Altonaer Kinderkrankenhaus

Axel von der Wense ist seit 20 Jahren Frühchen-Retter

„Natürlich erleben wir hier auch viel Leid“: Axel von der Wense vor einem Inkubator auf der Intensivstation des Altonaer Kinderkrankenhauses.

„Natürlich erleben wir hier auch viel Leid“: Axel von der Wense vor einem Inkubator auf der Intensivstation des Altonaer Kinderkrankenhauses.

Foto: Marcelo Hernandez

Chef der Neonatologie in Altona behandelt Babys aus ganz Norddeutschland. Eine Schweizer Familie ist ihm besonders dankbar.

Hamburg.  Vorsichtig beugt er sich zu dem Wickeltisch herunter. Spricht mit leiser Stimme den Winzling an, der auf dem Tuch vor ihm liegt. „Hallo, darf ich dich einmal untersuchen?“

Mit diesem kleinen Ritual begrüßt der Mann mit den kurzen ergrauten Haaren, dem weißen Kittel und der bunten Fliege am Hals jedes Baby, dem er begegnet. Ob es die klassische Untersuchung zwei Tage nach der Geburt ist oder die eines kranken Säuglings auf der Station. „Jedes Kind hat ein Recht darauf, dass ich es frage, ob ich es anfassen darf“, sagt der Mann mit der Fliege bestimmt. „Schließlich bin ich ein fremder Mensch.“

Der Mann mit der Fliege ist Axel von der Wense, Leiter der Abteilung für Neonatologie und Intensivmedizin am Altonaer Kinderkrankenhaus (AKK). Seit knapp 20 Jahren kümmert er sich hier um (zu) früh geborene Babys und betreut Kinder, die nach einer Operation auf der Intensivstation landen. Nebenbei untersucht er auch die kleinen Mädchen und Jungen, die in der benachbarten Asklepios Klinik Altona geboren werden. Dort befindet sich der Großteil seiner Abteilung, der Neonatologie.

Selbst aus Lübeck und Kiel kommen Patienten

Von der Wense ist in Hamburg und im gesamten norddeutschen Raum bekannt. Selbst aus Lübeck und Kiel kommen seine Patienten. Unendlich vielen Kleinen hat er die ersten Schritte ins Leben ermöglicht und so manchen Winzling wochenlang eng begleitet, bis er die Station verlassen konnte. „Ehrlich gesagt, kann ich hier in Altona nicht in Ruhe spazieren gehen, ohne dass ich angesprochen werde von Eltern oder Kindern“, sagt er und lacht. „Am Anfang führte das hin und wieder zu lustigen Szenen. Meine Frau war schon irritiert, wie viele andere Frauen ich zu kennen schien.“

Mittlerweile habe sie sich natürlich daran gewöhnt. Und da von der Wense in direkter Nachbarschaft zur Klinik wohnt, lassen sich die Begegnungen nicht vermeiden. Ist ja auch schön: „Es bringt immer Spaß, größere Jungen und Mädchen zu treffen, die man einmal betreut hat. Das macht diesen tollen Beruf ja aus.“ Unzählige Karten und Basteleien von Patienten hat er aufbewahrt – als Erinnerung an die kleineren und größeren Erfolge seiner Arbeit.

Studiert hat der freundliche Mann mit der sanften Stimme in Würzburg, Berlin und Kapstadt. Erst einmal Medizin, wie es so üblich ist. „Aber die Kinderheilkunde hat mich schnell begeistert. So stand außer Frage, dass ich diesen Weg einschlagen werde.“ Es folgten Stationen an der Kinderklinik der Universität Würzburg, an der Uniklinik Berlin und als Oberarzt in Kassel.

Die Kleinen sind nicht transportfähig

Mit genau 40 Jahren kam dann der Ruf aus Hamburg. Im Jahr 2000 wurde von der Wense Chefarzt der Neonatolgie und der Intensivstation des AKK. „Hamburg ist eine so wunderbare Stadt. Da war klar, dass ich dieses Angebot einfach annehmen musste.“

Seine Klinik, die Neonatologie, ist direkt an die Geburtsstation der Asklepios Klinik Altona (AKA) angeschlossen und liegt auch auf dem Gelände des großen Komplexes. Was zunächst etwas komisch klingt, ist eigentlich ganz logisch: „Schließlich müssen wir da sein, wo die Babys geboren werden“, so von der Wense. Gerade die Kleinen, die deutlich vor dem Geburtstermin auf die Welt kommen würden, seien nicht transportfähig.

