Forschung

„Große Fortschritte“ der Hamburger Wissenschaft

Thomas May, Generalsekretär des Wissenschaftsrats, auf der Trostbrücke in der Innenstadt.

Thomas May, Generalsekretär des Wissenschaftsrats, auf der Trostbrücke in der Innenstadt.

Foto: Mark Sandten / HA

Stadt habe wichtige Empfehlungen umgesetzt, sagt der Generalsekretär des Wissenschaftsrats. Er sieht aber noch „Handlungsbedarf“.

Hamburg.  Der Wissenschaftsrat (WR) gilt als das wichtigste wissenschaftspolitische Beratungsgremium in Deutschland. Im Wettbewerb der Exzellenzstrategie ist das Gremium für das Auswahlverfahren der Exzellenz-Universitäten verantwortlich. Seine viermal jährlich stattfindenden Sitzungen werden abwechselnd von den Bundesländern ausgerichtet. Dieses Mal ist Hamburg an der Reihe. Bis zum Freitag tagt der WR in der Hansestadt. Das Abendblatt sprach mit dessen Generalsekretär Thomas May über Hamburgs Ambitionen als Stadt der Wissenschaft und über die von Bund und Ländern beschlossene Fortsetzung der Wissenschaftspakte, die am Mittwoch auch Thema in der Bürgerschaft war.

Hamburger Abendblatt: Wo steht Hamburg als Wissenschaftsstandort im nationalen und internationalen Vergleich?

Thomas May: Hamburg hat als Wissenschaftsstandort zuletzt große Fortschritte gemacht. Das gilt zum einen für die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit der Stadt. Abzulesen ist das daran, dass die Universität Hamburg im Zuge der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder vier Exzellenzcluster, international wettbewerbsfähige Forschungsfelder, eingeworben hat – ein sehr beachtlicher Erfolg. Hamburg ist sehr gut insbesondere in der Physik, in den Klima- und Materialwissenschaften und in diesen Disziplinen auch international sehr gut sichtbar. Zum anderen haben sich die Hamburger Universitäten bei ihrer strategischen Planung verbessert. Die Begutachtungen, die der Wissenschaftsrat im Jahr 2016 für die MINT-Fächer und 2017 für die Geistes- und Sozialwissenschaften in Hamburg durchführte, hat das Land in sehr begrüßenswerter und weitreichender Weise ernst genommen. Unsere Vorschläge sind in wichtigen Teilen schon umgesetzt worden, einige Anregungen auf dem Weg der Umsetzung. In der Summe hat Hamburg die Konkurrenz­situation im nationalen Kontext nun wirklich erkannt und sich Ziele gesetzt.

Der rot-grüne Senat will mit der sogenannten Science City Bahrenfeld zu den großen Wissenschaftsstandorten München und Berlin anschließen. Wie realistisch ist das?

May: Da ist Hamburg auf einem sehr guten Weg. Allerdings gibt es auf verschiedenen Feldern noch Handlungsbedarf.

Wo muss die Hamburger Wissenschaft besser werden?

May: Verbessern lässt sich die Zusammenarbeit zwischen den institutionellen Akteuren, also etwa zwischen den Forschern und Fachbereichen innerhalb der Hochschulen, aber auch innerhalb der Stadt. Das betrifft vor allem die Geistes- und Sozialwissenschaften, die zuletzt nach unserem Eindruck noch in einem Selbstfindungsprozess waren. Sie sollten genauer überlegen: Was soll unser Profil sein, was sind vielversprechende Forschungsschwerpunkte, mit wem können wir gemeinsam auf diesem Weg vorankommen? Aus dem sehr großen Potenzial und dem differenzierten Fächerspektrum, das es an der Uni Hamburg gibt, ließe sich mehr machen. Zuletzt gelang es der Uni, mit dem Forschungsbereich Manuskriptkulturen gegen starke Konkurrenz einen Exzellenzcluster einzuwerben – das finde ich sehr beachtlich. München etwa hat das nicht geschafft, obwohl die Geisteswissenschaften dort auch prominent vertreten sind.

Wie stehen die Chancen, dass die Universität Hamburg eine Förderung als „Exzellenz-Universität“ bekommt?

