Der Gänsemarkt bekommt ein neues Gesicht – wieder einmal

Der Blick auf das Lessimng-Denkmal auf dem Gänsemarkt.

Der Blick auf das Lessimng-Denkmal auf dem Gänsemarkt.

Foto: Marcelo Hernandez

Hamburgs ewige Baustelle. Nun sollen auch das Deutschlandhaus und die Gänsemarkt Passage verschwinden.

Hamburg. Mit vier Jahren überquerte Jäcki den Gänsemarkt zum ersten Mal in der Straßenbahn. Er hatte Flügel, gelbe Schnäbel, lange Hälse erwartet. Es gab die Lessingstatue nicht mehr, aber es gab das Lessingtheater und ein Stückchen weiter den Ufa-Palast. (...) Jäcki geht von Szagin auf die Hauptfinanzkasse zu. Er bleibt in der Mitte der Straße stehen. Er überquert die Straße. Er dreht der Hauptfinanzkasse den Rücken. Er geht zu den parkenden Autos. Er überquert die Fahrbahn, wo die Taxen stehen. Er überquert die Straßenbahnschienen. Er geht auf die Stadtbäckerei zu. Er geht am neuen Ufa-Palast vorbei. Er überquert die schmale Straße bei Ehmke. Er dreht Ehmke und der Schrift an der Wand – Seid nett zueinander! den Rücken.“ Hubert Fichte (1935–1986) „Die Palette“

Gänsemarkt Passage wurde hoch gelobt

Bei der Eröffnung der Gänsemarkt Passage am 18. Oktober 1979 überließ die Hamburg-Mannheimer Versicherung nichts dem Zufall: Zwei Jazzbands empfingen die neugierigen Hamburger an den Eingängen der Passage mit Musik, die bekannten NDR-Moderatoren Victoria Voncampe und Wolf-Dieter Stubel führten durch das Festprogramm. Glockenschlag 10 Uhr durchschnitten zwei Kinder mit einer goldenen Schere das blaue Band und übergaben die Gänsemarkt Passage dem staunenden Publikum. Zur Feier des Tages spendierten die Betreiber Lebkuchenherzen für die Damen und Luftballons für die Kleinen.

Binnen 18 Monaten hatte der Versicherungskonzern 60 Millionen Mark verbaut und eine Passage geschaffen, die überall in den höchsten Tönen gelobt wurde. „Eines der attraktivsten Shopping-Center, das dank seines hervorragenden Standortes und der guten ­Erschließung durch den öffentlichen Nahverkehr zu einem neuen Anziehungspunkt in der City werden dürfte“, jubelte das Abendblatt und schwärmte von „einem völlig neuen Shopping-Gefühl“. Auf der überdachten Strecke von 90 Metern fand man auf drei Ebenen, was der Zeitgeist 1979 begehrte: Mode, Juwelen, aber auch Indianerketten und Pelze „für Leute von 15 bis 99“. Und: „Eine richtige Bierschwemme darf natürlich nicht fehlen. Die Holsten-Brauerei ist auch in der Gänsemarkt Passage vertreten. ,To’n Klönschnack‘ soll das Lokal heißen, und zum Bier soll es auch einen Klaren geben“, freute sich die Presse.

Passagen haben die tote Innenstadt wieder belebt

Allen Ernstes verglichen Zeitgenossen das, was da am Gänsemarkt entstanden war, mit der berühmten Passage Jouf­froy in Paris. Montmartre und Gänsemarkt – das trauten sich einige in einem Atemzug zu nennen. Der damalige Oberbaudirektor Klaus Müller-Ibold lobte die Umgestaltung der Innenstadt als ganz großen Wurf: „In den 80er-Jahren wird sich eine schrittweise Erneuerung Hamburgs von innen heraus vollziehen, die geplant ist und die es in dieser Form in der langen Geschichte der Städte in aller Welt noch nie gegeben hat.“

Anspruch und Wirklichkeit klaffen in der Hansestadt eben manchmal weiter auseinander als Blankenese und Billstedt. Oft wähnt sich der Hamburger in der Champions League, bewegt sich aber doch nur in der Zweiten Liga. Die Passage in Paris ist noch immer eine Sehenswürdigkeit, die Gänsemarkt Passage soll bald abgerissen werden. Die Mieter protestieren noch, aber die Realität schafft Fakten: Leerstand schon im Erdgeschoss, viele Wechsel, wenig Verkehr. Als einziger Mieter der ersten Stunde trotzt das Blockhouse-Restaurant im ersten Stock den Zeitläuften.

