhaus-Medienstadt, eine „Skyline der Medien“, vor.

Andere träumten von einer „großen Altonaer Fassade“, einer tausend Meter langen, hohen Säulenhalle, die gewollt oder nicht an die verrückten Planungen der Nazis für Altona erinnert. Turmhäuser im Fluss, eine Badeanstalt mit künstlichen Inseln und den Kopfbahnhof für die transsibirische Eisenbahn träumten Architekten hierher. Letztere Idee eines ostasiatischen Handelszentrum klingt heute geradezu visionär – 1985 war China noch Entwicklungsland.

Entwicklung der HafenCity im Bauforum von 1989 vorgedacht

Am Ende setzten sich die etwas nüchternen Varianten durch – die Vision, den Stadtteil an die Elbe zurückzuholen, die Menschen ans Wasser zu bringen und den „Hafen als Silhouette“ für die Stadt zu nutzen. Der damalige Bürgermeister setzte sich an die Spitze der Bewegung: „Wir sollten nicht zusehen, wie Städte in der Welt uns mit ihren Hafenlagen den Rang ablaufen“, warnte der Bürgermeister Klaus von Dohnanyi. Und versprach dem Kiez zugleich Milieuschutz: „Schwabing ist ein erschreckendes Beispiel.“ Die Schickeria dürfe hier gar nicht erst einziehen. Nun gut.

Vier Jahre später wagte sich ein Bauforum an eine Fläche, die damals als Heiligtum des Hafens galt. In 15 „Meisterklassen“ ging es 1989 um die Ausgestaltung eines neuen Stadtteils im Bereich des Sandtor- und des Grasbrookhafens im Umfeld der Speicherstadt. „Die Entwicklung der HafenCity ist in dem Bauforum von 1989 vorgedacht worden“, heißt es heute in der Stadtentwicklungsbehörde. Die kühnen Ideen nahmen acht Jahre später Gestalt an: Am 7. Mai 1997 überraschte der damalige Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau im Übersee-Club mit dem Plan der Hafencity und stellte eine Machbarkeitsstudie vor.

Ergebnisse des Bauforums 1989 als Maßstab für das künftige Planen der Stadt

Manches hatten die 100 Architekten in den damals frisch restaurierten Deichtorhallen schon ersonnen. Das Büro Kees Christiansen etwa hatte eine lockere Bebauung auf den Grasbrook (mit Stadion) vorgeschlagen, das amerikanische Büro Michael Graves eine Blockbebauung mit einer Art zweiten Binnenalster in der Mitte. Seinerzeit staunten die Zeitgenossen über eine Computeranlage, welche die Ergebnisse des Forums auch für Laien darstellte. Insgesamt fünfzehn Teams waren vom 4. bis 8. September 1989 in die Deichtorhallen gekommen, zeichneten und bauten Modelle, „um die Politiker zu großer Entscheidungsfreude zu animieren“, wie das Abendblatt es formulierte. Der damalige Oberbaudirektor Egbert Kossak nannte die Bauforen damals eine „Alternative zu den trockenen Vortragsveranstaltungen“. Ihm ging es um einen „zwanglosen, aber doch edlen Wettstreit“. Das Bauforum verstand er als Werkstatt, deren Ergebnisse Maßstab sein sollten für das künftige Planen der Stadt. Seine größte Furcht: „Mittelmäßigkeit für kurzatmige Erfolge mit langfristigem Schaden.“

Einen besonderen Augenmerk legte die Öffentlichkeit 1989 auf die Speicherstadt inklusive Kehrwiederspitze. Diese Filetgrundstücke wurden damals entwickelt. „Diese Ecke ist von Investoren jetzt als interessantes Objekt erkannt worden. Für die Kehrwiederspitze erwarten wir zu den bisher mehr spekulativen Plänen echte Alternativen. Und vielleicht stimuliert die Werkstatt auch die Bauherren“, sagte er. Umgesetzt wurde dann ab 1994 das Hanseatic Trade Center, eine Büroriegel mit 93.000 Quadratmetern, das doch ziemlich hinter den mutigen Ideen des Bauforums zurückblieb. Trotzdem hat die Ideenwerkstatt die Debatte bereichert – durch die Ausstellung, aber auch einer intensiven Auseinandersetzung mit Hafenentwicklungsprojekten in den USA, in Kanada, London und Barcelona. Zwei Jahre nach dem Bauforum erteilte der Bürgermeister Voscherau inoffiziell den Auftrag, die Umwandlung des innerstädtischen Hafenrands zu prüfen.

1987: Planung einer 100 Hektar große Fläche in Billwerder

Alle Bauforen sind Kinder ihrer Zeit – sie diskutieren Themen, die Jahre später auch anders verstanden werden können. Unter dem Label „Bauforum“ gab es mehrere Ideenwerkstätten. Das erste Bauforum in der Handwerkskammer widmete sich im Oktober 1984 zwei Tage dem Thema „Wohnungsbau als Architekturaufgabe“. Das Ergebnis der Debatten fasste das Abendblatt so zusammen: „Weg von den Großprojekten auf der grünen Wiese, hin zu guter, überschaubarer, aber auch bezahlbarer Architektur!“ Und wie betonte Kossak die Probleme seiner Zeit: „Wenn es uns nicht gelingt, durch die Neubauten ein höheres Niveau und ein breiteres Angebot an Wohnungen zu schaffen, werden noch mehr Bürger in das Umland abwandern.“ Wie sehr sich die Zeiten ändern.

Das dritte Hamburger Bauforum im Oktober 1987 auf Kampnagel befasste sich mit „Industriearchitektur als Spiegel eines pulsierenden Wirtschaftsstandortes“. Dabei ging es um eine etwa 100 Hektar große Fläche in Billwerder. Die Hamburger Industriegelände sollen, so Kossak damals, in der Zukunft nicht mehr die Aneinanderreihung grauer Fertigbau-Hallen sein, sondern individuell in eine grüne Umgebung gebaute „schöne“ Häuser mit Restaurants, Geschäften, Sportplätze und Liegewiesen in der Nähe. Unternehmen legten immer mehr Wert auf ein gutes Image und die Stadt profitiere von attraktiven Gewerbeflächen. Das klingt schon aktueller.

Bauforum 1993: Erste Visionen für Hamm-Süd und Hammerbrook

Längst Wirklichkeit – zumindest in Teilen – sind die Ideen, die in den beiden weiteren großen Bauforen ersonnen wurden. 2003 plante eine internationale Entwurfswerkstatt im Kaispeicher 52 den Sprung über die Elbe und beförderte den Wandel Wilhelmsburgs und Harburgs, der mit der Internationalen Bauausstellung 2013 Fahrt aufnahm. Auch das Senatsprogramm „Stromaufwärts an Elbe und Bille“, das die Erschließung des Ostens mit Industrie, Gewerbe sowie weiteren 15.000 bis 20.000 Wohnungen vorsieht, geht auf ein Bauforum zurück. 1993 entwarfen Architekten erste Visionen für Hamm-Süd und Hammerbrook.

Das sind Hamburgs Magistralen

Nach 16 Jahren wird Hamburg wieder zur Zukunftswerkstatt von Hamburger, aber auch internationalen Architekten: Nun sollen die Magistralen neu gedacht werden: Sie sollen sich in lebenswerte öffentliche Räume, in Lebens- und Arbeitsorte verwandeln. Die Architekten sollen Bilder liefern, die Möglichkeiten und Visionen aufzeigen – und damit ein Umdenken befördern: Von der Ausfallstraße zur Einfall-Straße.