Architektur

City-Hof am Klosterwall: Ein Hamburger Denkmal fällt

Die City-Hochhäuser am Hauptbahnhof 1957 – damals standen die Hochhausscheiben für Hamburgs Aufbruch in die Moderne.

Die City-Hochhäuser am Hauptbahnhof 1957 – damals standen die Hochhausscheiben für Hamburgs Aufbruch in die Moderne.

Foto: ullstein bild

Denkmalgeschützte Gebäude waren am Ende mehr ein großes Symbol als große Architektur – nun können sie abgerissen werden.

Hamburg. Der Kampf ist vorbei, die Entscheidung gefallen. Wenn nicht noch auf den letzten Metern etwas Unvorhersehbares dazwischenkommt, ist der City-Hof am Klosterwall bald Geschichte. Und damit endet einer der erbittertsten Kämpfe um Denkmalschutz, um Erhalt und um das architektonische Erbe der Stadt. Ja, es ist vielleicht eine der seltsamsten Architekturgeschichten der Hansestadt überhaupt – die Entwicklung eines Gebäude vom bewunderten „weißen Schwan“ zum verabscheuten „hässlichen Entlein“ – und zurück.

Als das Hochhaus im Jahr 1958 fertiggestellt worden war, blickten die Zeitgenossen begeistert auf das Gebäude gegenüber dem Hauptbahnhof. Es war ein Bau der Superlative: 6000 Quadratmeter Grundfläche nimmt er ein, drei Kellergeschosse bieten Platz für 400 Autos, die seinerzeit größte unterirdische Garage der Stadt. Elf Stockwerke hoch wächst der City-Hof in den Hamburger Himmel, sagenhafte 15 Millionen DM waren verbaut worden und 5000 Menschen sollten hier Arbeit finden.

Es passt in die Zeit der Wirtschaftswunderzahlen, dass das Abendblatt am 13. Juli 1956 stolz vermeldete: „Richtfest mit 800 Eisbeinen.“ Der Entwurf des Architekten Rudolf Klophaus, der in den Jahrzehnten zuvor wichtige Backsteinbauten in der Hansestadt errichtet hatte, traf mit seinem Spätwerk den Geschmack der Zeit. Anders als zunächst geplant, verkleidete er die vier quergestellten Hochhausscheiben nicht, wie ursprünglich geplant, mit gelben Klinkersteinen, sondern mit weißen Leca-Platten. „Ein eindrucksvoller Blickfang“, befand das Abendblatt. Und ein modernes Entree für die Innenstadt.

In alten Führern spielt der City-Hof keine Rolle

Es sind gerade diese Hochhäuser, die den späteren Bundesfinanzminister Manfred Lahnstein an seinen allerersten Hamburg-Besuch erinnern werden: „Als wir morgens früh mit dem Zug in Hamburg einliefen, haben mich die City-Hochhäuser schwer beeindruckt: Das ist eine Großstadt, dachte ich.“

Häuser sind eben Kinder ihrer Zeit. Viel lieber als die dunklen Backsteinbauten, die Hamburg heute als Weltkulturerbe international bekannt machen, mochten die Menschen der Nachkriegsjahre die helle Moderne. Mit seiner Keramikfassade und den braunen Holzfenstern gehörte der alte City-Hof zu einem beliebten Fotomotiv. Klophaus gelang ein durchaus gelungener Kontrast zum Kontorhausviertel und ein Anklang an die Moderne der 20er-Jahre.

Aber ist der City-Hof auch gute Architektur? Daran scheiden sich die Geister. So richtig funktioniert hat die Einkaufspassage im Sockel nie, die das Kontorhausviertel mit der Innenstadt verbinden sollte. Stattdessen wurde sie mehr und mehr zu einer städtebaulichen Barriere. Schlimmer noch: Die Umbauten und Sanierungen der 70er-Jahre zerstörten die Ästhetik des Gebäudes total. 1972 ersetzen Kunststofffenster die alten Schwingflügel-Holzfenster, fünf Jahre später verschwanden die weißen Leca-Platten hinter abstoßenden grauen Eternitplatten. Der weiße Schwan war zu einem hässlichen Entlein geworden.

Die Stimmung schlug um

Wer in Architekturführern der folgende Jahrzehnte blättert, wird den City-Hof nicht finden. Zwar ist der Architekt Klophaus stets vertreten, aber nur mit seinen Bauten der Vorkriegszeit. Sowohl im Buch „Architektur in Hamburg seit 1900“ von Volkwin Marg, erschienen 1993, als auch im Architekturführer von Dirk Meyhöfer von 2007 sucht man den Kontorhausbau vergeblich. Wenn es um den City-Hof ging, regierten damals die Negativschlagzeilen: „In Hamburg steht das schlechtes Parkhaus Deutschlands“, hieß es 2010.

Längst galten die Hochhäuser als Problem: Schon 2005 hatte der Trägerverbund Innenstadt einen städtebaulichen Wettbewerb für die Neugestaltung an dieser Stelle veranstaltet. Der damalige Oberbaudirektor Jörn Walter erklärte seinerzeit, es gehe darum, die historische Stadtkante wieder erlebbar zu machen und attraktive fußläufige Verbindungen zur HafenCity zu schaffen. Und im Sommerloch ließen Hamburgs Boulevardzeitungen regelmäßig die Bagger auffahren, um die Bausünde zu beseitigen.