„Der strenge, moderne Bau hat sich dort immer fremd gefühlt“, sagt der renommierte Architekturkritiker Gert Kähler. „Das ist aber keine schlechte Architektur.“ 1980 gewann die Passage sogar einen Preis des Architekten- und Ingenieur-Vereins. Es seien Gestaltungselemente aufgegriffen worden, die einen Vergleich mit der technisch orientierten Schifffahrtsarchitektur erlauben, lobte damals die Jury das Werk des Hamburger Architektenbüros Graaf, Schweger und Partner.

„Die Passagen sind die Schaufenster der Weltstadt.“

Bezogen auf die Formensprache sei die Gänsemarkt Passage der modernste Bau unter den zahlreichen Hamburger Passagen, betont Kähler. „Und sie hat wie alle diese Passagen der Stadt etwas gegeben – damit gab es einen Weg vom Gänsemarkt zu den Colonnaden.“

Kähler erinnert an die Krise, die vor einem halben Jahrhundert dem westlichen Teil der Innenstadt schwer zu schaffen machte. „Dieser Bereich lag danieder – die Passagen haben ihn wieder belebt. Das war gut für die Stadt.“ Rund 500 Millionen Mark flossen in einem Jahrzehnt in die „City unter Dach“. Tatsächlich brachten die überdachten Einkaufsstraßen, die aneinandergereiht mehr als einen Kilometer lang waren, das Leben zurück in die City. Vom Jungfernstieg durch den Hamburger Hof, in die Alte Post über Galleria, Kaufmannshaus zum Hanse-Viertel, durch die inzwischen umgebaute Gerhof-Passage zum Neuen Gänsemarkt und via Gänsemarkt Passage zu den Colonnaden – das versprach Einkaufsvergnügen auch bei Hamburger Wetter.

„Die Passagen sind die Schaufenster der Weltstadt, ihre Visitenkarte“, schrieb der Autor Erik Verg 1990. „Die ,tote‘ Innenstadt lebt wieder.“ Tatsächlich zählte allein das Hanse-Viertel an langen Sonnabenden damals 60.000 Passanten, die sich durchschnittlich zwei Stunden im neuen „Gängeviertel“ aufhielten. Bewerber für eine Ladenfläche mussten sich auf lange Wartelisten setzen lassen. Die Betreiber stellten höchste Ansprüche und wachten mit Argusaugen über den richtigen Branchenmix.

Heute, sagt Kähler, sei die große Zeit der Passagen wohl vorbei. Die Einkaufsgewohnheiten hätten sich geändert, der Internethandel grabe dem stationären Handel das Wasser ab. „Mehrgeschossige Passagen hatten es schon zu ihren Hochzeiten schwer – das gilt heute natürlich in besonderem Maße.“

Beste Zeit des Gänsemarktes liegt rund ein Jahrhundert zurück

War die Gänsemarkt Passage am Ende nur ein weiteres Versehen in der an Irrtümern reichen Geschichte dieses großstädtischen Platzes mit seiner jahrhundertealten Tradition, seinen Hochzeiten und Tiefpunkten? War sie eine Laune des Zeitgeistes, die in einigen Jahrzehnten vergessen sein wird?

Die vermutlich beste Zeit des Gänsemarktes dürfte rund ein Jahrhundert zurückliegen. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es wohl keinen großstädtischeren, keinen faszinierenderen Platz in Hamburg.

Dort wurde Weltgeschichte geschrieben: Am 14. Mai 1912 brachten zwei Schutzmänner einen elegant gekleideten Toten ins Hafenkrankenhaus. Der Unbekannte war auf dem Gänsemarkt zusammengebrochen und auf dem Weg in die Klinik gestorben, in der Droschke HH 982. Da der Mann keine Papiere bei sich trug, wurde er in die städtische Leichenhalle gebracht. Bald stellte sich heraus: Es war nicht irgendein Toter, es handelte sich um den dänischen König Friedrich VIII.

