Gewalt im Krankenhaus

Pöbeln und Beißen in den Hamburger Notaufnahmen

Stau in der Notaufnahme: Dr. Michael Wünning (r.), Leitender Arzt, ordnet mit Kollegen die Patienten nach Dringlichkeit ein

Stau in der Notaufnahme: Dr. Michael Wünning (r.), Leitender Arzt, ordnet mit Kollegen die Patienten nach Dringlichkeit ein

Foto: Marcelo Hernandez

Hamburger Kliniken berichten über Gewalt der Patienten gegenüber Ärzten. Bundesweit zeichnen die Mediziner ein düsteres Bild.

Hamburg. Bedrohungen, Beschimpfungen und Schläge: Viele Kliniken in ganz Deutschland berichten von zunehmender Gewalt in den Notaufnahmen. Mitarbeiter sind besorgt. Als Reaktion auf die angespannte Situation leisten sich immer mehr Krankenhäuser einen eigenen Wachschutz und bieten Mitarbeitern ein Training im Umgang mit gewalttätigen Patienten an.

In den vergangenen Jahren sei der Andrang in den Notaufnahmen kräftig gewachsen, hieß es bei einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur unter anderem in Hamburger Krankenhäusern. So ist in den sieben Hamburger Asklepios-Kliniken die Zahl der Patienten in Notaufnahmen zwischen 2006 und 2014 um 40 Prozent gestiegen. Berichte über Zwischenfälle häufen sich auch hier. Genaue Zahlen der Übergriffe werden allerdings nicht erhoben.

"Es werden Finger ausgerenkt"

„Es gibt physische Gewalt, es wird mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen oder es werden Finger ausgerenkt“, zählt Michael Wünning auf, Leitender Arzt am Zentrum für Notfall- und Akutmedizin im Katholischen Marienkrankenhaus in Hohenfelde . „Aber es gibt genauso psychische Gewalt: Verbale Entgleisungen mit übelsten Titulierungen.“

Diese Menschen seien entweder vermindert zurechnungsfähig durch Alkohol und andere Drogen oder psychologisch und in der Wahrnehmung beeinträchtigte Patienten wie etwa Demente, die schon mal kratzen und beißen, sagte Wünning, der auch Sprecher der Leitenden Ärzte der zentralen Notaufnahmen in Hamburg ist. Dazu kämen Menschen, bei denen sich aufgrund sprachlicher und kultureller Barrieren Missverständnisse und Probleme ergeben können.

Wachpersonal bei Asklepios

Asklepios versorgt nach eigenen Angaben mehr als die Hälfte aller Notfallpatienten in Hamburg. „Wir haben keine Zahlen, aber wir wissen, dass es solche aggressiven Patienten in den Notaufnahmen von Brennpunkten gibt – zum Beispiel in unserer Klinik in St. Georg in der Umgebung des Hauptbahnhofs und in der Altonaer Klinik mit St. Pauli als Einzugsgebiet“, sagte Asklepios-Sprecher Franz Jürgen Schell. In diesen beiden Kliniken werde deshalb Wachpersonal eingesetzt.

In der Zentralen Notaufnahme des UKE (Universitätsklinikum Eppendorf) würden die unterschiedlichsten Patienten behandelt. „Hin und wieder befinden sich darunter auch aggressive Patienten“, hieß es in einer schriftlichen Antwort. „Es ist aber bislang zu keinen gravierenden Zwischenfällen gekommen.“ Auch der Sprecher der Hamburger Notaufnahmen, Wünning, betont: „Übergriffe auf Personal sind aber kein Massenphänomen.“ Die große Mehrzahl der wartenden Patienten sei „sehr kooperativ und geduldig“.

Lebensbedrohliche Diagnosen bei Google

Die absolute Zahl der Delikte steigt nach Wünnings Einschätzung deshalb, weil viel mehr Patienten in den Notaufnahmen versorgt würden. In den Vorjahren habe es jährlich einen Anstieg von 5 bis 7 Prozent gegeben. „Ein Grund sind sicher längere Wartezeiten bei bestimmten Fachärzten“, konstatiert der Arzt aus dem Marienkrankenhaus. „Und dann fangen die Menschen an zu googeln. Dr. Google findet zu jedem harmlosen Symptom mindestens eine lebensbedrohliche Diagnose.“ Und bei der aktuellen Situation auf dem Arbeitsmarkt könne sich kaum jemand leisten, krank zu sein. „Dann geht er lieber um 22.00 Uhr in die Notaufnahme.“ Und viele Zugezogene würden ein Hausarztsystem wie in Deutschland aus ihren Heimatländern nicht kennen. „Sie sind es gewohnt, sofort ein Krankenhaus aufzusuchen.“

Ähnlich analysiert der Asklepios-Sprecher die Situation. Zudem: „Viele Patienten wissen gar nicht, dass sie auch zu einem ärztlichen Notdienst gehen können.“ Selbst viele Deutsche ohne Migrationshintergrund verstünden das zweigliedrige Gesundheitssystem nicht.

Wachpersonal und Angebote für ein Deeskalationstraining für Mitarbeiter gibt es an allen angefragten Kliniken. Es sei wichtig, das Vorgehen auf die konkrete Situation abzustimmen, sagte Wünning. „Es macht einen Unterschied, ob ein schwarz gekleideter Mann mit einer Grubenlampe auf dem Kopf und einem Buschmesser im Wartezimmer steht, der offensichtlich psychisch krank ist, oder ob ein angetrunkener Jugendlicher eine Fotowand zerstört und sich die Fotos einfach einsteckt.“ Er habe beides schon erlebt.