Hamburger Pilotprojekt

Lkw-Abbiegeassistent: Leben retten mit Kamera und Sensor

Innensenator Andy Grote (SPD) am Steuer eines Lkw bei der Präsentation des Abbiegeassistenten.

Innensenator Andy Grote (SPD) am Steuer eines Lkw bei der Präsentation des Abbiegeassistenten.

Foto: picture alliance/dpa/Markus Scholz

Hamburg testet in 18 städtischen Fahrzeugen ein System, das hilft, tödliche Unfälle zu vermeiden. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Hamburg. Der Senat will den Einsatz von technischen Abbiegeassistenten bei Lkws vorantreiben. Jetzt startet die Stadt ein Pilotprojekt. Das Abendblatt beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wozu dienen die Abbiegeassistenzsysteme?

Lastwagen müssen schon heute mindestens sechs Außenspiegel haben, damit der Fahrer einen möglichst guten Überblick hat, was vor und neben seinem Fahrzeug passiert. Allerdings sind es oft gewölbte Spiegel, die das Bild verzerren und so die Situation nicht richtig wiedergeben. Sie werden aber gebraucht, um einen möglichst großen Überblick zu haben. Trotzdem gibt es „tote Winkel“, die über die Spiegel nicht einsehbar sind.

Was ist die Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer?

Gerade beim Rechtsabbiegen kam es in der Vergangenheit immer wieder zu schweren, manchmal tödlichen Unfällen. Zuletzt wurde am vergangenen Montag ein 48 Jahre alter Radfahrer getötet, als er in Stellingen von einem abbiegenden Lastwagen erfasst wurde. Radfahrer sind von solchen Abbiegeunfällen immer wieder betroffen. Bundesweit gibt es laut ADAC mehrere Dutzend Radfahrer, die durch solche Unfälle jährlich in Deutschland sterben. In Hamburg kamen im vergangenen Jahr zwei Radfahrer bei Verkehrsunfällen ums Leben. An der Osterstraße starb eine 33 Jahre alte Mutter bei einem Lkw-Abbiegeunfall.

Wie funktioniert der Abbiegeassistent?

Es gibt mehrere Varianten. Sie arbeiten entweder mit Sensoren oder Ultraschallsignalen oder wie ein Radar. Es gibt aber auch eine Variante, die nur über Bildauswertung arbeitet. So ein System kann erkennen, ob sich jemand auf den Lastwagen zu- oder wegbewegt. Der Fahrer wird, droht Gefahr, über ein akustisches Signal gewarnt. Zudem gibt es eine Kamera. Das Bild wird auf einen Monitor in die Fahrerkabine übertragen. Gute Systeme lösen den Piepton nur aus, wenn der Fahrer den Blinker gesetzt oder das Lenkrad zum Rechtsabbiegen eingeschlagen hat. So wird er nicht überlastet oder durch ein zu häufiges Piepen dazu verleitet, den Warnton zu unterdrücken.

Was erhofft man sich von dem System?

Selbst die Anbieter versprechen keine 100-prozentige Sicherheit. Unfallforscher gehen davon aus, dass die Zahl der tödlichen Abbiegeunfälle um bis zu 60 Prozent reduziert werden kann.

Gibt es Gefahren?

Kritiker befürchten, dass sich einige Radfahrer noch sorgloser im Verkehr verhalten könnten.

Wie läuft das Pilotprojekt konkret ab?

In Hamburg werden 18 Fahrzeuge mit einem zulässigen Gesamtgewicht von mehr als 3,5 Tonnen mit je einem der drei jetzt im Test befindlichen Systeme ausgestattet. Sie sind monatlich mindestens 500 Kilometer unterwegs. Alle zwei Monate werden die durch Befragung der Fahrer gewonnenen Ergebnisse vom Statistikamt Nord ausgewertet und vom Landesbetrieb Verkehr analysiert. Nach sechs Monaten wird entschieden, welches oder welche Systeme geeignet sind.

Wer macht bei dem Pilotprojekt mit?

Dabei sind die Behörde für Inneres, die schwere Fahrzeuge bei der Feuerwehr oder Polizei hat, die Behörde für Kultur und Medien, die beispielsweise Transporter des Thalia Theaters ausrüstet, die Justizbehörde, die große Gefangenentransporter in ihrem Fuhrpark hat, sowie Fahrzeuge der Bezirksämter Altona, Mitte, Wandsbek, Nord und Harburg. Von den städtischen Unternehmen beteiligen sich die Stadtreinigung, Hamburg Wasser und die Friedhöfe. Außerdem sind drei private Speditionen dabei.

Wie wird das Projekt finanziert?

Pro Abbiegeassistenzsystem, je nach Typ, müssen Kosten zwischen 700 und 2000 Euro eingeplant werden. In der Pilotierungsphase werden 30.000 Euro bereitgestellt. Die privaten Teilnehmer erhalten einen Zuschuss von 1000 Euro pro Fahrzeug.

Was passiert nach Ende des Pilotprojekts?

Alle großen 2200 Fahrzeuge der Stadt und der stadteigenen Unternehmen sollen in eineinhalb Jahren mit dem System ausgerüstet werden. Dafür werden dann mehrere Millionen Euro ausgegeben.

Welches Interesse haben die Speditionen an dem Projekt?

Viele Fahrer möchten dieses System in ihrem Fahrzeug haben. Es gibt ihnen zusätzliche Sicherheit. Bei einem tödlichen Unfall droht ihnen schnell eine Anklage wegen fahrlässiger Tötung.

Warum will Hamburg eine europaweite Lösung?

Viele Lkw, die auf Hamburgs Straßen unterwegs sind, kommen von außerhalb, oft aus dem Ausland. Nur eine internationale Lösung bringt dieses System flächendeckend auf die Straßen. Ziel ist es, das System als Grundausstattung in neue Fahrzeuge ab Werk zu verbauen und viele Lkw damit nachzurüsten.