Rasch machten Gerüchte die Runde, die sich nie ganz entkräften ließen: So soll der Monarch seinen Herzinfarkt in einem Edelbordell in der Schwiegerstraße (heute Kalkhof) erlitten haben. Die Spekulationen berufen sich auf den Polizeiinspektor, der 1912 der dänischen Zeitung „Politiken“ sagte: „Im Übrigen bin ich nicht in der Lage, weitere Aufklärungen zu geben, da die Polizei beschlossen hat, die Resultate der Ermittlungen aus Furcht, die dänische Königsfamilie zu verletzen, nicht öffentlich zu machen.“

Die Ecke rund um den Gänsemarkt war über Jahrzehnte ein Nachtjackenviertel – durchaus mondän rund um den Jungfernstieg herum, verrucht in den engen Gassen Richtung Gängeviertel. Überall pulsierte das Leben. Das Restaurant Ehmke am Gänsemarkt 50 nannte sich stolz das „älteste Wein-Restaurant“ Hamburgs und war eine Institution in Sachen „Hummer, Austern, Kaviar“. Exklusive Etablissements, Spielcasinos, Nachtlokale versprühten Weltstadtflair. Das Lichtspielhaus Lessingtheater am Gänsemarkt lockte wie das Waterloo-Theater an der Dammtorstraße die Cineasten in die Stadt. Und an der Drehbahn 15/23 fassten die Säle von Sagebiels Eta­blissement Hunderte Feiernde.

Das Kino wurde in einen spektakulären Bau integriert

Dort wollte die Ufa 1929 das größte Kino Europas errichten. Es wurde in einen spektakulären Bau integriert, der in Kürze ebenfalls dem Erdboden gleichgemacht werden soll – im Deutschlandhaus der Architekten Fritz Block und Ernst Hochfeld. Der Großbau an der Ecke Dammtorstraße/Valentinskamp steht wie nur wenige für ein Großstadtprojekt der 20er-Jahre.

Er gab der Straße, die verbreitert und eingefasst wurde, und der Stadt ein neues Gepräge – ein moderner Mehrzweckbau mit Kino, Geschäften, Restaurants und einem Warenhaus. Das Deutschlandhaus strahlte weit über die Stadtgrenzen heraus. Der Autor Roland Jaeger hat den jüdischen Architekten und dem Deutschlandhaus als dem „markantesten Hamburger Beispiel der deutschen Architekturmoderne der 20er-Jahre“ 1996 ein ganzes Buch gewidmet.

Der Investor, die Berliner Grundwert AG, spekulierte auf attraktive Renditen: Großkinos nach amerikanischem Vorbild waren damals extrem populär, Büros und Cafés sollten das Risiko minimieren, schließlich nahm der Bau den gesamten Block zwischen Drehbahn und Valentinskamp ein. Der Auftrag ging – angeblich vom Schauspieler Gustaf Gründgens persönlich vermittelt – an die jungen Hamburger Architekten Block und Hochfeld.

Sie entwarfen einen modernen Bau, der sich mit seiner horizontalen Gliederung, den großzügigen Fensterbändern und zwei Staffelgeschossen vom Gekannten abhob und mit der großen Lichtreklame für Zeitgenossen unglaublich modern wirkte. Journalisten feierten den „Durchbruch der Neuzeit.“ Durch den von Fritz Schumacher eingeforderten Backstein fügte sich das Deutschlandhaus in das Ensemble am Gänsemarkt harmonisch ein.

Schumacher war es auch, der am 21. Dezember 1929 Zeuge der großen Eröffnungsparty wurde. Mit anderen Honoratioren der Stadt schritt der Oberbaudirektor die Marmortreppe hinauf, um den größten Kinosaal Europas zu bestaunen. Dessen Opulenz innen passte schlecht zur äußeren Schlichtheit des Gebäudes. Eine Täfelung mit kaukasischem Nussbaum, vergoldete Bänder und Holzfiguren, eine Saaldecke mit ovaler Lichtkuppel und 2667 Kinositze, alle samtrot bezogen. Die Zeitungen schwärmten über „einen märchenhaften Palast“ und feierten das „schönste Theater der Welt“.

Anders las es sich in der KPD-Presse, der „Hamburger Volkszeitung“: „Während sich die feine Bourgeoisie in den Sesseln wälzt, die hornbebrillten Monokelfritzen und Jonglettetanten sich der Darstellung erfreuen, sitzen die Familien der Schöpfer dieser Luxusstätte, die Arbeiterfamilien, in dunklen Kellerlöchern und führen ein Hungerdasein.“ Tatsächlich schufteten zeitweise 1500 Menschen auf der Großbaustelle am Gänsemarkt, vier Arbeiter kamen dabei ums Leben.

