Tierschutz

Hunde aus Osteuropa in Hamburg – das Streitgespräch

Streitgespräch zum Thema "Hundeimport aus Osteuropa" zwischen der Vorsitzenden der Hamburger Tierärztekammer Dr. Susanne Elsner und der Tierschützerin/Hundeimportbetreiberin Anja Laupichler.

Streitgespräch zum Thema "Hundeimport aus Osteuropa" zwischen der Vorsitzenden der Hamburger Tierärztekammer Dr. Susanne Elsner und der Tierschützerin/Hundeimportbetreiberin Anja Laupichler.

Foto: Marcelo Hernandez

Sollten Vierbeiner importiert werden? Tierschützerin Anja Laupichler diskutiert darüber mit Tierärztin Susanne Elsner.

Hamburg.  Der Abendblatt-Bericht über den Import von Hunden aus Osteuropa hat eine Kontroverse ausgelöst. Der Vorsitzende der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz, Dr. Andreas Franzky, und die Präsidentin der Hamburger Tierärztekammer, Dr. Susanne Elsner, kritisierten im Abendblatt, dass Tierschützer immer mehr solcher Hunde nach Deutschland holen. Sie warnten vor den Folgen.

Tierschützer gegen Tierexperten

Viele Tierschützer waren anderer Meinung als die Experten. Auch Anja Laupichler wollte das so nicht stehen lassen. Die Einkäuferin ist in ihrer Freizeit seit vielen Jahren als Tierschützerin aktiv und hat mit ihrem in Schleswig-Holstein ansässigen Verein „Vierbeiner in Not“ allein dieses Jahr bereits 80 Hunde aus Osteuropa nach Deutschland geholt. Jetzt trafen sich Dr. Elsner und Laupichler zum Streitgespräch.

Hamburger Abendblatt: Frau Dr. Elsner, Sie haben nach dem Artikel „Tierärzte warnen vor Hunden aus Osteuropa“ viele Rückmeldungen von Tierschützern bekommen. Mit welchem Tenor?

Viele fühlten sich auf die Füße getreten. Es geht mir aber nicht um den einzelnen Hund oder Tierschützer, sondern um das Anprangern von mafiösen Strukturen und Leuten, die sich unter dem Deckmantel Tierschutz bereichern. Außerdem bin ich der Meinung, dass man die Situation der osteuropä­ischen Hunde nur vor Ort verbessern kann. Durch Kastration- und Impfprogramme sowie Aufklärung. Es gibt Organisationen, die das hervorragend machen, und es gibt Organisationen, die das kriminell machen. Außerdem gibt es viele, die im besten Wissen und Gewissen Gutes tun wollen, aber letztendlich den mafiösen Strukturen vor Ort auf den Leim gehen. Rund 70 bis 80 Prozent der Tiere aus Osteuropa werden für den westeuropäischen Markt produziert. Das sollte nicht ignoriert werden. Außerdem entsteht durch den Import eben auch eine Gesundheitsgefahr für den lokalen Tierbestand und für Menschen.

Laupichler: Es muss klar unterschieden werden zwischen seriösem Tierschutz und unseriösem Tierschutz. Das kann mitunter sehr schwer sein, aber durch die Arbeit seriöser Organisationen in Ländern wie Rumänien verbessert sich die Situation vor Ort. Es gibt inzwischen Gebiete, in denen es fast keine unkas­trierten Straßenhunde mehr gibt.

Weil die alle nach Deutschland geholt wurden?

Laupichler: Nein, durch Kastrationsprogramme vor Ort. Hunde, die auf der Straße geboren und aufgewachsen sind, sollten nicht nach Deutschland geholt werden, da sie nicht sozialisiert sind. Aber Hunde, die in einer Familie groß geworden und ausgesetzt wurden, schon. Das sieht man den Hunden an, die betteln um Hilfe. Den normalen Straßenhund fangen wir mit Fallen und kastrieren ihn und lassen ihn da, wo er ist. Aber die, die keine Chance auf der Straße haben, holen wir her.

Dr. Elsner: Ich habe jahrelang meinen Urlaub in Tierschutzprojekten verbracht, und da hat kein Hund das Land verlassen. Wenn ich Straßenhunde entnehme, dann mache ich Platz frei für unkastrierte und nicht geimpfte Hunde, und das Problem geht von vorne los. Ich sehe keinen Sinn darin, die Hunde herzuholen. Stattdessen sollte vor Ort kas­triert und geimpft werden.

Laupichler: Ich bin grundsätzlich Ihrer Meinung. Wir müssen dahin kommen, dass wir keine Hunde mehr holen müssen, weil sie keine Hilfe mehr brauchen. Wir sind nur noch nicht so weit. Warum sollten Hunde in Rumänien ihr Leben im Tierheim verbringen, die hier eine Chance auf ein tolles Zuhause haben?

Dr. Elsner: Sie schaffen einen Markt, der durch die Produktion von immer mehr Hunden bedient wird. Außerdem importieren Sie Krankheiten. Ein Kothaufen eines mit Parvovirose infizierten Hundes reicht aus, um sämtliche Hunde Hamburgs zu infizieren. Es können hochaggressive, ansteckende Viren eingeschleppt werden – das können auch Impfungen nicht ausschließen. Hunde können gesund erscheinen, aber Erreger in sich haben, die teilweise erst nach Jahren in Erscheinung treten. Fliegen, Zecken und Flöhe übertragen diese dann auf heimische Hunde –und eventuell auch auf Menschen.

Laupichler: Ich verstehe in der Tat nicht, warum Hunde ohne Parvovirose-Impfung nach Deutschland einreisen dürfen. Seriöse Tierschützer würden so etwas auch nicht tun, obwohl die Einreise­bestimmungen dies nicht vorschreiben. Hieran sollte gearbeitet werden. Aber wenn ich mich vor Erregern abschotten will, dürfte ich auch keine Menschen aus anderen Ländern hierherholen. Ich helfe Tieren und versuche dies in meinen Möglichkeiten, wo ich kann, nach meinem besten Wissen und Gewissen.

Dr. Elsner: Ich kann Sie ja verstehen, dass Sie sagen, ich mache aus tiefstem Herzen Tierschutz und vermittle Hunde. Sie schaffen dort aber auch einen Markt. Meine osteuropäischen Kollegen sagen: „Wir sind eigentlich in der Lage, das Problem zu lösen, aber ihr schafft in Deutschland eine Nachfrage, und die wird bei uns befriedigt.“ Und das zum Teil mit sehr fragwürdigen Mitteln. In meine Praxis kommen oft Menschen mit Impfpässen oder EU-Heimtierausweisen aus Osteuropa, die Unregelmäßigkeiten aufweisen, die ein Laie nicht erkennt.

Laupichler: Ja, man muss darauf achten, dass in Rumänien keiner daran verdient, dem es nicht zusteht, damit keine Hunde extra hierfür produziert werden. Es ist schwer, seriöse Partner zu finden. Ich muss Menschen suchen und mit ihnen zusammenarbeiten, bei denen ich das Gefühl habe, ihnen trauen zu können.

Dr. Elsner: Für mich sind seriöse Organisationen solche, die im Kerngeschäft kastrieren und nur im äußersten Notfall, als minimalen Teil ihrer Arbeit, Hunde aus Osteuropa vermitteln.

Laupichler: Da stimme ich Ihnen zu. Wir planen aktuell auch den Bau einer Quarantänestation in Rumänien und wollen im Herbst eine größere Kastrationsaktion durchführen. Kastration und Aufklärung vor Ort sind das Wichtigste.