Ende 2020 sollen 24 neue Einheiten entstehen

Also muss alles unter einem Dach untergebracht werden. So ist die Frühchenstation des Altonaer Kinderkrankenhauses, das mehrheitlich zum Universitätsklinikum Eppendorf gehört, bereits seit 1996 in der AKA. Für von der Wense ein großer Gewinn. „Wir arbeiten toll zusammen“, sagt er. 33 Betten stehen hier zur Verfügung. Dazu stehen weitere 14 Betten nebenan im AKK auf der Intensivstation zur Verfügung. Und weitere acht in der Neonatologie im Albertinen-Krankenhaus. „Gerade die Betreuung der Kleinsten funktioniert nur, wenn man gut zusammenarbeitet. Und das tun wir“, sagt von der Wense, der zwischen den Standorten hin und her pendelt.

Die Station in Altona wird jetzt noch einmal erweitert und modernisiert: „Damit sind wir dann führend in der Stadt.“ Bis Ende 2020 sollen hier unter anderem 24 sogenannte Eltern-Kind-Einheiten zur Verfügung stehen. „Die Forschung zeigt uns ja, dass es allen am besten geht, wenn Eltern und Kinder eng zusammen sein können“, so von der Wense.

Eltern werden eng mit einbezogen

Schon lange würden er und seine Kollegen die Eltern eng mit einbeziehen in Pflege und Behandlung. „Das baut Ängste ab und hilft den kleinen Wesen wirklich. Denn nur in der Nähe der Eltern geht es ihnen richtig gut“, sagt der Arzt. Und: „Wir haben beispielsweise festgestellt, dass Babys, die auf dem Bauch ihrer Mama liegen und deren leise, beruhigende Stimme hören, deutlich regelmäßiger atmen und einen besseren Herzschlag haben.“

Überhaupt durchdenken er und sein Team ständig ihre Arbeit. Überlegen, was sie noch besser machen können. „In unserem Bereich hat sich so viel getan und tut sich noch immer so viel“, sagt von der Wense. „Es ist unheimlich spannend, bei diesem Prozess dabei sein zu können.“

Dennoch plädiert der 58-Jährige für einen unaufgeregten Umgang mit dem Thema Frühgeborene. „Ich bin gegen die Jagd nach Rekorden“, sagt er. Unterhalb der 23. Schwangerschaftswoche sehe er die Chancen für ein vernünftiges Leben skeptisch. „Was bringt es uns, wenn wir berichten können, dass wir ein besonders kleines Baby durchgebracht haben?“ Damit wecke man bei den Eltern Erwartungen, die man nicht erfüllen könne. „Und verursacht im Zweifel viel Leid.“

Eine gute Partie Tennis hilft beim Abschalten

Fragt man von der Wense nach dem Stress, den seine Aufgabe mit sich bringt, winkt er ab. „Im Großen und Ganzen überwiegen die freudigen Ereignisse“, sagt er. Die würden es dann auch erträglich machen, wenn er und sein Team Rückschläge verkraften müssen. „Man darf nicht drum herum reden, wir erleben hier natürlich auch viel Leid“, sagt er. „Aber wir alle würden unsere Arbeit sicher nicht mit einem solchen Engagement machen, wenn das Positive nicht überwiegen würde.“

Erreichbar ist von der Wense für sein Team rund um die Uhr. Es gebe ja schließlich nichts Leichteres, als noch einmal eben nach Feierabend nach nebenan zu gehen, wenn seine Anwesenheit vonnöten sei. Das verstehe nach all den Jahren auch seine Frau. „Trotzdem kann ich zwischendurch gut abschalten“, so der Kinderarzt. Und wenn er dann doch mal abends nach Hause gehe, den Kopf voller Gedanken an seine kleinen Patienten, dann helfe ihm eine Partie Tennis. Von der Wense spielt gern, viel und gut. „Oder wir kochen gemeinsam etwas. Das entspannt ungemein.“

Fragt man von der Wense nach besonders bewegenden Erlebnissen aus seiner langen Zeit an Hamburgs Krankenhäusern, muss er lange nachdenken. „Es gibt so viele schöne Beispiele“, sagt von der Wense

Andere Regeln für Frühgeborene

Um dann von einer jungen Familie aus der Schweiz zu berichten. Die war über Weihnachten und Silvester eigentlich nur zu Besuch bei Freunden in Hamburg. Die junge Frau war in der 24. Woche schwanger. Zum Jahreswechsel habe sie unerwartet Wehen bekommen, das Kind kam mit gerade einmal 490 Gramm zur Welt.

„Dieses kleine Wesen haben wir ohne Komplikationen durch die ersten schweren Wochen bekommen. Und am Ende ist die Familie glücklich in die Schweiz zurückgereist.“ Das Besondere an der Geschichte erzählt Axel von der Wense erst zum Schluss. „Das Mädchen hätte, wenn es zur gleichen Zeit in der Schweiz geboren wäre, vermutlich keine Chance gehabt. Und das aus einem einfachen Grund: Weil dort andere Regeln für Frühgeborene gelten. Und man deshalb für die Kleine vermutlich nichts getan hätte.“