Das Deutschlandhaus sollte zuerst „Piccadilly“ heißen

Davon war bei der Eröffnung natürlich keine Rede. Das Ufa-Palast-Symphonie-Orchester spielte auf, nach dem Vorprogramm mit Tänzern und Wochenschau flimmerte das Bergdrama „Die weiße Hölle vom Piz Palü“ über die Großleinwand; Regisseur Arnold Fanck und Hauptdarstellerin Leni Riefenstahl saßen im Eröffnungspublikum.

Die Feier, acht Wochen nach dem Schwarzen Freitag an den Weltbörsen, wurde zu einem Statement in einer krisenhaften Zeit, das einem Pfeifen im Walde glich. „Wenn die Ufa den Mut hat, aller Krisenlust in Deutschland zum Trotz in Hamburg ein Haus zu eröffnen, wie Deutschland kein zweites besitzt, so offenbart sie damit den Glauben an die Genesung unseres wirtschaftlichen Lebens“, hieß es in der Festschrift.

Auch der Name des Hauses war Programm. Ursprünglich sollte das Gebäude „Piccadilly“ heißen, was zu wütenden Debatten in der Stadt führte. „Was sollen die unter uns lebenden Engländer von dieser Londonfeixerei bei uns denken?“, empörte sich der Präses der Deputation für Handel, Schifffahrt und Gewerbe. So wurde es ein weniger umstrittenes „Deutschlandhaus“.

Doch die Rechnung der Investoren, mit dem neuen Palast üppige Renditen zu erwirtschaften, ging nicht auf. Die etablierten Bühnen fürchteten die neue Konkurrenz, worauf der Senat die „Operetten-Konzession“ verweigerte, ohne die großes Theater am Valentinskamp nicht möglich war und die moderne Bühne oft ungenutzt blieb. Am 18. Juni 1944, nicht einmal 15 Jahre nach der Eröffnung, zerbarst die schöne Filmtheaterwelt: Eine einzelne Bombe löste einen Brand aus, der den Kinosaal vernichtete.

Abriss des Deutschlandhauses steht bevor

Zu diesem Zeitpunkt waren die beiden jüdischen Architekten Block und Hochfeld längst emigriert. In seinen Memoiren schrieb Hochfeld: „Die 20 Jahre im Baufach in Hamburg waren für mich die lebendigste, schöpferischste, an Erfahrungen reichste Zeit meines Lebens“. Es ist ein schlechter Treppenwitz deutscher Geschichte, dass in ihrem Deutschlandhaus ein junger Architekt das Restaurant gestaltete und dort sogar ein Büro bezog: Konstanty Gutschow, der spätere Architekt der „Führerstadt“ Hamburg, für die er ein 250 Meter hohes Gau-Hochhaus, eine Volkshalle und die Elbhochbrücke plante. Größenwahn, der in der totalen Niederlage endete.

1945 zogen die Briten in den sonst kaum zerstörten Bau, der fortan „Hamburg House“ hieß und den „Victory-Club“ beherbergte. Die Besatzer begannen das Gebäude umzubauen, bevor die Dresdner Bank das Deutschlandhaus zwischen 1976 und 1982 endgültig zu Tode sanierte. Wie sagte der Hamburger Architekturkritiker Hermann Hipp? Das Deutschlandhaus sei „nach der Erneuerung der Bausubstanz eine abgeschwächte Kopie seiner selbst“.

Darin liegt einer der Gründe, warum der Abriss in den kommenden Wochen wahr werden dürfte. An derselben Stelle soll dann ein Neubau von Hadi Teherani entstehen, der einen 35 Meter hohen Innenhof mit Glasdach und mehrere 20 Meter hohe Palmen an „umlaufenden Wasserbecken“ bekommen soll. Die Fassade aus rotem Backstein und mit horizontalen Fensterfronten ist dem alten Deutschlandhaus nachempfunden. „In der Frage des Abrisses bin ich etwas zwiegespalten. Der Bau hatte nie die Qualität der Finanzbehörde und ist durch die Fassadengestaltung in den 70er-Jahren entstellt worden“, sagt Kritiker Kähler. „Mich stört der Neubauentwurf von Teherani nicht.“

1958 kam Romy Schneider zur Eröffnung des Ufa-Palasts

Im Krieg wesentlich stärker zerstört wurde die Finanzbehörde von Fritz Schumacher, die gegenüber steht. Ein Treffer hatte den Flügel zum Valentinskamp schwer in Mitleidenschaft gezogen. Vorübergehend stand die gesamte Bebauung am südlichen Gänsemarkt zur Disposition. Denn die autogerechte Stadt brauchte Platz, viel Platz. So gab es Pläne im Wirtschaftswunder, von der Alster zu einem neuen Elbtunnel am Baumwall eine Nord-Süd-Trasse zu schlagen.

