Stadtbild

„Alarmierend“: Hamburg verliert 600 Bäume pro Jahr

Manchmal trifft es auch Hamburgs Visitenkarte: Arbeiter beschneiden einen Baum im Alstervorland. In der diesjährigen Fällsaison mussten 1000 Bäume weichen.

Manchmal trifft es auch Hamburgs Visitenkarte: Arbeiter beschneiden einen Baum im Alstervorland. In der diesjährigen Fällsaison mussten 1000 Bäume weichen.

Foto: dpa Picture-Alliance / Hinrich Bäsemann / picture alliance / Hinrich Bäsem

Umweltbehörde räumt Defizit bei Fällungen und Neupflanzungen ein. Naturschutzbund kritisiert Verlust scharf. Das sind die Gründe.

Hamburg.  Bauboom, Krankheiten, Altersschwäche – und immer weniger Platz für Ersatz. Das sind die Ursachen für die kontinuierliche Abnahme der Hamburger Straßenbäume in den vergangenen zehn Jahren. Flankierten 2008 noch gut 230.000 Bäume die Straßen der Stadt, sind es momentan nur noch knapp 224.000. Damit verliert die Stadt pro Jahr durchschnittlich 600 Bäume, wie aus einer Auflistung der Umweltbehörde hervorgeht.

Der Hamburger Naturschutzbund (Nabu) nennt diesen fortschreitenden Baumverlust „alarmierend“. Zumal auch in der aktuellen Fällsaison, die von Oktober bis Ende Februar reichte, 1000 Bäume im gesamten Stadtgebiet weichen mussten. Bei bisher lediglich 724 geplanten Nachpflanzungen bleibt wiederholt ein Minus. Nicht grundlos fordert Nabu-Stadtnaturreferentin Katharina Schmidt, „jeden gefällten Baum unbedingt zu ersetzen.“ Wenn der alte Standort nicht erhalten werden kann, müsse ein neuer gefunden werden. „Nur so kann der Abwärtstrend bei den Straßenbäumen gebremst werden.“

Gefällte Bäume in Hamburg: Fast alle Bezirke verzeichnen Pflanzdefizit

Laut Auswertung der Fälllisten in den Bezirken kam die Kettensäge in Mitte (206), in Altona (180) und in Bergedorf (160) am häufigsten zum Einsatz. Außer im Bezirk Nord, in dem 128 Bäume gefällt wurden und auch die gleiche Anzahl nachgepflanzt wird, verzeichnen alle Bezirke ein Pflanzdefizit.

Tatsächlich räumt die Umweltbehörde ein, dass es bei intensiven Bautätigkeiten im Immobiliensektor, dem Busbeschleunigungsprogramm, dem Straßen- und Radwegeausbau oder den anhaltenden Siel- und Leitungsarbeiten eine „große Herausforderung“ sei, den Straßenbaumbestand auf gleichbleibendem Niveau zu sichern. Ohne das zusätzliche „Pflanzgeld“ in Millionenhöhe, das seit 2015 investiert werde, wäre die Lücke zwischen Fällungen und Pflanzungen noch größer, das Defizit sei „zuletzt deutlich verringert worden“. Laut Statistik war es aber ausgerechnet in den vergangenen fünf Jahren mit 5268 Bäumen besonders groß. Die Behörde führt das auf „Sondereffekte“ wie die Herbststürme „Xaver“ und „Herwart“ mit 600 Totalverlusten zurück.

Weniger Bäume in Hamburg: „Stadtbild verändert sich“

Der Nabu-Landesvorsitzende (und ehemalige Umweltsenator) Alexander Porschke befürchtet angesichts dieser Minusrechnung aber einen grundlegenden Wandel in der grünen Anmutung Hamburgs: „Der stetige Verlust von Straßenbäumen verändert nach und nach unser Stadtbild. Dabei braucht gerade ein urbaner Raum Bäume für die Lebensqualität.“ Spätestens der Hitzesommer des Vorjahres habe die Bedeutung und regulierende Wirkung des Grüns gezeigt.