May: Da der Wissenschaftsrat verantwortlich ist für das Verfahren, dessen Ergebnis am 19. Juli verkündet wird, kann ich zu den Chancen der Uni nichts sagen. Aber: Der Umstand, dass Hamburg jetzt mit nur noch 18 Standorten im Wettbewerb steht, zeigt schon, dass die Uni Hamburg sich bislang gut behauptet hat im Wettbewerb mit allen anderen Universitäten in Deutschland.

Die Technische Universität Hamburg in Harburg (TUHH) soll nach dem Willen des rot-grünen Senats langfristig zu den neun führenden deutschen technischen Universitäten aufschließen. Ist das machbar?

May: Die TUHH hat ihr Profil zuletzt erfolgreich geschärft. Was dort etwa in der Biotechnologie, in der Luftfahrtforschung und im Bereich Maritime Systeme auf den Weg gebracht wurde, ist durchaus beachtlich. Auch beim Transfer, also der Nutzbarmachung wissenschaftlicher Erkenntnisse für die Gesellschaft, ist die TUHH sehr erfolgreich. Wir hatten dem Land empfohlen, unter anderem in der Informatik noch mehr zu investieren und diesen Fachbereich nicht abzubauen. Dass das Land diesem Rat nachgekommen ist, begrüßen wir außerordentlich. Es gibt nun ein grundlegendes Wachstumskonzept für die TUHH über zehn Jahre, mit dem auch neue Professuren geschaffen werden sollen. Natürlich haben technische Universitäten wie die RWTH Aachen und die TU München mit Blick auf ihr Fächerspektrum und ihr Personal noch eine völlig andere Größe. Trotzdem lohnt es sich, den ingenieurwissenschaftlichen Standort in Harburg zu stärken. Dabei ließen sich Kooperationen zwischen der TUHH und der Uni Hamburg ausbauen.

In seinem MINT-Gutachten von 2016 schrieb der Wissenschaftsrat, an der HafenCity Universität (HCU) führe der Abbau frei werdender Professuren in der Lehre zu „teilweise existenzbedrohenden Einbußen“, die finanzielle Situation sei „nicht tragbar“. Steht die HCU nun besser da?

May: Nach unserem Weckruf hat das Land eine Gutachterkommission eingesetzt, die sich auch um die von uns festgestellten Defizite kümmerte. Das betraf vor allem die Finanzierung und die Forschung. Wir werden uns bald mit Unterstützung des Landes anschauen, was aus den Empfehlungen geworden ist.

In der Science City Bahrenfeld soll die Kooperation zwischen Forschung und Firmen eine wichtige Rolle spielen. Besteht nicht die Gefahr der zunehmenden Einflussnahme von Dritten auf die Forschung?

May: Natürlich ist darauf zu achten, dass die Autonomie der Wissenschaft auch in der Zusammenarbeit mit der kommerziell orientierten Privatwirtschaft so weit gewahrt bleibt, wie es dem Selbstverständnis der Wissenschaft entspricht. Sie muss ihre eigenen Fragestellungen wählen können, sie muss die Qualität ihrer Arbeit selber sichern, Ergebnisse publizieren können. Bisher funktioniert das problemlos, ich sehe hier keine ernste Gefahr. Grundsätzlich sollten Forscher Transparenz herstellen über die Kooperationsprojekte, die sie unterhalten, sodass nicht der Eindruck entsteht, öffentlich finanzierte Wissenschaft werde missbraucht, um privatwirtschaftliche Interessen zu bedienen.

Was muss in der Wissenschaft deutschlandweit besser werden?

May: Ich möchte zwei Probleme hervorheben: Die Hochschulen sind seit Jahren strukturell unterfinanziert, mit der Folge, dass sie fehlende Haushaltsmittel durch Drittmittel kompensieren. Das hat unter anderem das zweite Problem zur Folge, nämlich einen Befristungsanteil beim wissenschaftlichen Personal, den ich für deutlich zu hoch halte. Dass nun von Bund und Ländern beschlossen wurde, unter anderem den Hochschulpakt zu entfristen, wird zwar zu einer besseren Grundfinanzierung beitragen, es reicht aber nicht aus. Die Länder – auch Hamburg – müssen weiterhin prüfen, wie sie die Grundfinanzierung verbessern und mehr in dauerhafte Beschäftigungsverhältnisse vor allem für den wissenschaftlichen Nachwuchs investieren können.