„Mit ihren beiden Flügeln und der Kuppel ist die Finanzbehörde einer meiner Lieblingsbauten von Schumacher“, sagt Kähler. „Das ist ganz großes Kino. Unvorstellbar, dass in den 60er-Jahren an ihrer Stelle eine vierspurige Zufahrtsstraße zum Elbtunnel entstehen sollte.“

Ende 1968 veröffentlichte Abendblatt-Autor Ferdinand Gatermann die großen Pläne für den Gänsemarkt: Ein Kaufhaus, Fachgeschäfte aller Art, Supermärkte, Gaststätten, Ausstellungs- und Versammlungsräume, Büros und Wohnungen sollten im neuen „ABC-Viertel“ zwischen Gänsemarkt und Unilever-Hochhaus entstehen. Oberbaudirektor Professor Otto Sill brüstete sich, dass die Behörde schon „mit mehreren großen Interessengruppen“ verhandele. „Die alten Häuser, lichtlosen Hinterhöfe und Kriegsruinen dieses Viertels müssen verschwinden.

Das steht seit Jahren bei der Planung fest“, hieß es im Abendblatt. Bei so viel Fortschrittsbegeisterung musste nur noch eine Frage geklärt werden: „Als störend für die Anziehungskraft dieses neuen Einkaufszentrums könnte sich der große Klinkerbau der Finanzbehörde erweisen. Die Architekten haben noch die stille Hoffnung, dass vielleicht ein Kaufhauskonzern bereit ist, für die attraktivste Ecke die hohen Kosten des Abbruchs und des Neubaus von Verwaltungsräumen im ABC-Viertel zu übernehmen.“

Ende der 60er herrschte am Gänsemarkt die Subkultur

Tatsächlich sah das Viertel zu dieser Zeit ganz anders aus – rund um den Gänsemarkt regierte die Subkultur, schetterige Seemannskneipen und trashige Trödler in abrissreifen Altbauten. Bis in die 60er-Jahre hinein trafen sich hier Ausreißer und Außenseiter, Bohemiens und Hafenarbeiter. Der Hamburger Schriftsteller Hubert Fichte hat der Kellerkneipe Palette in seinem gleichnamigen Roman ein Denkmal gesetzt: „In der Palette gibt es alles. Die Palette ist das Beste, was es in Hamburg gibt.“

Etwas anders beschrieb die „Zeit“ 1964 die Kaschemme in der ABC-Straße 55: „Der Dunst, der mir entgegenschlägt, als ich die fünf Stufen herabsteige, ist infernalisch; stickiger Tabakqualm, Schweißgeruch; abgestandenes Bier, Mottenkugeln, Parfüm. Der Lärm ist für Augenblicke betäubend: Sprachgewirr, der grelle Klang einer Schiffsglocke (die Bardame läutet jeden Freitrunk ein), Gelächter und die leiernde Melodie: ,Donne moi ma chance ...‘ (Gib mir ’ne Chance). Bei einer mit fast französischem Chic angezogenen, dezent geschminkten Tochter aus offensichtlich gutem Hause steht jener Typ von Bösewichten, wie sie jeder landläufige Krimi enthält: wirres Haar, unrasiert, offenes buntes Hemd, zerknitterte Hosen, Latschen, keine Strümpfe, schmutzige Füße.“

Die Palette war Sehnsuchtsort und Sündenpfuhl zugleich. Allein im Juli und August 1964 musste die Polizei 22-mal zur Palette ausrücken, im selben Jahr wurde die Kneipe behördlich geschlossen. Heute steht dort das Marriott-Hotel. Nach und nach wurde das Viertel ­saniert, viele Häuser zerfielen: zu Staub, manche wurden restauriert. Die Kinos und das Amüsement aber blieben, ­geliftet und aufgehübscht. „Der Gänsemarkt ... wird immer deutlicher zum Ausgangspunkt für städtische Vergnügungen: Oper und Kino, Kneipen und Gartencafé“, freute sich 1988 das Abendblatt.