Das Klagen über den Baumverlust kommt dabei jedes Jahr zur gleichen Zeit. Genau wie das Dementi. Regelmäßig nach dem Abschluss der Fällsaison moniert der Naturschutzbund den Grünschwund, kurz darauf erwidert die Umweltbehörde, die Zahlen seien unvollständig, weil die Pflanzsaison erst im April abgeschlossen sei und sich nur danach ein komplettes Bild ergebe. Gleichwohl, so die Behörde, sei eine ausgeglichene Bilanz schwer zu halten, „weil in vielen Fällen nicht nur die Bäume, sondern auch ihre Standorte für Ersatzpflanzungen verloren gehen“.

Sorgenkind an Hamburgs Straßen ist die Kastanie

Die Befürchtung, dass Hamburg dadurch sein Gesicht verändere, teilt die Behörde des grünen Umweltsenators Jens Kerstan nicht. „Hamburg bleibt eine grüne Stadt“, sagt sein Sprecher Jan Dube. Im Übrigen würden sich die monierten Zahlen nur auf die Straßenbäume beziehen, weil nur diese statistisch erfasst werden. Der wahre Hamburger Baumbestand sei weitaus größer. Die Zahl der Parkbäume beispielsweise wird auf etwa eine Million Exemplare geschätzt, hinzu kämen die nicht wenigen Gehölze auf Privatgrundstücken und Waldgebieten wie dem Duvenstedter Brook oder den Harburger Bergen.

Sorgenkind an Hamburgs Straßen bleibt die Kastanie. 6500 Exemplare stehen noch in der Stadt, aber für die in ganz Europa grassierende Komplexerkrankung des Baumes mit dem Pseudomonas Bakterium gebe es keine Behandlungsmöglichkeit. Die Folge: 350 Bäume mussten in den vergangenen fünf Jahren gefällt werden, seit 2014 wird die Rosskastanie nicht mehr neu gepflanzt. Etwa zehn Prozent des Hamburger Bestands leiden momentan unter der Krankheit. Stattdessen werden vermehrt Eichen, Linden und Spitzahorn gepflanzt.

Hamburgs Baumfällung: Behörde steht erst am Anfang der Analyse

Doch diese meist jungen Bäume ersetzen einen alten Baum mit großer Blätterkrone in seinen ökologischen Funktionen nicht vollwertig, kritisiert der Naturschutzbund. Ein Fakt, den die Umweltbehörde im Blick habe. Seit vier Jahren werde deshalb verstärktes Augenmerk auf den Erhalt der „alten Riesen“ gelegt. Im Amt sei angekommen, dass ein gewachsener Baum mehr Biomasse besitze, ein größerer Schattenspender sei und mehr Tieren als Lebensraum diene. Als Kohlendioxid-Speicher trügen sie deutlich mehr zu einem gesünderen Stadtklima bei als junge Bäume. „Deshalb versuchen wir alles, um die Riesen unter Hamburgs Straßenbäumen zu erhalten und gut zu pflegen“, so Behördensprecher Dube.

Zuwider laufen diesem Streben die häufigsten Gründe für den Kettensägeneinsatz. Das sind mit 35 Prozent nämlich Altersschwäche und Krankheitsbefall, dicht gefolgt von „Baumaßnahmen“. Trennscharf unterscheiden lasse sich das aber selten – oftmals werde erst die Wurzel bei Bautätigkeiten geschädigt, später gehe die Standsicherheit verloren oder der Baum ganz ein und müsse gefällt werden. Die Behörde stehe erst am Anfang der Analyse, bei der auch das sich verändernde Stadtklima für einige Baumarten eine Rolle spielt. Bezirke und Senat hätten aber das Ziel, den Schwund so gering wie möglich zu halten. Die Rahmenbedingungen in einer wachsenden Stadt mit Wohnungsbaupriorität blieben trotzdem: „schwierig“.