Solange das Bezirksamt Mitte aber dort untergebracht war, musste die Abrissbirne warten. In Umfragen aber sprachen sich stets Mehrheiten für eine Beseitigung der grauen Klötze aus. In diesem Jahrzehnt begann die Stimmung sich zu verändern - wie eine Wanderdüne setzten sich die Meinungen in Bewegung. Das Thema Stadtplanung avancierte vom Minderheiten- zum Spitzenthema.

2014 gründete sich die Initiative City-Hof

Spätestens mit der Besetzung des Gängeviertels 2009 und der daraus resultierenden Debatte um das Antlitz Hamburgs änderten sich zwei Dinge: Zum einen zeigte der von breiten Schichten getragene Widerstand im Gängeviertel, wie weit das Unbehagen über die renditegetriebenen Veränderungen im Stadtbild inzwischen reichen, zum anderen bewiesen die Künstler: Protest hilft. Das Gängeviertel wurde vor den Abrissbirnen gerettet.

Dadurch fühlten sich Denkmalfreunde motiviert, sich verstärkt für den abrissbedrohten City-Hof einzusetzen. 2014 gründete sich die Initiative City-Hof. Ihr kommt zupass, dass 2013 der City-Hof unter Denkmalschutz gestellt wurde – obwohl der Senat schon damals das Gebäude abtragen wollte. Eine Animation des Architekten und Autors Volkwin Marg befeuerte die Debatte um den Erhalt zusätzlich: Er präsentiert in der Ausschreibung einen Entwurf, der die Ladenpassage wiederbeleben, die weiße Fassade zurückholen und 310 Wohnungen in den Türmen schaffen sollte. Damit sah die Öffentlichkeit nicht nur den bemitleidenswerten Ist-Zustand des Gebäudes, der selbst in Wladiwostok, Kaliningrad oder Tirana als Hässlichkeit auffiele, sondern den möglichern Zustand nach einer Sanierung.

Denkmalschützer kämpften gegen Senator

Bald wurde daraus der perfekte Sturm: In der Innenstadt rückt der Immobilienboom immer mehr Bauten der Nachkriegsmoderne zu Leibe, die Stadt ändert ihr Gesicht so rasant wie seit den Tagen des sorglosen Wirtschaftswunders nicht. Daraus bildeten sich ganz neue Koalitionen. Linkspartei, CDU und FDP, Heimatvereine und Künstler, Spontis und Konservative marschieren Seit’ an Seit’, immer lauter und schriller wurde die Kritik am rot-grünen Senat und seinem Konzept der Stadtreparatur.

Die Denkmalschützer verbinden Argumente mit Aufrichtigkeit, Engagement mit Emotion. Sie holen den Denkmalschutz aus Hörsälen und Behördenbüros in die Öffentlichkeit, demokratisieren die Stadtplanung. Zugleich sind sie einflussreiche und clevere Kampagneros: Ist es erst nur der Denkmalschutz, wird das Schicksal des City-Hofs später zur Schicksalsfrage des Welterbes insgesamt gemacht. Dann wird sein Erhalt ein gewichtiges Argument in der Öko-Debatte. Darf so viel „Graue Energie“ wirklich vernichtet werden?

Auch der geplante Neubau wird zum Argument gegen den Abriss. Der spektakulär unspektakuläre, der aufreizend langweilige Neubau findet kaum Freunde in der Öffentlichkeit. Nun wird das Welterbe doch zum Problem: Es verlangt am Klosterwall nämlich architektonische Bescheidenheit, um das Kontorhausviertel nicht zu überstrahlen. Eine besondere Pointe in diesem Kampf ist, dass der umstrittene City-Hof unter diesen Voraussetzungen in der Pufferzone niemals hätte errichtet werden dürfen.

Anschwellender Protestgesang

Carsten Broda war um seinen Job in dieser Debatte nicht zu beneiden. Ausgerechnet dem allseits beliebten und sensiblen Kultursenator oblag die Auflage, als Ausputzer des Senats – oder muss es Abrissbirne heißen – aufzutreten, während sich andere höflich wegduckten.

Brosda musste dem anschwellenden Protestgesang der (Kultur-)Szene entgegentreten und zugleich die Denkmalschützer im eigenen Haus überstimmen. „Wir haben 17 Jahre das Für und Wider der Elbvertiefung diskutiert, und nun tauschen wir seit Jahren die immer gleichen Argumente über den City-Hof aus. Bringt uns das wirklich weiter?“ fragte er im August sichtlich genervt vom ewigen Streit.

Gestern meldete er sich betont zurückhaltend ohne Triumphgeheul zu Wort: „Sehr lange und ausführlich haben wir uns in den vergangenen Jahren mit dem Quartier am Klosterwall und dem Abriss des City-Hofes befasst und uns die Entscheidung nicht leicht gemacht. Es wird weiter unsere Aufgabe sein, mit hoher Sensibilität die kommenden Entwicklungen zu begleiten.“ Vielleicht ahnt Brosda ja, dass der Streit vermutlich erst beendet ist, wenn der City-Hof Geschichte ist. Frühestens.