1958 wurde der neue Ufa-Palast eröffnet

Schon im Februar 1958 hatte die Ufa hier ihren neuen Filmpalast an der Stelle des alten Lessing-Theaters eröffnet – ein großzügiges Haus mit edlem Teakholz, reizvoller Beleuchtung und großer Filmreklame. Rund 8000 Hamburger waren zum Gänsemarkt gekommen, um die Schauspielerin Romy Schneider bei der Premiere der Komödie „Scampolo“ sehen zu können. Die Begeisterung eskalierte, Absperrungen brachen, die Polizei fuhr einen Wasserwerfer auf, um die Fans zu beruhigen. Noch einmal feierte Hamburg große Kinomomente.

1974 wurde der große Saal in sieben Schachtelkinos unterteilt, in den 80er-Jahren bekam der Wirtschaftswunderbau sein Backsteinmäntelchen. 1995 wurde das Gebäude abgerissen und 1997 durch ein modernes Multiplexkino ersetzt. Dieser dritte „Ufa-Palast“ schlitterte nicht einmal ein Jahrzehnt darauf in die Pleite, wurde 2006 dem Erdboden gleich gemacht und durch einen Bürobau ersetzt. Damit endete ein Stück Geschichte.

Der Gänsemarkt war über Jahrhunderte Ausgehmeile gewesen. Seine Anfänge reichen zurück bis ins 14. Jahrhundert. Zunächst wurde er landwirtschaftlich genutzt. Ab Mitte des 17. Jahr- hunderts hieß er Forum anserum (lat. anser: Gans), vom Beginn des 18. Jahrhunderts an nannte man ihn Gänsemarkt. Damals schon konzentrierte sich hier auf wenigen Tausend Quadratmetern deutsches Kulturschaffen. Das erste bürgerlich-städtische Theater im deutschen Sprachraum überhaupt stand am Gänsemarkt. „Hamburg konnte für sich beanspruchen, das erste öffentlich zugängliche Opernhaus der Welt nach Venedig eröffnet zu haben“, schreibt der Theaterwissenschaftler Jens Malte Fischer.

1678 eröffnete das Opernhaus

Am 2. Januar 1678 eröffnete das Haus mit der Oper „Adam und Eva“. Es bot 2000 Plätze und lockte große Musiker in die Stadt. Ab 1703 spielte Georg Friedrich Händel im Opernorchester zunächst Violine, später Cembalo. Am Gänsemarkt wurden seine ersten Opern aufgeführt, bevor er in den sonnigen Süden floh. Georg Philipp Telemann schließlich leitete das Opernhaus von 1722 bis 1738.

An seine Stelle trat 1765 das Deutsche Nationaltheater, an dem Gotthold Ephraim Lessing ab 1767 für drei Jahre als Dramaturg wirkte. Am 30. September wurde seine „Minna von Barnhelm“ am Gänsemarkt uraufgeführt und von Publikum wie Kritik gleichermaßen gefeiert. Johann Wolfgang von Goethe lobte das Lustspiel als „glänzenden Meteor.

Es machte uns aufmerksam, dass noch etwas Höheres existierte, als wovon die damalige schwache literarische Epoche einen Begriff hatte.“ Das alles aber half nicht – 1769 musste das Theater aus finanziellen Gründen schließen, und Lessing zog weiter nach Wolfenbüttel, um eine Stelle als Bibliothekar anzunehmen. Als er 1781 starb, ignorierte der Senat das Ableben des großen Dichters mit den dürren Worten „Von Lessing ist keine Notiz zu nehmen“. Es sollte 100 Jahre dauern, bis Lessing sein Denkmal auf dem Gänsemarkt bekam.

Schon zuvor, im Jahr 1804, wurde der Gänsemarkt zum Rummelplatz: Nachdem der Senat den gotischen Hamburger Dom, in dessen Kreuzgängen der Markt stattgefunden hatte, hatte abreißen lassen, zogen die Händler und Schausteller zum Gänsemarkt.

Später entwickelte sich der Platz eher zum Verkehrsknotenpunkt. Bis in die 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts ratterten hier die Straßenbahnen, bis in die 80er parkten Autos auf dem Gänsemarkt. Gleich mehrfach wurde der Platz in den vergangenen Jahren umgestaltet.

Passagen saugen Menschen von der Straße weg

Eigentlich bringt der Gänsemarkt alles mit, was ein funktionierender Platz benötigt: Wie ein Dreieck liegt er da, mehrere belebte Straßen wie der Jungfernstieg, die Dammtorstraße, der Valentinskamp oder die Gerhofstraße münden hier oder führen entlang. Die Proportionen stimmen, die Bebauung schafft ein intimes Platzgefühl.

Das Büro WLES des renommierten Landschaftsarchitekten Hinnerk Wehberg war für die Neugestaltung in den 80er-Jahren verantwortlich. Damals schuf sein Büro eine „Speaker’s Corner“ und versetzte das Lessing-Denkmal aus der Mitte des Platzes als Art Stolperstein vor die Einmündung der Gerhofstraße. „Uns hat der Toleranzgedanke von Lessing schwer beeindruckt“, sagt Wehberg. „Wir haben den Platz im Büro immer Platz der Toleranz oder den Lessing-Platz genannt.“ Ein solcher Name würde der Hansestadt auch heute gut zu Gesicht stehen.

Bei der letzten Umgestaltung 2017 wurde der Gänsemarkt wieder neu gestaltet, einheitlich gepflastert und das Lessing-Denkmal in die Mitte zurückversetzt. „Heute ist er sehr glatt, sehr nüchtern“, sagt Wehberg. Der Platz funktioniere, habe aber dieselben Pro­bleme wie die City insgesamt. Der Gänsemarkt krankt daran, dass zu wenige Menschen in der Hamburger Innenstadt leben und so das Leben nach Geschäftsschluss schwindet. „Wir brauchen mehr Wohnungen“, sagt Wehberg. „Und wir benötigen so viele Türen wie möglich zum öffentlichen Raum hin.“ Die Passagen hätten die Nebenwirkung, das sie Passanten weg von den Straßen in die Häuser saugen. „Was passiert dann aber mit den Bürgersteigen und der Belebung des öffentlichen Raumes?“ Wenn wie ­aktuell ein städtischer Platz zur Baustelle, immer wieder abgerissen und neu gebaut werde, bleibe das nicht folgenlos. „Ich weiß nicht, ob es schadet. Aber es hilft sicherlich auch nicht“, sagt Wehberg.

Ein Ruhepunkt war der Gänsemarkt eigentlich nie

Auch der mit viel Geld sanierte Opernboulevard hat das wilde Leben nicht auf den Gänsemarkt zurückgebracht Außerhalb der Ladenöffnungszeiten liegt er oft leer und verlassen da. Auf dem Kopf des Dichters thront respektlos eine Taube, sie fühlen sich dort sichtlich wohl. Die Menschen hasten vorbei. Ein großes Hinweisschild weist den Weg zum Rathaus, zur Alster, nur weg hier.

Kritisch äußert sich auch Kähler. „Aus der Geschichte heraus ist der Gänsemarkt eher Verkehrsknotenpunkt denn ein Platz zum Verweilen: Ein Ruhepunkt war er eigentlich nie.“ Er könne aber ein schöner Platz werden, wenn man die Verkehrsproblematik löse. „Am sinnvollsten wäre es, die Innenstadt für Autos zu sperren.“ Kähler träumt von einer Metropole der nachhaltigen Mobilität mit Fußgängern, Radlern, Segway-Fahrern und Golfwagen, die ältere Menschen transportieren könnten.

Das klingt nach Zukunftsmusik. Dabei weist mitunter auch das Gestern ins Morgen. Zur Eröffnung der Gänsemarkt Passage erschien 1979 ein kleiner Band zum „Gänsemarkt im Wandel der Zeit“, herausgegeben vom Investor in Zusammenarbeit mit dem Verein für Hamburgische Geschichte.

Auf der letzten Seite heißt es: „Das Bild des Gänsemarktes unterlag einem ständigen Wechsel. Nicht alle Häuser waren für lange Zeit gebaut ... Der Umstand aber, dass Häuser mit wohlerhaltener Bausubstanz abgebrochen werden, um aus moderneren Gebäuden eine höhere Rendite erzielen zu können, ist ein beängstigendes Problem der Gegenwart.“